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Das Leben in den Sätzen spüren: Günter Grass und Herta Müller in der Albertina

Das Leben in den Sätzen spüren: Günter Grass und Herta Müller in der Albertina

Hier lasen immer schon die, die eben Säle füllen. Große Namen, bekannte Namen. Zwei Literaturnobelpreisträger sind diesmal in der Bibliotheca Albertina zu Gast: Günter Grass und Herta Müller.

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Günter Grass am Freitagabend in der Bibliotheca Albertina.

Quelle: Wolfgang Zeyen

Außerdem Volker Braun und Péter Esterházy. An zwei Abenden, um eine halbe Stunde zeitversetzt jeweils im großen und im historischen Saal. Die Reihen zwischen den Lesetischen sind gut gefüllt.

Nur bei Herta Müller reichten am Samstag die Stühle bei weitem nicht. Überall, wo sich ein Plätzchen ergab, saßen, hockten, standen die Besucher. "Wir sollten nicht überziehen, wenn ich sehe, unter welchen Bedingungen die Menschen hier ausharren müssen", versprach der Moderator. Bequem ist ohnehin kein Begriff, der im Zusammenhang mit Herta Müller anzuwenden wäre. Was auch für Grass, Braun, Esterházy gilt. Und was das besondere Vergnügen dieser Abende ausmacht.

Die 61-jährige Schriftstellerin ist hier als Preisträgerin der Stiftung Joseph Breitbach zu Gast; es geht weniger um ihr jüngstes Buch, den Gesprächsband "Mein Vaterland war ein Apfelkern", als um Herkunft und Literatur überhaupt. "Bücher und Freunde - das war das Wichtigste, dass man überhaupt das Leben aushält", sagt Herta Müller über ihr Überleben in der Diktatur. Und über das Lesen: "Ich wollte immer wissen, wie das Leben geht, und so lange ich in den Sätzen war, habe ich es auch gespürt." Was für ein Genuss, ihren stets überlegten, poetischen Sätzen zu folgen, die sich selbst beweisen, wenn sie sagt: "Das ist das Hinterhältige beim Schreiben, dass die Sätze dich irgendwohin ziehen, wohin du nur durchs Schreiben gelangst."

Es ist diese Suche nach dem gewichtigen Wort, und es ist das Misstrauen gegenüber dem dahergelaufenen, dem billig zu habenden Schönen und Heiteren, was die Autoren an diesen beiden Abenden in der Albertina verbindet.

"Ich muss Ihnen hier nicht erzählen, wie wichtig das Jahr 1976 war", sagt Raimund Fellinger, Cheflektor im Suhrkamp Verlag, bei der Einführung in Volker Brauns "Werktage 2. Arbeitsbuch 1990-2008". Nein, muss er nicht. Noch nicht, nicht in diesem Rahmen. Brauns Lesung ist Teil der Reihe "25 Jahre Deutsche Einheit", die einen Schwerpunkt markiert, jedoch auch eine Nische. Braun (75), der mit seinen Büchern Freund ist, wenn es nottut, steht dafür mit Zurückhaltung im Ton und Gewissen im Text.

Er ist schreibender Zeuge jener Zeit, in der Literaten auch Seelsorger waren und Literatur eine Art Grundnahrungsmittel. Zeuge jenes Landes, in dem Irmtraud Morgner (1933-1990) Welttheater schrieb. Sie und ihr "Rezeptionsschicksal nach 1990" steht im Mittelpunkt der Publikation "Freipass. Schriften der Günter und Ute Grass Stiftung", soeben imCh. Links Verlag erschienen. Grass selbst stellt den ersten Band in Leipzig vor und liest seine darin erstmals veröffentlichte Ballade "Netajis Weltreise".

Auch wegen Günter Grass sei er zur Buchmesse gekommen, hat der israelische Schriftsteller Amos Oz dieser Tage gesagt. Schriftsteller wie er und deren Bücher hätten einige seiner Ansichten über Deutschland verändert. Das stimmt ja auch für viele hier, die ihr Land manchmal nicht wiedererkennen.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 16.03.2015

Janina Fleischer

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