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Das weibliche Gesicht des Leipziger Poetry Slams

Franziska Wilhelm Das weibliche Gesicht des Leipziger Poetry Slams

Franziska Wilhelm schreibt leidenschaftlich gerne: Kurzgeschichten, Romane und Moderationen. Als Poetry Slammerin, Moderatorin und Mitglied der Lesebühne Schkeuditzer Kreuz trägt sie ihre Texte ihrem Publikum vor. Und ist mit ihrem ganz eigenen Stil erfolgreich.

Wilhelm, die keinen Witz auswendig weiß, mag es, wenn sie lustige Geschichten schreiben darf.

Quelle: André Kempner

Leipzig. Franziska Wilhelm hat schon öfter gehört, dass sie für eine Autorin überraschend normal sei. Die 36-Jährige lacht viel. Nicht aus Verlegenheit, sondern aus Lebensfreude. Die Wahl-Leipzigerin prägt die deutsche Poetry-Slam-Szene seit mehr als 15 Jahren mit, trägt ihre Texte auf Lesebühnen vor, hat einen Roman geschrieben und moderiert seit dem Frühjahr eine crossmediale MDR-Slam-Show. Drei Tage die Woche arbeitet Wilhelm bei einem Carsharing-Unternehmen.

„Vielleicht verändert sich das Bild des Schriftstellers“, überlegt sie. Denn in der Literaturwelt tut sich was: Die Grenzen zwischen Poetry Slammer, Kabarettist und literarischem Autor verwischen. Poetry Slam werde immer mehr als Literatursparte anerkannt. Franziska Wilhelm hat sich als Slammerin der ersten Stunde ihren Raum zum Schreiben geschaffen und gleichzeitig ihren prägnanten, dichten Stil herausgearbeitet. Sie hat die Literaturszene mit Durchhaltevermögen geprägt und fühlt sich darin wohl.

Franziska Wilhelm liebt den Humor – kennt aber keinen Witz

Wilhelm, die keinen Witz auswendig weiß, mag es, wenn sie lustige Geschichten schreiben darf. „Ich amüsiere mich ja selbst dabei. Das macht meinen Nachmittag schön“, sagt die gebürtige Erfurterin bescheiden. Schreiben, vor allem Prosa, ist ihre große Leidenschaft. So drückt sie sich aus und verarbeitet Eindrücke aus ihrer Umgebung. „Indem ich schreibe, beantworte ich für mich selbst Fragen zu einem Thema.“ Das Unterbewusste im Kreativprozess, das die Handlung in ihren impulsiven und prägnanten Kurzgeschichten häufig lenkt, fasziniert sie. Die Wendungen, die dadurch entstehen, überraschen Wilhelm manchmal selbst.

Geschrieben hat sie schon immer gern. Eine neue Dynamik bekam dieses Hobby, als Wilhelm 1999 beim Jungen Literaturforum Hessen-Thüringen für eine Kurzgeschichte ausgezeichnet wurde und dann bei Seminaren mit anderen Schreibenden ihre Texte besprechen konnte. 2001 zog Wilhelm für ihr Kommunikationswissenschaften-Studium von Erfurt nach Leipzig, eine Stadt, in der „alle wild darauf sind, was Neues auszuprobieren“.

Damals fand sie einen „schlecht kopierten Flyer“ für einen Poetry Slam, stellte sich vor das Publikum und gewann. „So habe ich die Szene kennengelernt, die da noch ganz jung war“, erzählt sie. Hauptsächlich Männer maßen sich damals mit ihren Texten, Wilhelm war da beinahe eine Exotin. „Viele waren überrascht, dass ich als Frau so lustig schreibe, das wurde nicht erwartet“, erinnert sich die unaufdringliche Frau, die sich in der immer noch eher männerdominierten Szene auskennt.

Poetry Slam ist bis heute eher Männersache

Irgendwann waren ihr die Regeln beim Slam dann zu restriktiv, Wilhelm wollte sich noch weiter entwickeln und auch Texte präsentieren, die länger als fünf Minuten dauern. Die Autorin probierte sich auf Lesebühnen aus. Dort werden Texte ohne Wettbewerbsgedanken vorgetragen. Seit 2010 ist Wilhelm festes Mitglied der Lesebühne Schkeuditzer Kreuz – und auch dort die einzige Frau. Sie ist froh, dass immer mehr Frauen durch Workshops oder Vorbilder einen Zugang zu Literaturbühnen finden. Am Montag erscheint im Satyr Verlag die Anthologie „Lautstärke ist weiblich“ mit Texten von 50 Slammerinnen aus Deutschland. „Es hat sich viel getan, denn als ich anfing, gab es vielleicht gerade mal fünf Poetry-Slammerinnen deutschlandweit.“

Morgen wird die Autorin mit Lachfalten mit dem Leipziger-Lesebühnen-Literaturquintett erstmals im neuen Kupfersaal performen. Davor wird die Sprachkünstlerin abgeschirmt in der Universitätsbibliothek Albertina eine Geschichte zu einem alltäglichen Thema schreiben. Zuhause wird sie den Text dann laut sprechen, ihn bunt anstreichen, um zu wissen, wann sie die Stimme hebt und wo sie eine Pause macht. Kurz bevor sie dann auf die Bühne steigt, wird sie wahrscheinlich Lampenfieber haben und Angst, dass ihre Kontaktlinse versagt und sie nichts mehr lesen kann. Bisher ist aber immer alles gut gegangen. Ihr Anspruch an jeden Text ist, dass er nicht langweilig ist. Wird das Publikum doch unruhig, verbessert Wilhelm einzelne Passagen im Nachhinein.

Nächstes größeres Werk Wilhelms ist in Arbeit

Überhaupt ist ihr die Reaktion der Zuhörer wichtig: Sie ist es gewohnt, dass ihr Publikum auf ihre humoristischen Texte mit Lachen reagiert. Bei Lesungen mit ihrem 2014 erschienenen Roman „Meine Mutter schwebt im Weltall und Großmutter zieht Furchen“ schwiegen die Zuhörer bei ernsteren Passagen aber auch mal. Daran musste sie sich zunächst gewöhnen. Vier Jahre lang hat sie an dem rund 200 Seiten starken Nachwenderoman getüftelt. Der zeitliche Kontext, die Jahre nach der Wiedervereinigung, haben die Autorin geprägt. „Ich kenne das Gefühl der Ratlosigkeit.“ Auch in anderen Texten verarbeitet sie die Jahre ihrer Jugend. Ein weiterer Roman, der in der Zeit spielt, sei aber nicht geplant, sagt sie.

Wilhelm arbeitet derzeit an einem neuen, längeren Werk. Ihren Sommer verbrachte die Autorin darum mit einem Stipendium des Hessischen Literaturrats in Bordeaux, wo sie neben Lesungen und Workshops auch zum Schreiben kam. Im kommenden Jahr will sie außerdem ein Buch mit ihren Slam- und Lesebühnen-Texten herausbringen.

Franziska Wilhelm trägt Freitag um 20 Uhr ihren neuesten Text mit der Lesebühne „Schkeuditzer Kreuz“ im Kupfersaal (Kupfergasse 2) vor. Eintritt 8/6 Euro.

Von Theresa Held

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