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Das Herz zu Füßen, das Bein am Kopf: "Der fliegende Koffer" im Theater der Jungen Welt

Das Herz zu Füßen, das Bein am Kopf: "Der fliegende Koffer" im Theater der Jungen Welt

Es gibt dieses Puppen- und Objekttheater, das im Grunde einen fast schon trotzigen Anachronismus darstellt. Abseits des Zeitgeistes, wie unberührt von all dem, womit heute gemeinhin unterhalten und Eindruck geschunden wird.

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Dirk Baum mit Prinzessin und Kaufmannssohn.

Quelle: Frank SchletterTdJW

Wie ein Relikt aus jenen Tagen, in denen das Wünschen und das Vertrauen auf die kindliche Phantasie noch geholfen haben, eine kleine Bühne und mithin die schnöde Welt in einen Ort zu verwandeln, an dem schlicht alles möglich ist.

Nachdem Figurenspieler Dirk Baum solistisch schon den "Kleinen Häwelmann" im Bettchen gen Himmel schickte, folgt jetzt "Der fliegende Koffer" nach. Am Samstag hatte das Stück, frei nach Hans Christian Andersens Märchen, für Kinder ab drei Jahre auf der kleinen Bühne des Theaters der Jungen Welt Premiere.

Ein Koffer steht im Scheinwerferlicht. Dirk Baum tritt hinzu. Und mit dem roten Punkt auf der Nase und dem Harlekin-Kragen sieht er aus wie einer jener Clowns, die eigentlich auch schon ausgestorben sind. Möglich, dass das der Grund ist, warum ein Kind sofort zu heulen anfängt - und der Rest still und gebannt dasitzt: Vom reichen Kaufmann berichtet dieser seltsame Clown. Von jenem Kaufmann, der, wenn er einen Taler ausgab, drei zurück bekam. Und der bezüglich Investitionen zuerst in kulinarischen Kategorien dachte (wie viel Schokolade gäb es dafür wohl zu kaufen), dann in denen der Eitelkeit (man könnte sich freilich auch Schmuck zulegen), um schließlich doch eine ganz andere Entscheidung zu treffen: "Aber er kaufte - nichts! Er behielt sein Geld lieber bei sich!"

Was für ein doofer Typ. Glücklicherweise ist sein Sohn ganz anders. Der ersteht nach des Vaters Tod aus dem Bühnenkoffer. Ein Püppchen, das sich vor den Augen der Zuschauer zusammensetzt im Pünktchen-Komma-Strich- Verfahren und alsbald die ererbte Kohle verbrät, als gäbe es kein Morgen. Bald ist der Knabe, Hans Christian mit Namen, bankrott und hat nichts weiter als hängende Mundwinkel und einen kleinen Koffer, mit dem er etwas verloren im großen Koffer steht. Womit das Abenteuer freilich erst beginnt.

Der Koffer im Koffer und die Geschichte in der Geschichte. Baum, auch für Regie und Konzept dieser Inszenierung verantwortlich, jongliert lässig mit den Spielebenen - und mit der Vorlage. Dass im Gegensatz zu dieser Baum es dem flugreisenden Kaufmannssohn erspart, sich der liebreizenden Prinzessin als "Türkengott" vorzustellen, um das Girlie zu beeindrucken, war zu erwarten und geht natürlich in Ordnung. Dass aber rigoros all jene Parts der Geschichte ignoriert werden, von denen man hätte annehmen dürfen, dass sie Baum schon rein aus Profession reizen, ist seltsam und auch schade. So gibt es sie hier einfach nicht, all die sprechenden Haarbesen, Teekannen oder Feuerzangen, die Andersen so putzig nervig daher plappern lässt.

Ausgeglichen wird das allerdings mit einem skurrilen Hin-und Hergetausche von Nasen, Ohren und anderen Extremitäten, zwischen Prinzessin und Hans Christian. Welch schönes Liebesspiel. Man legt sich das Herz zu Füßen, indem man sich das Bein an den Kopf heftet. Wer nicht glaubt, dass das möglich ist, kann ja ins Theater gehen.

Weitere Aufführungen von "Der fliegende Koffer" im Theater der Jungen Welt (Lindenauer Markt 21): heute, 10 Uhr, Donnerstag, 9.30 Uhr, 21. April, 11 Uhr, 22. und 23. April, jeweils 10 Uhr, Karten für 9/5 Euro: 03414866016, www.tdjw.de

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 08.04.2013

Steffen Georgi

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