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Centraltheater: Wer nicht verstehen kann, wird fühlen

Centraltheater: Wer nicht verstehen kann, wird fühlen

Theater, sagt Jacques Rivette, sei die "zivile Version von Film". Und fährt fort: "Denn was in Filmen wichtig ist, ist der Augenblick, in dem es keinen Autor mehr gibt, keine Darsteller, auch keine Geschichte mehr, kein Thema, sondern nichts anderes, als nur noch den Film, der spricht und der etwas sagt, was man nicht übersetzen kann.

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Euphorisiert: Sarah Franke (Mitte) in "Nostalghia".

Quelle: Rolf Arnold Centraltheater

Leipzig. "

Die Filme Andrej Tarkowskis sind voll von Augenblicken des Unübersetzbaren. Sie bringen etwas zum Schwingen, das in einem Erfahrungs- und Empfindungsbereich wurzelt, in welchen das, was man zumindest im westlichen Theater gemeinhin kommuniziert, nicht hineinreicht. Herrscht doch in diesem Theater - selbst, wenn es sich dem zu entziehen sucht, etwa einen "Faust" ohne Worte inszeniert - die Machtstellung des Gesprochenen, des Wortes. Herrschen Autor, Darsteller, Thema.

Für die Russen-Trilogie "Entscheide dich für die Liebe" im Centraltheater hat Regisseur Alexander Eisenach jetzt Tarkowskis "Nostalghia" auf die Bühne gebracht. Das heißt, er hat Unübersetzbarkeit zu übersetzen versucht. Und ist - natürlich - gescheitert. Doch das mit einer fesselnden Inszenierung.

Andrej, ein russischer Schriftsteller im italienischen Exil. Eugenia, seine ihn liebende Übersetzerin. Und Domenico, ein einsamer Mathematiker, gleichsam heiliger Irrer, der in Erwartung der Apokalypse sich und seine Familie sieben Jahre in seinem Haus einschloss. Diese Trias bildet in "Nostalghia" die Eckpunkte für ein Lamento über Entwurzelung und Sehnsucht, des modernen Menschen "metaphysische Unbehaustheit" und sein Leiden daran.

Was Eisenach nun aus diesem Stoff macht, ist durchaus als eine Erkundung des Unübersetzbaren lesbar. Russisch, Italienisch und die Übertragung der Sprachen - Eisenach lässt das alles in Deutsch geschehen. Und doch spricht hier jeder eine andere Sprache, kann sich keiner dem andern wirklich verständlich machen. Womit dem Regisseur eine wunderbar einfache Metapher gelingt. Und Szenen, die an der spielerischen Oberfläche aufblühen lassen, was sich in den Tiefenschichten der Inszenierung birgt.

Guido Lambrecht als Andrej und Christian Kuchenbuch als Domenico geben dabei die spiegelverkehrten Seelenverwandten, die zwei Männer in Schwermut, die das Leben beschwören (oder beschwören wollen) und den Tod finden. Das fließt schön in ruhigen, grüblerisch-spröden Dialogen. Und nervt im gelegentlichen Gebrüll emotionalen Aufwallens.

Aber darstellerisch gehört der Abend ohnehin den Frauen: In einer Nebenrolle als russische Gattin Andrejs schwebt Linda Pöppel selbst dann noch über den Dingen, wenn sie über das Dreck-Aschefeld im Festspielarena-Raum stöckelnd (Bühne: Clementine Pohl) aus einer riesigen Kanne Milch ins kleine Schälchen am Boden zu gießen hat. Und es euphorisiert Sarah Franke, wenn die ihrer Verzweiflung und Wut über die mitunter autistisch aufscheinende Schwermut Andrejs freien Lauf lässt. Laut, aber nicht brüllend. Ekstatisch, aber nicht hysterisch. Mit einem tollen Monolog, der stellvertretend zugleich auch vom Scheitern dieser Inszenierung spricht. Weil er auch nicht sagt, was man nicht übersetzen kann. Weil der Darsteller da ist (und zwar großartig), weil das Thema behandelt wird - und das klug und empathisch. Was nichts ändert: Poesie lässt sich nicht übersetzen, sagt Andrej einmal. Tarkowskis Film ist reine Kinopoesie. Eisenachs Stück liefert dazu die zivile Version.

