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"Das musst du genauer erzählen, Oma!" - Gespräche mit Christa und Gerhard Wolf

"Das musst du genauer erzählen, Oma!" - Gespräche mit Christa und Gerhard Wolf

Es sind Gespräche am Küchentisch, im Garten, bei Kaffee oder Wein. Fünf Mal hat sich die Berliner Journalistin und Schriftstellerin Jana Simon in zehn Jahren mit ihren Großeltern Christa und Gerhard Wolf getroffen, um sie zu ihrem Leben zu befragen.

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Christa Wolf (1929-2011) und ihr Mann Gerhard Wolf (Jahrgang '28).

Quelle: Frrank Rothe

Leipzig. Dieses jedoch nicht auf launige Anekdoten abzuklopfen, sondern über Erfahrungen zu sprechen, die das Schriftstellerehepaar geprägt haben - und eine ganze Generation, die Krieg, Flucht, zwei Diktaturen erlebt hat.

Der Titel des Buches, das Jana Simon heute in Leipzig vorstellt, stammt von Paul Fleming und aus einem der Lieblingsgedichte Christa Wolfs, das mit der Zeile beginnt: "Sei dennoch unverzagt! Gib dennoch unverloren!" Nach Wolfs Tod am 1. Dezember 2011 hat Schauspielerin Corinna Harfouch es bei der Trauerfeier gelesen.

Diesem "dennoch" bleibt Simon, Jahrgang 1972, auf der Spur, immer wieder nachhakend, insistierend - als Enkelin, nicht als Journalistin. 25 ist sie beim ersten Gespräch im Jahr 1998. Sie bemerkt, dass die Großeltern "weniger von mir wissen wollen als ich von ihnen. Ein bisschen liegt das in ihrem Verdacht begründet, meine Generation sei unpolitisch und somit nicht sehr interessant." Sie räumt selbst ein: "Man kann nur versuchen, den kleinsten gemeinsamen Nenner zu finden. Große Visionen kannst du nicht entwickeln. Vielleicht wollen wir das auch gar nicht."

Bei den Wolfs war das anders, war im Wesentlichen alles auch politische Auseinandersetzung - das Schreiben, die Einmischungen, Freundschaften und auch eheliche Kabbeleien. Politisch war und ist der Umgang mit ihnen. Von der Staatssicherheit bespitzelt, von der SED instrumentalisiert, nach dem Mauerfall im Literaturstreit über die Erzählung "Was bleibt" vom westdeutschen Feuilleton dif­fa­mie­rt. Man wolle sie politisch aus dem Verkehr ziehen, habe Michael Gaißmayer 1990 gewarnt: "Es geht nicht um Ihre Vergangenheit, in Wirklichkeit geht es um Ihre Aktivitäten in der Gegenwart. Das stört. (...) Frau Wolf, Sie kriegen in diesem Staat kein Bein mehr auf die Erde."

Ein paar Jahre später sollte deshalb die dünne Täterakte als IM "Margarete" schwerer wiegen als 42 Akten-Bände über das Ehepaar Wolf. "Die Auseinandersetzung damit ist Teil des neuen Manuskripts 'Stadt der Engel'", sagt sie im März 2008. Zwei Jahre später ist der Roman erschienen, jeder kann heute nachlesen, dass Christa Wolf sich nicht in ein Schweigen stehlen wollte und konnte.

"Ich finde es schrecklich, dass ich bei meinen Großeltern immer alles nachlesen muss, ich will es authentisch", sagt Jana Simon am Anfang. Die Antwort Gerhard Wolfs: "Das Authentische ist das, was wir schreiben!" Sie erzählen dann doch ausführlich. Angefangen bei Fragen wie der, was sie während des Krieges gewusst haben von den Konzentrationslagern. So formt sich mehr als eine Ahnung vom psychologischen Erbe einer "Sprachohnmächtigkeit". In aller Offenheit geht es um Irrtümer in der Zeit der Naziideologie mit "Mythos und Propaganda", gefolgt von der "Idee der sozialen Gerechtigkeit". Auch um Kindererziehung geht es, 60 Jahre Ehe oder Feminismus, um die Rolle der Intellektuellen in der DDR und die Machtkämpfe auf dem 11. Plenum des ZK der SED 1965, um frühe Enttäuschungen.

"Das musst du jetzt einmal genauer erzählen, Oma!", drängt Simon. Und Christa Wolf erzählt genauer vom Beginn der Hoffnungslosigkeit und dem Schreiben als moralischen Akt. Schizophrenie, sagt sie 1998, ist die Krankheit dieses Jahrhunderts. In diesem Buch bekommt das vernachlässigte Wort Weltanschauung wieder Gewicht.

Jana Simon bei Lehmanns: Donnerstag, 20.15 Uhr, Grimmaische Straße 10 in Leipzig; Karten (5/3 Euro) unter Telefon (0341) 33 97 50 00.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 21.11.2013

Janina Fleischer

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