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Chaillys Brahms-Zyklus im Gewandhaus: Selbstverständlich radikal

Chaillys Brahms-Zyklus im Gewandhaus: Selbstverständlich radikal

1896 dirigierte Felix Weingartner in Wien Brahms' Zweite. Hinterher kam der mit Lob äußerst geizige Komponist zu ihm und bekam sich gar nicht wieder ein vor Begeisterung.

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Riccardo Chailly und Arcadi Volodos im Großen Concert.

Quelle: Wolfgang Zeyen

Leipzig. Rund 40 Jahre später spielte dieser Weingartner einen Brahms-Zyklus auf Schallplatte ein. Und dieses Tondokument blieb das einzige, das eine Sicht konserviert, die Brahms' Zustimmung fand. Umso erstaunlicher, dass dieser schlanke, atmende, rhythmisch stringente Brahms später überrannt wurde von einer Interpretationsgeschichte, die in der pathetischen Zutat ihr Heil suchte, statt in der Partitur. Hier, bei Weingartner, setzt Gewandhauskapellemeister Riccardo Chailly seinen aktuellen Brahms-Zyklus an, der ganz anders ist als die vorigen am Augustusplatz, ganz anders auch als der, den Chailly selbst in Amsterdam einspielte, wo er Chef war, bevor er 2005 nach Leipzig kam.

Seit er dirigiert, beschäftigt ihn Brahms. Diese Kontinuität spiegelt sich nun wieder in der logischen Selbstverständlichkeit, des neuen Zyklus, der auch auf CD vorliegt. Dessen Summe das Gewandhausorchester noch bis Samstag in seinen Großen Concerten zieht. Der dann in jeweils vier Konzerten in London, Paris und Wien zeigt, dass die Brahms-Musik derzeit in Leipzig spielt.

Am Sonntag standen im ausverkauften Gewandhaus zweite Sinfonie und zweites Klavierkonzert auf dem Programm. In dieser Reihenfolge - was überrascht, steht doch das Instrumentalkonzert traditionell im ersten Teil. Das allerdings ist vormittags mit dem Biorhythmus des unvergleichlichen Arcadi Volodos, der den Klavierpart übernimmt, nicht vereinbar. Also steht die Sinfonie nebst Zugabe (erster Ungarischer Tanz) vor der Pause. Was gut funktioniert, weil das Klavierkonzert so gewichtig ist wie die Sinfonie.

Radikal anders geht Chailly sie an. Doch bleibt der Kulturschock aus, Weil sich seine Herangehensweise auch beim Hören sofort erschließt. Denn dieser Brahms, der ohne bedeutungshuberisches Beiwerk auskommt, überzeugt von den ersten Tönen an durch eine lautere Schönheit, die sich selbst genügt.

Brahms, der vermeintliche Klassizist, hat auch in dieser Sinfonie verwirklicht, was Wagner, der selbsternannte Avantgardist, als "Kunst des Übergangs" und seine Erfindung ausgab: die fortwährende Selbstzeugung der Musik. Grandios überführt das Gewandhausorchester die Entwicklungsstadien der motivischen Arbeit ineinander, bedarf dabei zum Wechseln der Farbe, der Bewegungsform, des Charakters keiner Kunstpausen. In Echtzeit reagieren die Musiker um Konzertmeister Christian Funke auf Chaillys Fingerzeige, die immer neue unerhörte Herrlichkeiten in den Fokus rücken. Weder Schönheit noch gar Tiefe leiden unter dieser uneitlen Musizierhaltung. Wenn im Kopfsatz die Streicher glühen, im Scherzo das fabelhafte Holz plappert, das zuvor noch entrückt sang im Adagio non troppo, wenn im Finale schließlich sich all dies in Bewegung auflöst - die doch auch immer wieder sanft schwingende Kantilenen zulässt, dann ist Chaillys hoher Anspruch Klang geworden: "Die Dramatik dieser Musik muss ohne Exzesse hörbar werden."

Auch nach der Pause. Dabei böte das zweite Klavierkonzert hinreichend Gelegenheit zur interpretatorischen Selbstüberhöhung. Doch wie sie Chailly fremd ist, der sich hinter die Partitur zurückzieht, geht dieses Bedürfnis auch dem vortrefflichen Volodos ab. In aller tiefer Ruhe und Versenkung übernimmt er, der Über-Virtuose, den Impuls von Clemens Rögers herrlichem Solo-Horn. Immer wieder lässt Volodos den Blick durchs Orchester wandern, holt seine wechselnden Kammermusikpartner ab, kulminierend im überirdisch schönen Cello-Solo Jürnjakob Timms im Andante. So klar, so kristallin, so klassisch klingt dieses gewaltige Konzert nur selten. Auch nicht so modern. Weil Struktur und Wonne, Geist und Seele sich gegenseitig tragen. Die technischen Herausforderungen, vor die dieser B-Dur-Koloss nicht nur den Pianisten stellt, sondern alle Beteiligten, treten beinahe bescheiden zurück hinter eine tief empfundene Schönheit, wie sie natürlicher, unmittelbarer und poetischer kaum sein könnte.

Folgerichtig ist der Jubel gewaltig. So gewaltig, dass selbst die strategisch geschickt im Saal verteilten Huster, die noch jeden Satz zuvor verbellt haben, wenigstens am Schluss nicht zu hören sind. Und im Taumel der allgemeinen Begeisterung ist auch der Ärger angesichts der Schlangen verraucht, die sich vor Beginn an nur zwei besetzten Kassen bildeten, wo neben dem ausverkauften Großen Concert auch noch das Salonorchester Cappuccino im Mendelssohn-Sal abzuwickeln war.

Pressfrisch im Handel:

Für Decca haben Riccardo Chailly und das Gewandhausorchester auf drei CDs alle Sinfonien von Johannes Brahms eingespielt, einschließlich alternativer Fassungen, dazu Ouvertüren, Haydn-Variationen und mehr (Decca)

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 14.10.2013

Peter Korfmacher

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