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Dante-Jünger als Bio-Terrorist - Dan Brown führt ins "Inferno"

Dante-Jünger als Bio-Terrorist - Dan Brown führt ins "Inferno"

Was wäre, wenn Dantes "Göttliche Komödie" nicht nur das zentrale literarische Werk des Mittelalters wäre, sondern auch eine Prophezeiung? Diese Deutung schreibt Bestsellerautor Dan Brown dem Bösewicht aus seinem aktuellen Roman "Inferno" zu.

Ein genialer Genetiker wird darin zum Bio-Terroristen, der nur in einer reinigenden Epidemie ein Mittel gegen die drohende Überbevölkerung der Erde sieht. So wie die Pest im Mittelalter als Gottesstrafe für die sündigen Menschen galt und Dante seinen Wanderer auf dem Weg ins Paradies (paradiso) durch die Hölle (inferno) führt.

Mit Dantes allegorischer Jenseitsreise hat Browns Thriller jedoch ansonsten nicht viel zu tun. In gewohnter Weise verwurstet der Schriftsteller Motive aus einer Vorlage, um daraus einen Spannungsplot mit oft hanebüchenen Übertragungen zu gestalten. Dass Dantes Totenmaske, die im Roman einen wichtigen Hinweis liefert, sich in der Realität als unecht erwiesen hat, ist nur eine von Browns Ungenauigkeiten.

Zwar spielt er immer wieder auf die drakonischen Strafen von Fäkalienmeer über Feuerregen bis zu Blutströmen an, mit denen Dantes Hölle aufwartet. Doch verkürzt der US-Autor: Denn aus dem Inferno gibt es bei Dante für die auf ewig Verdammten keinen Ausweg und somit auch keine Erlösung, wie sie Browns Antiheld verspricht. Die verheißt bei Dante nur der Läuterungsberg (purgatorio), auf dessen Terrassen je eine Todsünde gesühnt wird. Doch diesen mittleren jenseitigen Ort lässt Brown ganz weg, wie auch jede Form von christlich-moralischer Seinsordnung, der sich Dante verpflichtet fühlte. Unklar ist auch die Rolle, die sich der Bioterrorist Bertrand Zobrist inmitten der Systematik der "Göttlichen Komödie" zuschreibt: Im Prolog des Romans bezeichnet er sich selbst als Schatten, als wäre er selbst einer der Körperlosen aus Dantes Jenseitswelt. Gleichzeitig spielt er sich als selbsternannter Erlöser aber auch als eine Art göttlicher Richter auf. Mit einer gen-manipulierenden Biowaffe will er das "Tor zum posthumanen Menschen" öffnen.

Zum vierten Mal schickt der US-Autor seinen Protagonisten Robert Langdon ins Feld, der als Experte für Ikonographie im Italien der Gegenwart auf die Suche nach versteckten Symbolen geht. Dabei steht ihm wie in den Vorgängerromanen eine hübsche Frau zur Seite: die hochbegabte Ärztin Sienna Brooks, die jedoch selbst eine dunkle Vergangenheit hat.

Nach der Hälfte der 685 Seiten ist das Ende absehbar. Das bewahrt den Leser immerhin vor einem derartig übers Knie gebrochenen Finale wie in "Illuminati" (religiöser Fanatiker sprengt Helikopter mit Antimaterienbombe über dem Petersplatz in die Luft) oder "Sakrileg" (Robert Langdons Begleiterin entpuppt sich als Nachfahrin Jesu Christi und somit als Heiliger Gral).

Brown, der die Vorliebe für Tweetjackets mit seiner Hauptfigur teilt, wählt nach Rom und Washington diesmal Florenz als Schauplatz des Romans - Dantes Heimatstadt, aus der er verbannt wurde, nachdem er sich in einer politischen Fehde auf die Seite der Verlierer schlug. Dieses und andere Details aus Dantes Vita, der Kunstgeschichte Italiens oder der florentinischen Architektur streut Brown in gewohnt besserwisserischer Weise ein. Es ist schon recht absurd, dass Langdon während einer Flucht vor einem Killerkommando über die Häufung von entblößten männlichen Geschlechtsteilen in der italienischen Kunst nachgrübelt oder Sienna Brocks sich als Siebenjährige beim Lesen der "Göttlichen Komödie" über Dantes mangelnde Kenntnisse der Gravitationslehre mokiert haben soll.

Geradezu lächerlich, dass die Zuhörer bei Langdons Vortrag für die Dante-Gesellschaft laut raunen, als der Wissenschaftler die neun Höllenkreise der "Göttlichen Komödie" illustriert - die ihnen als Experten hinreichend bekannt sein müssten. Brown will eine derartige Fülle an oft überraschenden Fakten unterbringen, dass er zum Oberlehrer wird.

Allerdings gelingt es dem Schriftsteller dennoch, die Spannung zu halten. Verfolgungsjagden durch Geheimgänge und Balanceakte unter dem Dach des Palazzo Vecchio wirken bereits wie das Skript für den nächsten Film mit Tom Hanks in der Hauptrolle.

Browns Roman "Sakrileg" ist laut Verlagsangaben mit 81 Millionen verkauften Exemplaren das erfolgreichste Hardcover-Buch für Erwachsene aller Zeiten. Browns religiöse Verschwörungstheorien, die sich mal um Freimaurer ("Das verlorene Symbol"), mal um "Illuminati" drehen, sind von vielen Seiten widerlegt und kritisiert worden, doch das tut ihrer Popularität keinen Abbruch.

"Inferno" führte schon seit Wochen die Vorverkaufslisten von Amazon und Co. an, die deutsche Startauflage des weltweit zeitgleich erscheinenden Thrillers liegt bei 700000. Erst gestern um Schlag Mitternacht verschickte der Verlag weltweit digitale Rezensionsexemplare. Journalisten haben sich die Nacht um die Ohren geschlagen, um den Lesern im Netz frühzeitig erste Informationen zu liefern. Eine Onlinezeitschrift ließ die Leser gar in einem Kapitelprotokoll an der Lektüre teilhaben. Ob so der Weg ins Paradies aussieht?

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 15.05.2013

Nina May

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