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Christa Wolfs neuer Roman: „Stadt der Engel oder The Overcoat of Dr. Freud“

Christa Wolfs neuer Roman: „Stadt der Engel oder The Overcoat of Dr. Freud“

Vor 700 Besuchern hat Christa Wolf am Mittwoch in der Berliner Akademie der Künste ihren neuen Roman vorgestellt: „Stadt der Engel oder The Overcoat of Dr. Freud“.

Leipzig. Und tatsächlich ist es ein Buch, das reifen musste, um in großer Offenheit vom Leben in der DDR, deren Ende, von Träumen und Albträumen zu erzählen. Über zehn Jahre hat die Schriftstellerin daran gearbeitet. Entstanden ist ihr „Lebensmuster“.

Die Erzählerin reist weit, um zu sich zu kommen. Anfang der 90er lebt sie als Stipendiatin der Ghetty-Stiftung für neun Monate in Santa Monica. Drei Jahre nach dem Mauerfall folgt die Ikone der DDR-Literatur hier der Spur der Schmerzen, sucht Wahrheit. Zukunft scheint nur möglich, wenn man die Vergangenheit mit hineinträgt. Das setzt Verstehen voraus. Und Verständnis. „Vielleicht wird man sagen: Sie haben zuletzt ohne Illusion, aber nicht ohne Erinnerung an ihre Träume gelebt. An den Wind Utopias in den Segeln ihrer Jugend.“

In einer Art Doku-Fiction verwebt Wolf mühelos Zeiten, Genres, Handlungsebenen, reale Figuren mit literarischen. Der Sog, der sich dabei entwickelt, zieht sie – und mit ihr die Leser – unter die Erinnerungsflächen. In ihrem Zimmer im Hotel Ms. Victoria, auf einem Schild steht „Old World Charm“, liest sie in den Exil-Tagebüchern Thomas Manns und den Briefen einer gewissen L. an die gemeinsame Freundin Emma; der erste stammt vom September ’45. Hier ist sie allein mit Träumen und Star-Trek-Episoden, die ihr Bedürfnis nach Märchen, nach glücklichen Ausgängen befriedigen.

Ansonsten genießt sie die kalifornischen Sonnenuntergänge, den Pazifik, das Licht, besucht mit den anderen Stipendiaten Ausstellungen, macht Ausflüge, wird eingeladen zu Treffen der Exilanten und immer wieder nach Deutschland gefragt – die Bilder brennender Asylantenheime beunruhigen amerikanische Freunde.

Auf dem Esstisch im Hotel steht ihr „Maschinchen“, in das sie die Essenz ihres Nachdenkens tippt. Oft sind die Sentenzen eine Verdichtung der Unterhaltungen mit dem 50-jährigen Peter Gutman, einer Art philosophischem Über-Ich der Erzählerin, die wiederum ein verwandeltes Ich der Autorin Wolf ist. In den Erinnerungen wechselt das Ich zum Du oder Ihr, womit es sich mal zu distanzieren scheint, mal zuzuwenden. „Niemand wird sich heute vorstellen können, wie mühsam, in wie kleinen Gedankenschritten, gegen welchen inneren Widerstand und über wie lange Zeit hin ihr euch eure Einsichten erarbeiten mußtet.“

Christa Wolf begibt sich in ihre Jugendzeit und zu den Enttäuschungen, die seit Mitte der 60er immer wieder an Wendepunkte führen. So hätte sie nicht mehr schreiben können, wenn sie Wolf Biermanns Ausbürgerung 1976 stillschweigend hingenommen hätte. „Zum Schreiben haben mich ja immer die Konflikte getrieben, die ich in dieser Gesellschaft hatte.“ Ihr Ur-Wunsch sei es: sich kenntlich zu machen durch schreiben. Tatsächlich war und ist es ein Kennenlernen, sind die Sehnsüchte und Enttäuschungen der Hauptfiguren die der Autorin Wolf.

