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Das Deutsche Kabarettarchiv wird 50 Jahre alt

Das Deutsche Kabarettarchiv wird 50 Jahre alt

Sie liegt unscheinbar im Regal. Dabei war sie ein Markenzeichen - Jahrzehnte bevor Mario Barth das Olympiastadion füllte, Comedy-Formate allabendlich im TV flimmerten und viele Sternchen am Kabarett-Himmel flugs wieder erloschen.

Mainz. Die Schildmütze, die wie zufällig hingeworfen im Deutschen Kabarettarchiv in Mainz ihren Platz gefunden hat, gehörte Jürgen von Manger alias Adolf Tegtmeier. Dem unvergessenen Kabarettisten, dessen Texte auch viele Jahre nach seinem Tod 1994 nichts von ihrer Aktualität eingebüßt haben, denkt man etwa an den Kleinaktionär Tegtmeier, der telefonisch mal so richtig Dampf beim Opel-Chef ablässt. In Champagner-Ton gehaucht schmunzelt von Manger von der Wand in dem Museum der besonderen Art, das im nächsten Jahr 50 Jahre alt wird. Ein Gewölbe voller Kunst

Hier lebt das Kabarett in all seinen Spielformen, hier atmet die Kunst: In dem wunderschönen Gewölbekeller des einstigen Proviant- Magazins mitten in der Mainzer Innenstadt. Jürgen Kessler muss sich immer wieder ducken, wenn er Besuchern die Schmuckstücke dieser in Deutschland einzigartigen Sammlung zeigt. Der Zwei-Meter-Mann leitet das Kabarettarchiv, in dem nicht nur die Nachlässe von Werner Finck oder auch von Johanna König alias Klementine, die einst als Ausdruckstänzerin begann, lagern.

Auch alte Schellack-Platten auf denen Marlene Dietrich lasziv ihre Lola gibt, 15 000 Plakate, von Charlie Chaplin signierte Postkarten oder das schrille Kleid der Chansonnette Helen Vita sind in den Ecken zu entdecken. Aus ihrem Nachlass stammen wunderbare Rokoko-Möbel, die im Kontrast zu dem ansonsten in lack-rot und -schwarz modern gehaltenen Mobiliar des Archivs stehen.

Die Regalwände sind voll mit Ordnern zu Personen, Ensembles, Kabarett-Theatern, Stichworten wie Zensur, Revue, oder Karikaturen, außerdem gibt es Exponate und Fotos. „Wolfgang Neuss als noch ungebrochener, nach vorne schauender Mann oder auch der leidende Kurt Tucholsky - man sieht in den Augen ihre Sehnsucht“, findet Kessler. Und tatsächlich erzählt jedes der rund 80 Porträts seine eigene Geschichte - und die Facetten des Kabaretts werden deutlich. Variationen einer Kunstform

Die Anfänge in Deutschland liegen um 1910 als eigene Kunstform, in der Weimarer Republik erlebt das politische Kabarett eine erste Blüte, vor allem in Berlin. Mit dem Ende der Nazi-Diktatur kann sich die kritische Kunstform nach dem Zweiten Weltkrieg in der Bundesrepublik frei entfalten. „Kabarett ist ein eher formaler Begriff, vieles passt unter diesen Hut“, betont Kessler. So war Theo Lingen ein Komiker mit kabarettistischen Zügen, Heinz Erhardt stand für unnachahmlichen Klamauk, das politisch-literarische anspruchsvolle Kabarett ist dagegen bei Menschen wie Hanns Dieter Hüsch zu finden, den Kessler einst managte. Erich Kästner dagegen war der leise Erzieher der Gesellschaft.

Auch die Geschichte des Kabaretts in der DDR wird beleuchtet - seit 2005 am zweiten Standort des Archivs in Bernburg an der Saale. Dort sind aber auch andere Themen zu finden, so wird im Bernburger Schloss an diesem Dienstag eine Ausstellung zur jüngsten Kabarettepoche eröffnet: „Moral hin! Moral her?“. An diesem Mittwoch will Kessler zudem Veränderungen für die Zukunft verkünden.

Ins 1961 von Reinhard Hippen in Mainz gegründete Deutsche Kabarettarchiv, das seit 1989 in öffentlich-rechtlicher Hand ist, kommen jährlich allein mehrere hundert Menschen, um zu forschen. Dazu die Tausende, die mit Veranstaltungen in die Welt der Kabaretthistorie entführt werden. Auf zwei kleinen Bühnen gibt es Lesungen, Vorträge oder literarisches Kabarett.

Auch das feiert nächstes Jahr sein Jubiläum, 110 Jahre in Deutschland, 130 Jahre in Frankreich, wo es als „Cabaret“ 1881 auf die Welt kam. „Die Planungen für die Jubiläen laufen“, sagt Kessler. Vielleicht wird dann ja der eine oder andere einstige Star wie Karl Valentin, Hüsch oder eben von Manger mit seiner Mütze auf den Bühnen des Deutschen Kabarettarchivs wieder sehr lebendig.

Imke Hendrich, dpa

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