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Charmanter Underground-Dilettantismus: Aufzeichnung der Sitcom „Auf der Flucht“

Ilses Erika Charmanter Underground-Dilettantismus: Aufzeichnung der Sitcom „Auf der Flucht“

„Auf der Flucht“ heißt die sechsteilige Mini-Serie von Uwe Schimunek und Roman Israel. Gedacht für eine Veröffentlichung im Internet, wurden am Mittwoch im Ilses Erika vor Publikum alle Folgen in einem Rutsch gedreht.

Mies gelaunter Zyniker: Kapitän Ben Ebelt (Christian Feist) in seiner Kommandozentrale.

Quelle: Christian Modla

Leipzig. Interplanetare Reisen sind kein Zuckerschlecken. Schon gar nicht, wenn man neben dem Steuern des Raumschiffs eigentlich dringend seine Bachelorarbeit in Philosophie schreiben müsste. Und dazu auch noch Single ist. Raumschiff-Kapitän Ben Ebelt, herrlich schluffig-studentisch dargestellt von Ex-Cammer­spieler Christian Feist, bieten sich zur Überwindung der kosmischen Einsamkeit nur zwei Möglichkeiten: Die optisch nicht besonders reizvolle Schnurrbartfrau aus der galaktischen Tinder-App oder die künstliche Bordintelligenz „Circa“, deren Ungenauigkeiten und Fehlberechnungen den Kommandeur im gelben Sponti-Pullover regelmäßig zur Weißglut bringen.

Keine rosigen Aussichten im All, zumal feindlicher Beschuss und Weltraumschrott auf Kollisionskurs regelmäßig den roten Alarm und damit vor allem Wortgefechte zwischen Kapitän und Computerstimme auslösen.

„Auf der Flucht“ heißt die sechsteilige Mini-Serie, die Uwe Schimunek und Roman Israel seit Februar am „kleinsten Raucherstammtisch Leipzigs“ zu Papier gebracht haben, um sie an diesem Mittwochabend im Ilses Erika vor Publikum aufzuführen. Bislang gemeinsam für die Lesebühne „Book Brothers“ und die literarische Quizshow „Buch oder Bier“ verantwortlich, haben die beiden Autoren sich mit diesem Projekt ins Sci-Fi-Genre gewagt. Dass der Etat hierfür bei exakt null Euro lag, geben die Schöpfer gern preis und schlagen aus dem gewollten Minimalismus kreatives Kapital: Abgerollte Alufolie verkleidet die Bühnenwand im Spaceshuttle-Look, silberne Windschutzscheibenschoner hängen von der Decke, Rohrdämmung und Bühnenspots werden zum blinkenden Alarmsystem, während mittig in der Bühne eine Hängematte das Handelszentrum für Kapitän Bens miese Laune und zynische Kommentare hergibt.

Chaos im Kosmos

Aus dem Off tönt die Stimme von Ine Dippmann, die als weiblicher Bordcomputer mit Programmiermängeln zwar keine präzisen Angaben machen kann, dafür aber ihre Imitation des Mensch-Seins mit allen Emotionen auskostet. Und sich als stark reizbares System ständig mit dem Capt’n anlegt, was unweigerlich für Chaos im Kosmos sorgt. Denn: Prinzipiell ist „Auf der Flucht“ als Sitcom angelegt und wird während der Vorführung parallel für YouTube aufgezeichnet.

So gut der Schlagabtausch zwischen den beiden Protagonisten aber funktioniert, so schwer kommt die Gag-Stimmung in Fahrt. Vielleicht liegt das am nicht ganz vollzähligen Publikum, vielleicht an den hier und da recht konstruierten Klischees von Mann und Frau. Vielleicht aber auch einfach am falschen Label. Denn als Performance-Serie ist „Auf der Flucht“ ein wunderbares Format, das mit einer Handvoll Astro-Requisiten, dem VLC-Player-Balken auf dem Raumschiff-Monitor, hier und da falsch abgespielten Sounds und Electro-Pop-Songs von André Seifert an Synthie und Macbook einfach abgefahren anders ist. Charmanter Underground-Dilettantismus, der nirgendwo besser platziert ist als in der Wohnzimmer-Atmosphäre der Ilse.

Als am Ende noch Hausherr Jörn Drewes als Schnurrbartfrau mit blonder Perücke, falschen Brüsten und rotem Lippenstift auf die Bühne tänzelt, da mag man gern noch eine Episode mehr anschauen. Vielleicht wird das Projekt ja, wie im Serien-Business üblich, für eine weitere Staffel verlängert. Die abgedrehten Episoden gibt es nach dem Schnitt dann erst einmal im Frühjahr auf YouTube zu sehen.

Von Tobias Ossyra

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