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Das Erbe des Meisterfotografen: Zum 90. Geburtstag von Günter Rössler

Akte, Modefotos, Reportagen Das Erbe des Meisterfotografen: Zum 90. Geburtstag von Günter Rössler

Seine Aktfotos sind legendär, berühmt ist er für seine Mode-Aufnahmen, aber auch die weniger bekannten Reportagen sind meisterhaft: Vor drei Jahren starb der Fotograf Günter Rössler, der am Mittwoch 90 Jahre alt würde. Seine Frau Kirsten Schlegel hält sein Erbe lebendig. Ein Besuch in Markkleeberg.

Nie schamhaft, nie schamlos: Heidrun 1977.

Quelle: Günter Rössler

Markkleeberg.  Die Trauer, sie ist nicht fort. Aber sie schläft manchmal. Und lässt immer mehr Platz neben sich für Dankbarkeit. „Ich hatte das große Glück, Günter 30 Jahre begleiten zu dürfen“, sagt Kirsten Schlegel. Neben ihr steht das berühmte Sofa, auf dem einige der wohl schönsten deutschen Aktfotos entstanden sind. Hinter großen Scheiben steht still ein kleiner Wald. Und an der Wand lächelt – vollkommen unverstellt – ein Mann mit schlohweißem Haar und hellwachen Augen.

Vor drei Jahren ist der Fotograf Günter Rössler im Alter von 86 Jahren gestorben. Hier im Wintergarten des Hauses in Markkleeberg ist er so präsent, als könnte er jeden Moment zur Tür hereinkommen. Am Mittwoch würde er 90 Jahre alt. Kirsten Schlegel, die Rössler 2003 geheiratet hat, sorgt dafür, dass seine Arbeit nicht nur im kollektiven Gedächtnis bleibt, sondern weiter lebt, weiter neue Verehrer findet. Mit Begriffen wie „Nachlassverwalterin“ oder „Witwe“ tut sie sich schwer. „Ich sehe mich als seine Frau“, sagt sie, während der Nachmittag graublau eindunkelt, Melancholie und Zuversicht sich in der Waage halten.

„Für mich ist es nicht wichtig, in Galerien präsent zu sein und zu verkaufen. Ich möchte die Sammlung zusammenhalten und erreichen, dass so viele Menschen wie möglich mit Günters Arbeit konfrontiert werden. Dass sie für sich etwas mitnehmen, dass sie berührt werden.“ In den ersten Monaten ist ihr das unmöglich. „Günters Tod ist das Brutalste, was mir widerfahren ist.“ Das schaffst du nie, habe sie anfangs gedacht.

Nur ganz allmählich kommt sie aus dem tiefen Tal. Die Energie ihrer Tochter hilft. Und ein Gespräch mit Volker Rodekamp, dem Direktor des Stadtgeschichtlichen Museums in Leipzig, der mit Rössler vor knapp zehn Jahren eine große Ausstellung machte. „Er hat einen Satz gesagt, der mir sehr geholfen hat und der mich begleitet hat: ,Frau Schlegel, Sie haben alle Zeit der Welt. Der Günter ist mittlerweile ein Klassiker.’“ Kirsten Schlegel hat sich diese Zeit genommen. Gemeinsam mit Rodekamp bereitet sie jetzt eine Ausstellung zum 90. vor. Ab 22. Juni sind im Stadtgeschichtlichen Rösslers „Meisterfotografien“ zu sehen. Gezeigt werden sollen die 120 stärksten Werke. Sicherlich kein leichter Job, die herauszufinden. Aber ein schöner.

Sehr dazu beigetragen, dass es ihr seit diesem Sommer merklich besser geht, hat ein andere Schau, die noch bis 21. Februar in Schloss Lichtenwalde bei Chemnitz zu sehen ist: „Die Genialität des Augenblicks“, in der auch das gleichnamige filmische Porträt von Fred R. Willitzkat vorgeführt wird. 150 Fotografien aus sechs Jahrzehnten verteilen sich dort an den Wänden – natürlich die legendären Akte, aber auch die Modefotos, mit denen Rössler in den 60ern und 70ern unter anderem die Zeitschrift „Sibylle“ prägte. Und da sind jene Reportagefotos, die seine Frau schon vor einiger Zeit im Archiv entdeckte. „Ach komm, weg mit dem ollen Krempel“, habe Rössler zu ihr gesagt. Sie kommen nicht weg, denn nicht nur seine Frau erkennt: Es sind Meisterwerke, die er aus Albanien, Bulgarien oder Rumänien mitgebracht hat. Und immer ist es das Gefühl für Komposition bei gleichzeitiger Offenheit für den einen, perfekten Moment, der in diesen Bildern sichtbar wird.

Es sei noch einmal sehr schmerzhaft gewesen, für diese Ausstellung so tief einzutauchen, erzählt die schöne und herzvolle 47-Jährige. „Aber dann dort zu sein und diese wunderbare Resonanz zu erleben, das hat mich gestärkt und vorangebracht.“ Besonders freut es Schlegel, wenn die Mitarbeiterin von der Schlosskasse anruft, um von der Wirkung der Fotografien zu berichten. Neulich habe ein junger Mann seinen Zug nach Chemnitz verpasst. Um sich die Wartezeit zu vertreiben, sei er in die Ausstellung gegangen, ohne je den Namen Günter Rössler gehört zu haben. Hinterher sei er mit Tränen in den Augen zu der Frau an der Kasse gekommen, heilfroh, den Zug verpasst zu haben.

Über die Magie von Rösslers Aktaufnahmen, ihr geniales Zusammenspiel von Licht und Schatten, die Ausstrahlung der jungen Frauen, die sich so selbstbewusst wie entrückt dem Betrachter entgegenträumen – nie schamhaft, nie schamlos –, ist viel geschrieben worden. Ihr Mann, erzählt Schlegel, habe das alles immer weggewischt, sagte: „Ich bin kein Künstler. Ich bin Fotograf.“

Tatsächlich war er wohl beides, und dazu ein bewegender Mensch, der sich Zeit nahm, Beziehungen aufbaute, für den die Fotografie immer Passion und nie Geschäft war. Die ersten Fotos macht Rössler von Kirsten Schlegel, als sie 14 Jahre alt ist. Es sind Modeaufnahmen. Später, mit 19, 20 entstehen Aktfotos. Das Faszinierende sei für sie von Anfang an gewesen, wie er sie einbezogen, mit ihr auf Augenhöhe gearbeitet habe und sie unbewusst stark gemacht habe. Und einen Altersunterschied habe sie nie gespürt. „Er war sowas von jung im Kopf.“

Nun will sich Kirsten Schlegel nach und nach in das Archiv vortasten. Neben den rund 500 Bildern, die er selbst vergrößert hat, gibt es tausende Dias und Negative. Ein Schatz ist das. Und ihn zu heben eine Aufgabe für das zweite Leben der Kirsten Schlegel. Ohne ihren Mann – und doch auch mit ihm.

Schloss Lichtenwalde: „Die Genialität des Augenblicks“: bis 21. Februar (Di-So 10-17 Uhr, am Mittwoch erhalten die ersten 50 Besucher einen signierten Katalog geschenkt); Stadtgeschichtliches Museum Leipzig: „Meisterfotografien“ (22.6.-16.10. 2016); www.guenter-roessler.de

Von Jürgen Kleindienst

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