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„Das Jammern habe ich satt“ Herbert Fritsch inszeniert in Leipzig die Boulevardkomödie „Oscar“

„Das Jammern habe ich satt“ Herbert Fritsch inszeniert in Leipzig die Boulevardkomödie „Oscar“

Ein Unternehmer, zwei Koffer und verschiedene Heiratspläne. „Oscar“, die Komödie des Franzosen Claude Magnier, ist ein rasantes, komisches  Verwirrspiel. Berühmt wurde das Stück mit der Verfilmung mit Louis de Funès in der Hauptrolle.

Leipzig. In der Inszenierung von Thomas Fritsch feiert am 9. April Premiere im Leipziger Centraltheater. Der Regisseur vertraut auf den Text und die Leistung der Schauspieler.

Lieben Sie Louis de Funès?

Herbert Fritsch: Oh ja. Er war ein Schauspieler-Künstler! Leute wie de Funès drücken über ihre Musikalität so viel aus. In den letzten 30 Jahren hat sich mit dem Regietheater in Deutschland ein Darsteller-Typus ausgebildet, der mehr als „Material“ oder „Interpret“ verstanden wird. Ich sehe den Schauspieler als souveränen Künstler, wünsche mir, dass man ihm die Lust am Spiel anmerkt, und er nicht geknechtet wirkt, etwas lustlos tut, was von ihm verlangt wird. Ich zwänge die Schauspieler nicht in Bilder, schließlich bin ich als Schauspieler Regisseur geworden.

Funès’ Präsenz kann ja auch ein Problem sein. Wie wollen Sie den Film auf der Bühne überwinden?

Herbert Fritsch: Die Genialität von de Funès ist eine schwere Hypothek. Die Leute haben sich in den Film verliebt, sie verehren de Funès, wollen ihn wiederhaben. Wir werden versuchen, damit umzugehen, nähern uns an, zitieren vielleicht. Wir werden sehen.

„Oscar“ ist nicht unbedingt schwere Kost. Wie würden Sie Ihren Anspruch beschreiben?

Herbert Fritsch: Ich möchte unterhalten, gute Laune verbreiten. Ich denke, wir können das zur Zeit ganz gut vertragen. Das Jammern habe ich satt. Das zur Schau gestellte Wehklagen, ich kann es einfach nicht mehr hören.

Wie bringt man eine Komödie auf die Bühne?

Herbert Fritsch: Die Komödie ist eine Maschine, die einen genauen Takt, Präzision braucht. „Oscar“ ist im Grunde eine klassische Comedia dell’arte mit der Figur des wohlhabenden Pantalone und des Arlechinos (Harlekin). Doch egal wie genau man die Maschine einstellt, ist es immer wieder ein Wunder, wenn die Leute lachen. Man kann nie wissen, ob es aufgeht.

Man ist als Zuschauer eher nicht mehr gewohnt, dass der Originaltext eines Stückes für einen Regisseur noch besondere Bedeutung hätte. Wie ernst nehmen Sie den Text?

Wir nehmen den Text genau so, wie er ist. Wir geben nichts dazu, keine klugscheißenden Angebote zum Beispiel. Der Text ist doch großartig. Man traut sich nicht, auch nur eine Zeile rauszustreichen. Mich interessiert der Rhythmus, die Musik im Text. Da muss man gar nicht jeden einzelnen Satz verstehen.

Nun könnte man das Stück auch als einen Abgesang auf das Bürgertum interpretieren. Interessieren Sie solche Aspekte?

Herbert Fritsch: Das ist mir ziemlich egal. Deutschland ist ein einzige Karteikarte. Alles bekommt sein Etikett. Ich finde im Bürgertum  Verwahrlosung, aber ebenso in den so genannten unteren Schichten - und  umgekehrt aristokratische Elemente überall. Mich interessiert, inwiefern  man in dem Stück seine eigene Wahrheit, seine eigenen Schwächen sehen und darüber lachen kann. Humor ist  für mich die höchste Form der Diplo- matie. Er sprengt das Protokoll und schafft eine neue Perspektive.

Wie steht es um den Humor in Deutschland?

Herbert Fritsch: Da sind wir ein Entwicklungsland.

Dass in Deutschland Comedians Stadien füllen, ist für Sie kein Gegenbeweis?

Herbert Fritsch: Ich sehe im Humor etwa eines Mario Barth eine neue Form der Verkrampfung. Immer geht es um Verfehlungen. Diese Art Witz basiert auf Verklemmung. Dahinter spüre ich eine bittere Moralität. Es geht darum, Leute im Humor haftbar zu machen. Anders in Frankreich, wo dem Humor ein ganz anderer Charme innewohnt. Da geht es um Versöhnung, nicht um Ausgrenzung. Das ist wohl auch der Unterschied zwischen Comedy und Komödie. Die Überbewertung der Quote ist ein Problem unserer Kultur. Innerhalb dieser Logik wird jemandem, der Mario Barth kritisiert, Neid unterstellt.

Wo sehen Sie das Theater?

Herbert Fritsch: Es ist, so wie es auf vielen Bühnen im Land heute verstanden wird, an einer Grenze angekommen. Dass die Welt dreckig und brutal ist, das wissen wir doch. Diese ewige Bitterkeit immer wieder neu darzustellen, genügt mir nicht. Theater ist das schönste Medium, das wir haben. Man darf im Publikum auch genießen und lachen. Das wollen wir versuchen.

Herbert Fritsch inszeniert „Oscar“: Der 1951 in Augsburg geborene Schauspieler und Regisseur spielte an verschiedenen großen Bühnen im In- und Ausland. Er zählt zu den Castorf-Schauspielern und war von Anfang der 1990er Jahre bis 2007 an der Berliner Volksbühne tätig. Er arbeitet auch als Autor, Performer, Fotograf und Zeichner.

Jürgen Kleindienst

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