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Das TdJW zeigt mit „Juller“ die Lebensgeschichte des jüdischen Nationalspielers Julius Hirsch

Uraufführung am Theater der Jungen Welt Das TdJW zeigt mit „Juller“ die Lebensgeschichte des jüdischen Nationalspielers Julius Hirsch

Julius Hirsch, genannt „Juller“, war einer der besten Stürmer Deutschlands. Er spielte bei den Olympischen Spielen 1912 – und wurde 1943 nach Auschwitz deportiert. In dem Auftragswerk, geschrieben von Jörg Menke-Peitzmeyer, zeigt as Leipziger TdJW die bewegende Lebensgeschichte des Fußballers.

Sven Reese, Philipp Oehme und Martin Klemm in „Juller“.

Quelle: Foto Tom Schulze

Leipzig.

Von Julius Hirsch, genannt „Juller“, erzählt das Leipziger Theater der Jungen Welt in der gleichnamigen Uraufführung. Am Samstagabend war Premiere für das bewegende Stück über den jüdischen Fußballer, der mit Karlsruhe Meister wurde, der für Deutschland schießen durfte und musste – mit dem Ball bei den Olympischen Spielen 1912, mit dem Gewehr im Ersten Weltkrieg. 1933 wurde er aus seinem Verein ausgeschlossen. 1943 nach Auschwitz deportiert.

Jörg Menke-Peitzmeyer, vergangenes Jahr mit dem Deutschen Jugendtheaterpreis ausgezeichnet, hat „Juller“ im Auftrag des Theaters verfasst, meist eng angelehnt an die Hirsch-Biografie von Werner Skretny, dichterisch frei, aber schlüssig darüber hinaus.

Weißes Trikot für das Länderspiel, Uniform im Krieg, das letzte Hemd bei der Trennung von der Familie. Mit der Kleidung wechseln schnell die Lebensstationen. Wenn man der Inszenierung von TdJW-Intendant Jürgen Zielinski etwas vorwerfen kann, dann den Versuch, zu viele Details dieses Lebens in der – ob Zufall oder nicht – auf die Länge eines Fußballspiels inszenierten Vorstellung zu erzählen. Selbst Juller als Kind, mit zu großem Ball vor den Füßen, bekommt das Publikum zu sehen.

Doch der Abend findet bald seinen Rhythmus und spielt sich weitgehend chronologisch und gut verständlich vor der Kulisse einer stilisierten Fußballtribüne durch das Leben Jullers. Geschickt aufgebrochen erstens durch die mitspielende Musikerin Laura Hempel, die gefühlvoll und anspielungsreich zwischen jüdischen Liedern und deutschen Heile-Welt-Schlagern der Zeit wechselt. Zweitens durch wiederkehrende Blenden in den Himmel. Dort steht der einstige Wunder-Sturm des KFV zusammen: Hirsch, Gottfried Fuchs (Sven Reese) und Fritz Förderer (Martin Klemm). Hirsch und Fuchs, die einzigen Juden, die je für die Nationalmannschaft spielten. Fuchs gelang die Flucht. Hirsch blieb. Jetzt reden sie über alte Zeiten mit großen Brillen und Greisenstimmen.

Was zunächst karikaturhaft wirkt, geht letztlich wunderbar auf. Der Himmel als Metaebene, Reflexionsraum, Kontrast zur Hölle des KZs. Morallehre ohne Zeigefinger: Subtil spielen die drei, obgleich in diesen Szenen vor allem Komödianten, die zwischenmenschlichen Nuancen aus. Etwa wenn Hirsch und Fuchs eng beieinander stehen, die Distanz zu Förderer auch physisch greifbar wird. Jener, der später die SS-Mannschaft trainierte. Hätte er sich weigern müssen?

Da ist sie ganz nebenbei gestellt, die Schuldfrage des Jedermann. Die als Frage nach Moral und Verantwortung unaufdringlich ins Hier und Heute verlängert wird. Mit einem Lahm-Zitat, wonach Politik nichts im Stadion zu suchen hat. Mit dem Verweis darauf, dass der DFB, obgleich über seine Kulturstiftung Initiator des Theaterstücks, die eigene dunkle Vergangenheit lange Zeit lieber genau da beließ: im Dunkeln.

Oehme spielt Juller erst optimistisch kraftvoll, dann gebrochen. Der Eimer bei der Arbeit im KZ zittert in der Hand. Im Ersten Weltkrieg witterte er die große Chance der Integration. Später verleugnet er die Zeichen, schlägt sie aus, die Möglichkeit zur Flucht. In einer der ergreifendsten Szenen des Abends lässt er sich zur Trennung von seiner Frau (Sonia Abril Romero) überreden, um sie, die Nicht-Jüdin, und die Kinder zu schützen. Reese verkörpert als Fuchs den Gegenpol. Ein Mann mit Weitsicht, rechtzeitig auf der Flucht. Reese, wie auch Martin Klemm, wechselt bruchlos die Rollen, findet in die jeweilige Körpersprache – ob als Lebemann in Paris, Arzt oder zynischer Kapo, der in dem jüdischen Häftling einen ehemaligen Nationalspieler erkennt. Und der auf ihn wettet, wie auf ein Pferd.

ck durch mehrere Bundesliga-Städte.

Kommende Aufführungen: 5. Mai, 19.30 Uhr; 23. Mai, 11 und 19.30 Uhr; Karten: 0341 4866016

Von Dimo Riess

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