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Christina Haberlik porträtiert in ihrem Buch "Regie Frauen" mehr als 50 Theaterfrauen

Christina Haberlik porträtiert in ihrem Buch "Regie Frauen" mehr als 50 Theaterfrauen

Ein Porträtband beschreibt, wie Frauen den Regieberuf erobern. Das Buch „Regie Frauen. Ein Männerberuf in Frauenhand" versammelt mehr als 50 Porträts faszinierender Theaterfrauen, darunter auch die Leipziger Skala-Regisseurin Mareike Mikat.

Leipzig. Es krankt jedoch an der aufdringlichen Kommentierung der Autorin Christina Haberlik, die eine nicht mehr ganz zeitgemäße Einstellung zum Thema hat.

„Keine Frau am Regiepult", soll der Intendant Hans Lietzau einmal ans Schwarze Brett eines Münchner Theaters geschrieben haben. Das gilt heute nicht mehr, doch Intendantinnen wie Karin Beier in Köln und Amélie Niermeyer in Düsseldorf bleiben Ausnahmen. Allerdings verlassen immer mehr weibliche Absolventinnen die Regieschulen, vor allem Frauen profitieren von dem Verlangen nach immer jüngeren Theatermenschen. Deshalb ist es erst einmal reizvoll, einige von ihnen vorzustellen. Das Buch der Münchner Theaterwissenschaftlerin Christina Haberlik versammelt vier Generationen von Regie-Frauen: die Pionierin, etwa die Jüdin Ida Ehre, die nach dem Zweiten Weltkrieg Intendantin der Münchner Kammerspiele und von Walter Jens als „sanfte Diktatorin" bezeichnet wurde, die Durchsetzerin, die Profiteurin, die Regisseurin von (heute und) morgen, darunter auch die von Leipziger Inszenierungen bekannte Jorinde Dröse.

Ideologisch geprägtes Geschichtsbewusstsein

Die Autorin beschreibt einen „beruflichen Eroberungsprozess", jede Zeile zeugt von einem ideologisch gefärbten Geschichtsbewusstsein, wonach die „Lage der Frauen" sich stets verbessert und - überspitzt formuliert - die Regisseurinnen von heute undankbar ihr Erbe vernachlässigen. Eine in der Feminismusdebatte auch außerhalb des Theaterbereichs oft zitierte Kritik der Alice-Schwarzer-Generation an die Nachkommenden, die oft weniger in Mann-Frau-Kategorien denken. Haberlik befürchtet gar einen „Rückfall in die Zeiten vor der Emanzipation". Eine anzuzweifelnde These, die sich in mütterlich-betulichen Kommentaren in der Ich-Perspektive niederschlägt.

Allerdings versammelt das Werk eine Menge interessanter Biografiedetails, zum Beispiel, dass Annegret Hahn, Intendantin des Thalia Theaters in Halle eine Begabung für Mathematik hat, aber ein „Kommunikationsproblem" mit den Schauspielern, das sie oft scheitern ließ. Wunderschön die Erinnerungen des Lebenspartners an die an Krebs gestorbene Elke Lang. Leser erfahren, dass Katharina Thalbach sich für eine altmodische Regisseurin hält oder dass Doris Dörrie sich gezielt von Männern unterschätzen lässt. Und Mareike Mikat, Skala-Regisseurin in Leipzig erzählt, wie stark ihre Kindheit sie geprägt hat: „Es war extrem hart in diesem Plattenbau, wo ich aufgewachsen bin. Es gab Phasen, wo ich nur vor den Skinheads davongerannt bin, weil ich Punk war und blaue Haare hatte. Da denkt man schon, das ist wie Krieg." Mikat spricht von „patriarchalen Wurzeln des Theaters", Frauen dürften meist das Weihnachtsmärchen, den Jugendclub, vielleicht noch ein Frauenproblematik- Stück inszenieren, erfüllten als Dramaturginnen Alibi-Funktion. Sie würde gerne mal einen Baal nur mit Frauen machen. Mikat: „Manchmal habe ich das Gefühl, dass ich alleine durch das ganze Testosteron im Raum meine femininen Züge verlieren könnte."