Anmaßungen der Deutungshoheit anderer über ihre Vergangenheit begegnet sie schonungslos bis zur Selbstzerfleischung. Auch darum weiß sie: „Jede Zeile, die ich jetzt noch schreibe, wird gegen mich verwendet werden.“ 1992 entdeckt sie ihre so genannte Täterakte. Sie liest von sich als „IM Margarete“ und kann sich nicht erinnern. IM, zwei Buchstaben, die den höchsten Grad von Schuld bezeichneten. Weglaufen nützt nichts. Sich stellen nützt auch nichts. Sie habe die Wahl zwischen zwei Unmöglichkeiten.

Nach zehn Tagen, in denen sie 42 Bände Stasiakten über sich und ihren Mann ertragen hat, sich besudelt fühlte, nach der Erfahrung, dass der Blick in diese Protokolle die Vergangenheit zersetzt und die Gegenwart gleich mit vergiftet, schleudert diese letzte, schmale Mappe sie „unvorbereitet in eine andere Kategorie Mensch“. „Deine Schrift in einem offenbar harmlosen Bericht über einen Kollegen, Berichte zweier Kontaktleute über drei oder vier ,Treffs‘ und die Tatsache, daß sie dich unter einem Decknamen geführt hatten, machten diesen Faszikel zur ,Täterakte‘“.

Das Echo in der Presse stürzt sie in eine existenzielle Krise. Per Fax landen die Texte in Los Angeles. „In der Stadt der Engel wird mir die Haut abgezogen. Sie wollen wissen, was darunter ist, und finden wie bei einem gewöhnlichen Menschen Muskeln Sehnen Knochen Adern Blut Herz Magen Leber Milz. Sie sind enttäuscht, sie hatten auf die Innereien eines Monsters gehofft.“

Vor der Erinnerung war das Vergessen. Was für die einen kostbarer Besitz, ist für andere eine Last, die sie abwerfen müssen. Ohne Vergessen können wir nicht leben, sagt Sigmund Freud, dessen Mantel hier hilft, das Innere zu erkunden, es nach außen zu wenden, Verborgenes sichtbar zu machen. Wolf will herausfinden, warum sie damals „mit denen überhaupt geredet“ hatte.

Sie schreibt auch dieses faszinierend vielschichtige Buch als Selbstversuch; „daran erinnere ich mich“, „das weiß ich noch“, „ich versuche mich zu erinnern“, heißt es immer wieder. Es gebe mehrere Gedächtnisstränge. Das Gefühlsgedächtnis sei das dauerhafteste und zuverlässigste. „Wird es besonders dringlich gebraucht zum Überleben?“ Vielleicht so sehr wie die Selbstironie, auch die beherrscht sie.

Hier, in der Stadt der Engel, auf der anderen Seite der Wirklichkeit, webt Wolf ihren Stoff aus Tagebuch, Geschichte, Reisebericht, Politik und Reflexionen. Leicht und schwer. Sie erlebt die Feigheit vor dem Wort Kommunismus, sie kommt in den Häusern deutscher Emigranten gegen ein bedrückendes Gefühl der Vergeblichkeit nicht an. Und immer wieder, aus jeglicher Distanz, erkundet sie das Verlorene mit wachsendem Selbstbewusstsein: „Wir mochten unser Land nicht, wie es war, sondern wie es sein würde.“ Nichts war oder ist ihr gleichgültig – unduldsam, wie sie bleibt. „Wie soll ich ihnen erklären, dass der Schmerz ein Maß für die Hoffnung war, die ich immer noch in einem vor mir selbst verborgenen Versteck gehegt hatte.“

Christa Wolf: Stadt der Engel oder The Overcoat of Dr. Freud. Roman. Suhrkamp Verlag; 416 Seiten, 24,80 Euro (erscheint am 21. Juni)

Janina Fleischer

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