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Das Einfache, das schwer zu machen ist: Carlos Bicas Trio Azul im Liveclub Telegraph

Konzert Das Einfache, das schwer zu machen ist: Carlos Bicas Trio Azul im Liveclub Telegraph

Vor gut 25 Jahren schon begann die Geschichte von Carlos Bicas Trio Azul. Nun haben sie ihr sechstes Album „More Than This“ vorgelegt, sind damit unterwegs und schenken der Kooperation des Jazzclubs Leipzig mit dem Liveclub Telegraph einen der Höhepunkte der frischen Frühlingssaison.

Wie ein atmender Organismus: Carlos Bica, Jim Black und Frank Möbus (von links).

Quelle: André Kempner

Leipzig. Man kennt sich lange. Vor gut 25 Jahren schon begann die Geschichte von Carlos Bicas Trio Azul. Nun haben sie ihr sechstes Album „More Than This“ vorgelegt, sind damit unterwegs und schenken der Kooperation des Jazzclubs Leipzig mit dem Liveclub Telegraph einen der Höhepunkte der frischen Frühlingssaison. Viele im gut gefüllten Keller werden ihre eigenen Storys mit der entspannt zupackenden Musik des in Berlin lebenden Kontrabassisten mit Gitarrist Frank Möbus und dem New Yorker Schlagzeuger Jim Black haben.

Azul-Konzerte stiften in ihrer Melodienseligkeit etwas einprägsam Bleibendes, weil das unaufgeregte Klänge neben dem Strom sind. Soundinseln, Ohrenweiden, Oasen im überdrehten Alltag. Bassist Philipp Rohmer kündigt die Band mit zugeneigten Worten an, spricht von Liebe, Geduld und Ausdauer im Entwerfen dieser einzigartigen Kompositionen, für die Carlos Bica seine bläserlose Idealbesetzung gefunden hat.

Alles beginnt vorm roten Vorhang mit einem kleinen Schlagzeugsolo. Vom Start weg staunt man, wie der im Zentrum postierte Jim Black noch aus dem kleinen Finger Rhythmen zaubern kann, wie er aus Becken, Rasseln und seiner Besenkammer immer wieder Nuancen zusammenfügt zwischen Schmeicheln und Zupacken. Mal rasierklingenscharf, dann wieder durchs Offene navigierend, so steuert er die Ereignisse. Dann driftet dort hinein Bicas gestrichener Bass und irgendwann ist auch Möbus dabei, und man denkt an ein imaginäres Hawaii oder sonst einen Ort mit weit aufgezogenem Horizont.

Lieder ohne Worte

Wie einfach das zu sein scheint und wie schön es ist! Je länger, je lieber. Diese gar nicht simple Musik wächst aus sich selbst mit ihren Twists und Ostinatos, steigert sich sanft, indem sie ihre eingängigen Themen dreht, wendet und ins oft verblüffende Finale steuert. Lieder ohne Worte sind das. Man lässt sich führen und verführen, glaubt kleine Boleros zu hören und ist betört von ihrer Suggestivkraft.

Das ist das Einfache, das schwer zu machen ist. Jeder der drei ist ein Meister seines Instruments, jeder hat es in vielfältige Spielkonstellationen in einigen der besten Bands des aktuellen modernen Jazz eingespeist, perfektioniert und seine individuelle Note entwickelt. Im glücklichen Falle von Azul wächst dann etwas, das größer ist als die Summe der Teile: ein ganz und gar unikärer Gruppenklang, verboten relaxed fast, einnehmend und umgarnend.

Möbus’ Gitarre kann sich steigern und ins Schneidende abheben, Bica bleibt der Pfahl im Wind und setzt die Töne mit der emotionalen Ökonomie eines Charlie Haden, Black gibt dazu eine Mischung aus Ziseleur und Druckmacher in Personalunion. Diese Band ist wie ein atmender Organismus. Und alles überträgt sich aufs Publikum, ohne sich zur Denkaufgabe zu verkomplizieren.

Ein unglücklicher Taxifahrer

Mal liegt dem eine simple portugiesische Volksweise zugrunde, mal ist es der amerikanische Folksing „Silver Dagger“, den auch Bob Dylan und Joan Baez interpretiert haben. Das von Lucky Lukes Gaul Jolly Jumper inspirierte Stück ist eher pointillistisch angelegt, scheint immer wieder die Richtung zu wechseln, um dann doch gut gelaunt ins Ziel zu kommen. Als Möbus eine Saite reißt, überspielen die anderen beiden das Malheur im Duo.

Altes und Neues verbindet sich in diesem ohne Solokraftmeierei auskommenden Konzert, die Audienz lauscht in Bewunderungsstarre und vernimmt als zweite Zugabe Möbus’ Spontangeschichte vom unglücklichen Taxifahrer, dem die zufällig empfangene Azul-Musik schlussendlich doch wieder Lebensfreude schenkt, wozu die Restband in seinem Rücken die Instrumente getauscht hat. Die Leute begleitet auf dem Weg durch die Nacht dann ein Gefühl, dass es immer so weiter gehen könnte.

Von Ulrich Steinmetzger

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