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Das Wort erheben: Literaturnobelpreis für Swetlana Alexijewitsch

Das Wort erheben: Literaturnobelpreis für Swetlana Alexijewitsch

ht an die weißrussische Schriftstellerin und Regimekritikerin Swetlana Alexijewitsch. Die Entscheidungist ein politisches Signal, würdigt aber auch die literarische Form, mit der es Alexijewitsch um Wahrhaftigkeit geht. In ihren Büchern bekommen Zeitzeugen eine Stimme.

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Die weißrussische Autorin und Regimekritikerin Swetlana Alexijewitsch 2013 in der Paulskirche in Frankfurt am Main.

Quelle: dpa

Ihr Mut ist kein Übermut. Als Swetlana Alexijewitsch im Oktober 2013 im Leipziger Alten Rathaus las, schmeckte auch ein sehr kurzer Witz bitter nach: "Putin, der Demokrat." Zwei Tage zuvor war sie mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels geehrt worden. Gestern hat ihr die Schwedische Akademie den Literaturnobelpreis zugesprochen - "für ihr vielstimmiges Werk, das dem Leiden und dem Mut in unserer Zeit ein Denkmal setzt".

Diese Entscheidung ist ein politisches Signal. Sie würdigt aber auch die besondere literarische Form, die Komposition der Stimmen von Zeitzeugen, das Arrangieren dieses Chors im literarischen Resonanzraum. Das in seiner Wirkung überzeugende Werk.

Swetlana Alexijewitsch hat über den sowjetischen Afghanistankrieg geschrieben - lässt Soldaten, Krankenschwestern, Witwen und Mütter von Gefallenen zu Wort kommen. Sie hat die unheroische Seite des Zweiten Weltkrieg festgehalten - Erinnerungen der Soldatinnen, die in der Roten Armee gekämpft haben. Sie hat den "letzten Zeugen" dieses Krieges zugehört - Frauen und Männern, die damals Kinder waren. Und sie hat "Tschernobyl. Eine Chronik der Zukunft" komponiert und wurde dafür 1998 mit dem Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung ausgezeichnet. In 35 Sprachen sind die fünf Bücher der 67-Jährigen übersetzt, sie dienen als Vorlage für Theaterstücke, Hörspiele und Dokumentarfilme. Für die Autorin fügen sie sich zu einem einzigen.

Dabei gehe es nicht allein um die Historie, sondern um eine "Geschichte der Gefühle", sagte gestern Sara Danius, die Leiterin der Schwedischen Akademie und Jury-Vorsitzende. Alexijewitschs spontane Reaktion gegenüber dem schwedischen Fernsehsender SVT: Es sei eine Ehre, in einer Reihe mit Schriftstellern wie Boris Pasternak zu stehen. Vor Journalisten in Minsk beklagte sie die Publikations- und Auftrittsverbote in ihrer Heimat Weißrussland: "Ich werde nicht gedruckt, ich darf nirgendwo auftreten."

Ihre Gesellschaftsporträts basieren auf Gesprächen, die sie an Küchentischen geführt hat, auf der Straße, in Cafés, im Zug. Weil das, was sie auf der Straße hörte, nicht in den Büchern stand, die sie las, habe sie verstanden, dass "man aus den menschlichen Stimmen ebenfalls eine Literatur machen kann". Ihr großes Ziel: Wahrhaftigkeit. "Wir sind alle abhängig von allem, was uns umgibt, von schlechtem Fernsehen, schlechten Büchern, schlechten Gesprächen - das ist gewissermaßen unser Wissen, und zur gleichen Zeit ist es nicht unser Wissen. Von diesen banalen Hüllen will ich den Menschen befreien, damit er Dinge ausspricht, die nur er sagen kann." Man muss, sagt Alexijewitsch, "ein bisschen verliebt sein in den Menschen. Ohne Liebe, nur aus Neugier heraus, werden nie wahre Bücher entstehen." Sie sieht sich als Künstlerin nicht auf, sondern über der Barrikade. "Von dort beobachte ich und erhebe das Wort", hat sie 1998 gesagt.

Das gilt auch für "Secondhand-Zeit", ihr jüngstes Buch, über den postsowjetischen Menschen im postsowjetischen Raum, über die Anstrengungen, Freiheit zu erringen, die Probleme damit, Vergangenheit zu verarbeiten. Die Freiheit, schreibt sie im Vorwort, "entpuppte sich als Rehabilitierung des Kleinbürgertums (...). Als Freiheit Seiner Majestät Konsum."

Zwar spricht sie über den "Homo sovieticus", wenn sie sagt "Das Volk interessiert sich ausschließlich für Materielles. Das ist eine vulgäre Zeit. Wollen wir hoffen, dass es eine Zwischenzeit ist." Doch lassen sich die Beobachtungen und Erfahrungen, Traum und Trauma nicht isolieren. Ein moralisches Gedächtnis schon gar nicht. Und vielleicht ja deshalb war die Entscheidung in Stockholm diesmal keine Überraschung: Beim Wettanbieter Ladbrokes stand Alexijewitsch auf Platz eins der Favoriten. Sie ist die 14. Frau unter den 112 Literaturnobelpreisträgern, die Ehrung mit acht Millionen Schwedischen Kronen dotiert, rund 860 000 Euro.

Den größten Teil ihrer Lebens verbringt Alexijewitsch im "kommunistischen Versuchslabor". Geboren wird sie 1948 im westukrainischen Stanislaw (heute Iwano-Frankowsk) als Tochter einer Ukrainerin und eines weißrussischen Soldaten. Sie arbeitet als Erzieherin, Lehrerin und bei Lokalzeitungen, studiert in Minsk Journalistik, schreibt Kurzgeschichten, Essays und Reportagen, bevor sie für "Der Krieg hat kein weibliches Gesicht" (1983) erstmals die Methode der Collage wählt, aus der sich so überzeugend Dichte und Kraft entfalten. Nach zwölf Jahren im Ausland kehrt sie 2011 nach Minsk zurück.

Swetlana Alexijewitsch glaubt an das Wort. Möge der Literaturpreis helfen, dass es überall gehört wird.

Janina Fleischer

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