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"Dann wäre alles umsonst": Leipzigs Kulturschaffende sehen Legida kritisch

"Dann wäre alles umsonst": Leipzigs Kulturschaffende sehen Legida kritisch

Leipzigs Kulturschaffende sehen Legida kritisch und engagieren sich für "den wahren Geist von '89". Sebastian Krumbiegel findet es wichtig, "dass jetzt die Zivilgesellschaft auf der Matte steht, dass der wahre Geist von '89 wieder eine Rolle spielt, dass die Leute nicht nur, aber auch in Leipzig zeigen, wer wirklich das Volk ist.

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Der Musiker Sebastian Krumbiegel wirbt für mehr gesellschaftliches Engagement.

Quelle: Hendrik Schmidt

Leipzig. "

Heute spazieren sie wieder in Dresden gegen eine angebliche Islamisierung - diesmal mit Trauerflor für die Hinterbliebenen des Attentats von Paris. Auch in Leipzig wird erstmals das Abendland verteidigt, auf der Website des Leipziger Ablegers Legida gibt man sich - wie die halbe Welt in diesen Tagen - solidarisch: "Je suis Charlie" ("Ich bin Charlie") heißt es dort. Wären Pe-, Le-, und all die anderen "gidas" auch nur ein bisschen Charlie, man könnte sich den ganzen Zauber sparen. Die Satirezeitschrift "Charlie Hebdo", die vier Zeichner durch sich offenbar auf den Koran berufende Mörder verloren hat, attackierte nicht nur regelmäßig Hardliner aller Weltreligionen, sondern steht genau für das, was die Abendländler ablehnen: eine offene Gesellschaft, in der das Boot eben nicht voll ist.

Charlie ätzt (wie auch rechts im Bild zu sehen ist) gegen Anhänger des rechtsextremen Front National in Frankreich: "Le Pen: Die Kandidatin, die so ist wie Ihr", heißt es etwa über einem dampfenden Haufen Kot. Die Parteivorsitzende Marine Le Pen, die wohl auch bei Legida Anhänger finden könnte, hat "Charlie Hebdo" 2012 angezeigt. Die Klage wurde zurückgewiesen. Merke: Eine mutige und radikal demokratische, intolerant allein gegen Intoleranz auftretende Zeitung ist nur dann gut, wenn sie von Islamisten angegriffen wird.

 Karikaturen, die Nationalismus geißeln, werden bei Legida, deren Sprecher ein Militaria-Gutachter ist, heute wohl eher nicht hochgehalten. Die Abendland-Spaziergänger werden sich dennoch auf Charlie berufen - und sie werden "Wir sind das Volk" skandieren. Gerade das kommt in der Stadt der Friedlichen Revolution besonders schlecht an, auch bei Kulturmachern: "Pegida nutzt den gleichen Slogan wie wir 1989 - ,Wir sind das Volk' -, aber sie meinen etwas ganz anderes. Es ist schrecklich. Am Montag werde ich gegen Legida demonstrieren, ansonsten wäre alles umsonst gewesen, wofür wir damals gekämpft haben", sagt Roland Seiffarth, Ehrendirigent der Musikalischen Komödie.

Genau so sieht es Sebastian Krumbiegel, Musiker, Sänger der Prinzen und seit Jahren couragiert engagiert gegen Rechtsextremismus: ",Wir sind das Volk' stand damals für Bürgerrechte, für freie, demokratische Grundrechte, für Aufbruch in eine gerechtere Welt. Heute wird dieser Satz für Inhalte missbraucht, die die Demonstranten des Herbstes '89 damals und heute klar ablehnen würden: Ausgrenzung, rechtskonservative, nationalistische und krude, gestrige Ideen." Um so wichtiger sei es, "dass jetzt die Zivilgesellschaft auf der Matte steht, dass der wahre Geist von '89 wieder eine Rolle spielt, dass die Leute nicht nur, aber auch in Leipzig zeigen, wer wirklich das Volk ist. Wir sind für eine weltoffene, für eine multikulturelle Gesellschaft - die Welt wächst zusammen, so ist das nun mal."

 Andererseits, so Krumbiegel, der heute auf dem Waldplatz sprechen wird, sei es "sicherlich falsch und definitiv nicht klug", 20 000 Menschen vorzuwerfen, sie seien alle Rassisten oder Nazis. Die Inhalte und das Vokabular, mit denen diese Demonstrationen ablaufen, würden allerdings eine klare Sprache sprechen: ",Lügenpresse' oder ,Volksverräter' - das kennen wir aus einer Zeit, die sich hoffentlich niemand zurück wünscht."

