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Claus Baumanns Ansammlung von Anekdoten

Claus Baumanns Ansammlung von Anekdoten

Der Buchtitel funktioniert als Warnung: "Es war einmal -" So beginnen keine Geschichtsstunden, sondern Märchenrunden. Autor Claus Baumann, Jahrgang 1945, möchte "Vom Mythos der Leipziger Schule" künden.

Tatsächlich sind dazu wenige berufener als er. Donnerstag stellt Baumann sein Buch in Leipzig vor.

1965 war er aus dem Vogtland in die Bildungsmetropole gezogen, um Medizin zu studieren, landete jedoch in der Kunstgeschichte. Er kam damals nur wenig zu spät. Der Formalismusstreit schien zugunsten des Sozialistischen Realismus entschieden. Studenten der Hochschule für Grafik und Buchkunst (HGB) hatten sich 1961 eine freie Malklasse erstritten. Und wer nicht geflüchtet war, richtete sich im Provisorium DDR gut ein.

Der Buchtitel funktioniert als Warnung: "Es war einmal -" So beginnen keine Geschichtsstunden, sondern Märchenrunden. Autor Claus Baumann, Jahrgang 1945, möchte "Vom Mythos der Leipziger Schule" künden. Tatsächlich sind dazu wenige berufener als er. Donnerstag stellt Baumann sein Buch in Leipzig vor.

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Baumann beginnt seine Erzählung in den 50ern vorm Ringcafé: Bardame Gerti, die es in den Westen zieht, gönnt sich einen Abschiedsblick, ein Sommermorgen naht, acht Angehörige des damals noch nicht legendären Künstlerstammtischs quetschen sich vergnügt in Heinz Wagners Trabant 500, Baden fahren an den Kanal. - Wagner wirkte von 1952 bis 1991 an der HGB. Ins Abseits geratenen Akteuren gilt das Augenmerk des Autors: Manfred Martin, Ingolf Schelhorn, Manfred Trauzettel, Baldwin Zettl. Alte Garde. Als "Schlüsselwerk" der Neuen Leipziger Schule führt Baumann keinen Neo Rauch, Tilo Baumgärtel oder Matthias Weischer an, sondern "Dienstwagen" von Johannes Tiepelmann. Er sieht darin gutmütig eine "völlig neue", digital geprägte Welt.

 Einige Maler sucht man vergeblich. Bei Sighard Gille - HGB, Gewandhaus - ließe sich Absicht vermuten. Auch wichtige Begleiter der Leipziger Schule fehlen: Eduard Beaucamp, als früher, einflussreicher Vorposten, später der Kunsthistoriker Peter Guth, nicht zuletzt GfZK-Gründer Klaus Werner, dem Rauch und die Galerie Eigen+Art viel verdanken. Hätte die Neue Leipziger Schule ihre Markterfolge gefeiert ohne Christian Ehrentraut? Auch Klaus Eberhard findet keine Erwähnung, obwohl er rasch nach der Wende eine private Sammlung Leipziger Schule aufgebaut hat, mit eigenem Geld, frei zugänglich.

 Wer Baumann liest, gewinnt den Eindruck, "die Welt" habe die hiesige Malerei bis 2007 entdeckt und "Leipziger Schule" sei ein Begriff, den er geprägt habe, um ein komplexes Gefüge den Managern der Sparkasse verständlich zu machen, für die er ab 1993 eine Sammlung aufbaute. Welche zweifellos sehr verdienstvoll und beachtlich ist.

 "Ich weiß auch nicht, warum Maler Malerinnen heiraten und dann doch furchtbar darauf eifersüchtig sind, dass diese auch malen", schreibt er bezogen auf Heisig, dessen Gefährtin Gudrun Brüne eine der wenigen Künstlerinnen ist, die mehr als nur namentliche Erwähnung finden. Auf solch eine Vorlage sollte eigentlich kunsthistorisch Bemerkenswertes folgen angesichts von Malerinnen wie Elisabeth Voigt, Gudrun Petersdorff, Miriam Vlaming. Doch Baumann erzählt patriarchal.

 2003 saß er im  Museum der bildenden Künste neben Arno Rink und vernahm dessen Ärger darüber, dass die junge Generation gefeiert wird statt der Lehrer. Da machte er Rink für die Kunsthalle der Sparkasse klar. Dass die Museumsausstellung, initiiert von Josef Filipp, nicht "7 mal 7 Malerei" hieß, sondern "Sieben mal malerei" sei stellvertretend für zu viele Tippfehler erwähnt.

 Baumann weiß, dass er "nicht für jedes Detail garantieren" kann. Er war nicht dabei, Anfang der 60er, als Rektor Bernhard Heisig übellaunig durch die Ateliers lief, wo er die Malereistudenten Hartwig Ebersbach und Heinz Zander bei einem Lachanfall ertappte, weil Werner Petzolds Mühen um einen realistischen Galgenstrick mit Selbststrangulation endeten. Er trank auch nicht mit Rolf Münzner, Arno Rink und Horst Sakulowski über dem Rektorzimmer Schnaps. Er schildert dennoch, wie Münzner einen schweren Lithostein warf, woraufhin der Kronleuchter im Raum drunter niederkrachte und Heisig sich vom Krieg eingeholt sah.

 Nicht dabei gewesen zu sein, ehrt mitunter. Baumann betont, zu DDR-Zeiten nie Judy Lybkes Eigen+Art besucht zu haben, also nicht identisch zu sein mit IM "Baumann", der in Stasi-Akten und Literatur ("Einübung der Außenspur") auftaucht.

 Trotz der Einwände, die das Buch provoziert, ist es kostbar. Baumann schreibt, er wolle für Stoff sorgen für die Gespräche, die er so liebe. Das bleibt zu hoffen, auch als Korrektiv zum Seemannsgarn, das bisweilen gesponnen wird.

 Buchpräsentation: Donnerstag, 19.30 Uhr, Hotel Mercure, Stephanstraße 6, Leipzig

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 13.11.2013

Hendrik Pupat

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