"Konstanzchen, schau mal ..."

Das Buch versammelt viele solcher Erfahrungen, wie etwa Konstanze Lauterbach, die oft in Leipzig inszenierte, der von Gerhard Meyer in Chemnitz gesagt wurde: „Konstanzchen, schau mal, willst du wirklich den Beruf machen - der wird nur von Männern gemacht." Eindringlich auch, wie Christina Paulhofer, die als Shootingstar gehandelt wurde und jetzt an Burnout leidet, sagt: „Alle meine Beziehungen sind zerbrochen. Die wichtigen Männer in meinem Leben fühlten sich alle früher oder später bedroht von meinem Erfolg." Sie beneide die Regie- Männer, die ihre Schauspieler-Frauen auf die Bühne stellen könnten, andersrum funktioniere das aus Stolzgründen nicht. Und Peter Konwitschny, Schüler von Ruth Berghaus wird zitiert: „Eine ganz uralte Angst kommt hoch, dass eine Frau uns vom Weg abbringt. Wir Männer können nur etwas Vernünftiges machen, wenn wir uns der Frauen enthalten." Haberlik stellt zwar heraus, dass Regie- Frauen es in der DDR einfacher hatten als ihre Kolleginnen im Westen, allerdings zeigt sich ihr genereller Hang zur Verkürzung in Sätzen wie: „Wie sie (Annegret Hahn) die Wessis nach dem Mauerfall wahrgenommen habe, möchte ich zum Schluss noch wissen."

Thematisiert wird weiblicher Führungsstil, der jedoch von Frau zu Frau unterschiedlich ist. Brigitte Soubeyran, die mit Wolf Biermann 1961 das Berliner Studententheater „bat" gründete, sagt: „Der Chef sein, und eine Frau bleiben, das wollte ich immer", die Nachwuchsregisseurin Friederike Heller will nicht autoritativ, sondern auf Augenhöhe mit den Schauspielern inszenieren. Interessant sind auch Vermännlichungsklischees, die Frauen anhaften, die sich nicht weiblich kleiden. Während Barbara Frey als Intendantin des Zürcher Schauspielhauses gezielt Frauen engagiert, sagt Andrea Breth, ehemalige Künstlerische Leiterin der Berliner Schaubühne: „Die Leitung eines Theaters ist nicht eine Frage des Proporzes, sondern eine Frage der Qualität. Da spielt es überhaupt keine Rolle, ob das nun eine Frau ist oder ein Hund oder ein Mann oder ein Schwein - wenn das Schwein toll inszenieren kann." Wiederholt wird die Vereinbarkeit von Beruf und Familie angesprochen, erstaunlich etwa, dass Karin Beier es als Intendantin des Kölner Theaters schafft, jeden Tag um 16.30 Uhr nach Hause zu gehen und sich um ihr Kind zu kümmern. Haberlik konzentriert sich auf die Biografien und Aussagen zum Frauenthema und reduziert so - sowie durch Kommentare wie „sie hat ein angenehmes Erscheinungsbild" - doch wieder auf das Geschlecht. Über Ästhetik erfährt man leider recht wenig.

Felicitas Brucker, Jahrgang 1974, sagt über ihre Generation: „Ich glaube, es gibt ein anderes Einfordern von Bekenntnis, als es vor zehn Jahren der Fall war." Haberlik jedoch wundert sich über jede Frau, die kein Bekenntnis ablegen will.

Ausstellung „Regie Frauen" bis 29.8. im Deutschen Theatermuseum München.

Christina Haberlik. Regie Frauen. Henschel Verlag, 208 Seiten, 26,90 Euro

Nina May

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