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Das ganze Leben zwischen Weisheit, Melancholie und Ulk

Das ganze Leben zwischen Weisheit, Melancholie und Ulk

Es ist vielleicht die schönste Sopran-Partie des Repertoires: die Marschallin in Richard Strauss' "Rosenkavalier". Die in bester Gesellschaft Erblühte, die sich mit dem Jungspund Oktavian in echter Liebesglut ein wenig Abwechslung verschafft - und doch nur in Ausnahmefällen das Wissen ums Ablaufen der eigenen Uhr verdrängen kann.

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Jürgen Linn (Ochs), Manuela Uhl (Marschallin) und Jean Broekhuizen (Oktavian, v.l.).

Quelle: Tom Schulze

Leipzig. Manuela Uhl, die am Samstagabend in der voll besetzten Oper Leipzig ihr hiesiges Rollendebüt gab, füllt diese weiseste der Bühnen-Figuren Hugo von Hofmannsthals mit melancholischer Grandezza. Mit kleinen Gesten und großer Haltung kleidet Uhl ein gelebtes Leben, das Wissen um die Vergänglichkeit aller Schönheit und allen Glücks, die Würde der Entsagung in eine Bühnendarstellung von tief empfundener Menschlichkeit. Schon für dieses Charakter-Porträt lohnt sich der Besuch dieser mittlerweile knapp 16 Jahre alten Kirchner-Inszenierung, die die Oper Leipzig nun zum Strauss-Jahr wieder hervorgeholt hat. Zumal Uhl auch wunderbar singt. Weich, warm, mit einer Stimme von erlesener Schönheit spürt sie den melodischen Herrlichkeiten und der emotionalen Kraft nach, die Strauss in die Noten grub, und rührt damit ein ums andere Mal zu Tränen.

Für die ist auch Jürgen Linn als Baron Ochs auf Lerchenau gut. Doch sind es Lachtränen. Als vom Dünkel geblähtes selbstgefälliges Schürzenjäger-Landei auf Freiersfüßen hat Linn in dieser Partie die Leipziger bereits mehrfach von seinem komischen Talent überzeugt, von seiner Spielwut, der markanten Beweglichkeit seines Bass-Baritons. Wieder bildet er mit derbem Witz, der hart an der Grenze zum Klamauk navigiert, sie aber im letzten Moment doch respektiert, das andere Ende des Spektrums dieser Oper ab, in der die ganze Welt, das ganze Leben Platz findet.

Dazwischen finden Oktavian und Sophie einander, der schwärmerisch entflammte Graf und der frisch erglühte Backfisch. Aber hier, beim jugendlichen Paar im Zentrum, bleiben Fragen. Jean Broekhuizen etwa stattet Oktavian mit verliebtem Feuer und Mezzo-Schönheit aus. Das ist für ein Rollendebüt in dieser enorm anspruchsvollen Riesenpartie ein eindrucksvolles Ergebnis. Szenisch indes bleibt sie der Hosenrolle die Glaubwürdigkeit schuldig. Die betont männlichen Posen des ersten Bildes geraten in ihrer ungelenken Eckigkeit unfreiwillig komisch. Und wenn sie als Frau einen jungen Mann spielt, der sich als Mädchen verkleidet, fehlt die Vielschichtigkeit.

Bei Eun Yee You verhält es sich andersherum: Bezaubernd spielt sie die Naive auf dem Weg ins Leben und in die Liebe. Ihr schöner Sopran aber ist der Partie bereits entwachsen. Und doch: Wenn sie am Ende, nach rund viereinhalb Stunden, mit Broekhuizen konstatiert "Ist ein Traum, kann nicht wirklich sein", wünschte man, diese Oper würde niemals enden.

Beim Rest der vielköpfigen Personage gibt es keine nennenswerten Einwände: Vom sensationellen Sänger Gaston Riveros über den überdreht neureichen Faninal, den Jürgen Kurth rollendeckend mit Leben füllt, den Intriganten Valzacchi, den Martin Petzold über die Szene quecksilbern lässt, bis hinunter zum depperten Ochs-Bastard Leopold, den Andreas Reinboth herrlich überzeichnet.

Eine "Komödie für Musik" ist dieses Werk. Kirchner zeigte dies in seiner Inszenierung, die Gundula Nowack liebevoll wiederaufbereitete, indem am Schluss das Bühnenbild verschwindet und die Darsteller allein bleiben mit sich, ihren Gefühlen und Strauss' Wunder-Partitur. Um die kümmern sich im Graben Generalmusikdirektor-Intendant Ulf Schirmer und das Gewandhausorchester. Ihrem schillernden Detailreichtum, ihrer Virtuosität, ihrem Witz, dem emotionalen Sog bleiben sie nichts schuldig. Ihrem unvergleichlichen Schmelz, der fließenden Eleganz bisweilen schon. Was nichts daran ändert, dass dieser lange Abend ein sehr, sehr schöner ist. Das spiegelt sich auch im begeisterten Applaus, in den sich nur für Schirmer einsam ein gellendes Buh mischt. Peter Korfmacher

Vorstellungen: 23.2., 27.4., 8.6.; Tickets sind erhältlich im LVZ Media Store in den Höfen am Brühl, in allen LVZ-Geschäftsstellen und über die gebührenfreie Tickethotline 0800 2181050.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 17.02.2014

Peter Korfmacher

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