 "Natürlich sind die, die das rufen, auch das Volk", sagt Hans-Werner Schmidt, Direktor des  Museums der bildenden Künste in Leipzig. "Aber der Satz hat eine historische Verortung und wird in dem Zusammenhang, in dem er nun verwendet wird, pervertiert." Von Freunden und Kollegen werde er jetzt öfter gefragt, was da in Dresden los sei, so Schmidt. Leipzig habe aber eine andere Prägung, gerade auch durch "Wir sind das Volk" von 1989.

 Für Kommunikation und einen differenzierten Umgang mit den Hintergründen der Pegida-Bewegung plädiert Franciska Zólyom, Direktorin der  Galerie für Zeitgenössische Kunst Leipzig: "Offensichtlich gibt es sehr viele Fragen, Unsicherheiten und Ängste in der Bevölkerung im Bezug auf Zuwanderung, Asylrecht und das Verhältnis von Staat und Religion." Man solle inhaltliche Diskussionen führen, um besser zu verstehen, welche Ängste die Menschen auf die Straße führen, aber "auch darüber diskutieren, was es bedeutet, wenn man mit Leuten zusammenläuft, die gar keine demokratischen Werte vertreten".

 Leipzigs Theaterleute werden heute eher nicht auf der Bühne stehen. "Wir haben uns entschieden, allen Mitarbeitern die Möglichkeit zu geben, sich bei den Protesten zu beteiligen", sagt Matthias Schiffner, Sprecher des Leipziger Schauspiels. Die künstlerische Leitung hat deshalb frühzeitig sämtliche für heute angesetzte Abendproben abgesagt. Denkbar sei auch, das Theater in den kommenden Wochen als Forum für Debatten zu öffnen.

 Mit dem Slogan "Gegen das Schaulaufen von Intoleranz und Dummheit" antwortet das Theater der Jungen Welt auf Legida. Hinter einem entsprechenden Banner werden sich die Mitarbeiter in den Legida-Gegenprotest einreihen.

 "Meiner Meinung nach brauchen wir nicht unbedingt noch eine symbolische Geste", sagt Lofft-Sprecher Sebastian Göschel. "Es geht jetzt eher um praktische Unterstützung in den kommenden Wochen. Zum Beispiel suchen wir Flüchtlingsfamilien, die einen konkreten Bedarf haben und denen wir über unser Publikum helfen können." Derzeit werden Kontakte hergestellt.

 Befremden erzeugt das Ankommen der Bewegung in Leipzig auch bei Gewandhausdirektor Andreas Schulz: "Wir haben keine Islamisierung des Landes. Ich glaube, dass hier ganz bewusst eine gewisse Angst geschürt wird." Er plädiere für Information, Kommunikation, Aufklärung. "Das ist nicht nur in den Medien zu treiben, sondern auch in direkten Gesprächen. "Im Gewandhausorchester spielen Musiker aus 17 Nationen. Das ist eine Bereicherung der Internationalität dieser Stadt. Sie spielen nicht nur in Leipzig, sondern überall in der Welt und sind mit vielen Menschen im Kontakt, egal welcher Religionsgemeinschaft sie angehören. Viele Musiker werden sicherlich an den Gegen-Demonstrationen teilnehmen."

 Auf der anderen Seite des Augustusplatzes blickt man ebenfalls höchst kritisch auf den Spaziergang im Waldstraßenviertel. Opern-Intendant Ulf Schirmer: "Die Oper Leipzig steht für Weltoffenheit und Toleranz. Ohne menschliche Vielfalt in jeder Hinsicht ist unsere Arbeit nicht einmal ansatzweise denkbar. Die Kunst selbst speist sich aus unzähligen Einflüssen und ist deshalb so lebendig. Fremdenfeindlichkeit und Rassismus haben in der Oper keinen Platz."

 Auch nicht im Ariowitsch-Haus, dem Kultur- und Begegnungszentrum e.V. und Zentrum jüdischer Kultur in Leipzig, so der Vereinsvorsitzende Küf Kaufmann: "Wir sind für alle Bürger unserer Stadt offen - unabhängig von ihrer Konfession, Herkunft und ihrer sozialen Schicht. Wir freuen uns auf neugierige Menschen, die Interesse an unterschiedlichen Kulturen haben, auf Menschen, die bereit sind, für sie unbekannte Welten zu entdecken und die eigene Welt für andere Menschen zu öffnen. Die Vielfalt gehört zu Leipzig. Und wir mit dem Ariowitsch-Haus gehören zur Leipziger Vielfalt."

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 12.01.2015

Adeline Bruzat, Jürgen Kleindi

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