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DNA der Wörter - Leipziger Schriftsteller Thomas Böhme stellt sein Buch „101 Asservate“ vor

DNA der Wörter - Leipziger Schriftsteller Thomas Böhme stellt sein Buch „101 Asservate“ vor

Schon der Titel ist ein seltenes Stück. Von Asservaten ist eigentlich nur in Kriminalgeschichten zu hören. Dort lagern die Spurenträger meist in Kellern, im Dunkel jener Asservatenkammern, denen etwas Geheimnisvolles anhaftet.

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Der Leipziger Autor Thomas Böhme (Archivfoto)

Quelle: André Kempner

Leipzig. Der Leipziger Schriftsteller Thomas Böhme hat für „101 Asservate“ Wörter geborgen, die sich rarmachen in der Alltagssprache. „Dünkel“ zum Beispiel. Oder „Garaus“. Das „Kerbholz“ und das „Unterpfand“. Die „Obliegenheiten“ und das „Tintenfass“. Böhme nimmt sie zum Anlass kleiner Ausflüge, die Lexikalisches streifen, wo es not tut, eigentlich aber in Gefilde führen, wo Anekdoten auf kleine Kriminalgeschichten und Charakterstudien treffen.

Selbst wenn sie sich aus Erinnerungen speisen, können es Kommentare zur Zeit sein. Über den Aberwitz schreibt Böhme, dass er Staub angesetzt hat, „seitdem der Wahnsinn ihm in allen Medien Konkurrenz macht, ob als Mißfallensruf oder als Ausdruck der Begeisterung sei dahingestellt.“ Diesen Staub bläst der Autor fort, wenn er eine Geschichte erzählt, in der das Angebinde mehr ist, als der Blumenstrauß eines Kavaliers. Es ist Requisit blutiger Taten – und gehörte schon deshalb in eine Asservatenkammer. Wo sich bereits die „Dreiecksbadehose“ befindet (niemand sagt, dass alle alten Wörter schön sind) und auch ein „Westpaket“. Böhme lässt sich von Assoziationen zu Bonmots inspirieren: „Der Dünkelträger lauert mit halbgeschlossenen Lidern auf einen Handkuß, für den er aber niemals den Handschuh abstreifen würde.“ Und er setzt das Alte ins Verhältnis zum Heutigen: „Bisher wurde noch kein Elfenbeinturm ins UNESCO-Weltkulturerbe aufgenommen.“

Fast Miniaturen sind durchnummeriert und enden mit Punkt 9. Das ist ein Spaß, den Böhme sich erlaubt, augenfälliges Zeichen seiner Freude an der Form wie am Absurden. „Es ist eine Methode, so stringent zu erzählen, dass kein Blatt Papier mehr dazwischen passt. In der Bibel stößt man ja auch ständig auf Zahlen.“ Da spricht der Lyriker, der das Kurze, Konzentrierte liebt, das Überschaubare, das man im Blick behalten kann.

Gerade weil man „nicht um jeden Ausdruck, der sich in die Nischen der Geschichtsschreibung zurückgezogen hat“, trauern muss, wie er über die „Heidenangst“ schreibt, macht es einen Heidenspaß, den Wörtern wieder zu begegnen. Böhme selbst vergleicht seine Sammelleidenschaft mit einer Spielsucht. „Wenn man erst mal auf der Spur ist, springen plötzlich Sachen ins Auge, die man früher nicht für wichtig erachtet hat. Sie kommen einem zugeflogen.“ Natürlich gab es auch Zweifel, ob diese Asservate wirklich ein Thema für ein ganzes Buch sind, dann wieder hat das Arbeitskorsett geholfen, dranzubleiben.

2010 hat Böhme im Verlag poetenladen den Gedichtband „Heikles Handwerk“ veröffentlicht, 66 Fallstudien verschwundener oder verschwindender Berufe. Das habe ihn quasi angefixt. Denn ob nun Lyrik oder Prosa: Der Leipziger will literarisch unterhalten. Das gelingt auch mit den „Asservaten“. Denn sie gehören zu den „Obliegenheiten“, über die er schreibt: „Den Wörtern obliegt es, Sätze zu bilden, die der Verständigung zwischen Menschen derselben Sprache dienen. Manchmal scheitert die Verständigung am unterschiedlichen Wortgebrauch, und so liegt es uns, ob einige Wörter, die die Alltagssprache verworfen hat, die aber noch hie und da aufleuchten, in Obhut zu nehmen.“

Buchpremiere: Donnerstag, 19.30 Uhr, im Interim der Leipziger Stadtbibliothek, musikalisch untermalt von Michael Breitenbach, moderiert von Steffen Birnbaum

Thomas Böhme: 101 Asservate. Alter Worte Welt. Connewitzer Verlagsbuchhandlung; 136 Seiten, 18 Euro

Janina Fleischer

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