Vergeblich jagt der Mensch einen Klumpen Eis, versucht zu fassen, was nicht zu greifen ist. Gebeugt muss er gehen unter den fünf Buchstaben, aufs Kreuz geschnallt: A N G S T. Zum Abschluss der Russen-Trilogie "Entscheide dich für die Liebe", in der Intendant Sebastian Hartmann schon Dostojewski und Sorokin auf die Bühne gebracht hat, stellte Robert Borgmann am Samstagabend "Angst" nach Tschechow und Dostojewski neben Alexander Eisenachs Tarkowski-Version "Nostalghia".

Dmitri Petrowitsch hat grundsätzlich Angst. Weil sein Leben nichts anderes ist als die tägliche Sorge, sich selbst und andere zu betrügen und das nicht zu bemerken. "Ich sehe, dass wir zu wenig wissen und deshalb jeden Tag Fehler begehen." Seine Lebensangst füllt eine Lücke, die die Liebe lässt. Denn seine Frau liebt ihn nicht und ebenso wenig der Freund, der "eine gewöhnliche gute Bekanntschaft" vorzöge. Auch was diesen Freund mit Dmitri Petrowitschs Frau zusammen- bringt, kann Liebe nicht genannt werden; es geht um Sehnsucht, Illusionen, eine emotionale Nostalgie - wie oft im Leben und fast immer bei Anton Tschechow.

Dessen titelgebende Erzählung hält Regisseur Borgmann lange zurück. Er lässt zunächst Bilder wirken, Assoziationen, wenn sich mit Carolin Haupt und Maximilian Brauer zwei junge Menschen umeinander bemühen - zögerlich im Gestus, doch klar in den Forderungen. Die von Wünschen erzählen, immer vertrauter werden, während die Frau auf einen anderen wartet. Dafür nutzt Borgmann Fjodor Dostojewskis Novelle "Weiße Nächte. Ein gefühlvoller Roman (Aus den Memoiren eines Träumers)". Er zerkleinert Dialoge und Gedanken, dass die Splitter fliegen, rhythmisiert den Text in Wiederholungen, lässt ihn ausbremsen in Improvisation. Haupt und Brauer sind in Innigkeit wie Aggression hinreißend. Es ist lustig, wenn Brauer, im Kleid, nach kurzer Liaison mit einem riesigen Lippenstift als Clown geschminkt davonkommt. Im Slapstick aber geht der Zauber unter, da bleibt die Seele unberührt.

Das übernimmt Berndt Stübner in großen Schmerzensmonologen. Er deutet die Worte des bei Dostojewski 26-Jährigen zur bitteren Bilanz um, schafft der Eindringlichkeit Raum, die dieser Stoff braucht, wenn beispielsweise von jener Einsamkeit die Rede ist, aus der heraus der Mann sich in ein Ideal verliebt. Wenn zwischen unmöglicher Liebe und Selbstmord jede Idee ins Bodenlose fällt.

Mit der Melancholie sitzt bei Tschechow immer auch die Ironie am Tisch. Und Manolo Bertling bedient sie fabelhaft, als sein Dmitri Petrowitsch den Kampf gegen die Müdigkeit pantomimisch verliert. Die Erkenntnis, dass Angst macht, was unbegreiflich ist, bildet den Kern der Erzählung und steht auch im Zentrum der Inszenierung, die jedoch nur locker darum kreist. Schwarz und weiß sind Borgmanns Kostüme und ist die Bühne, deren Spiegelfolienboden die Figuren auf sich selbst zurückwirft. Ein kalter Raum in kaltem Licht mit immer mal bedrohlich anschwellenden Klängen (Live-Musik: Webermichelson) hinter effektvollen Nebelbergen.

Hier wohnt die Liebe nicht, sie wartet anderswo. Vielleicht in der Erinnerung. Nach knapp zwei Stunden ist der Eisklumpen geschmolzen und gibt eine Pistole frei. Das letzte Wort der Angst bleibt Schweigen.

Zum letzten Mal: heute, 20 Uhr, Festspielarena im Centraltheater; Restkarten unter Telefon 0341 1268168

 

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 10.06.2013

Steffen Georgi, Janina Flesiche

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