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Dekorativer Tanz: "La Frontera" über den Drogenkrieg feiert Premiere im Leipziger Lofft

Dekorativer Tanz: "La Frontera" über den Drogenkrieg feiert Premiere im Leipziger Lofft

Mit "La Frontera" wagen acht Tänzer des Balletts der Leipziger Oper, vereint unter dem Namen Infinite Distance, den Grenzgang. Hin zu freier Szene- und heiklem Sujet: dem mexikanischen Drogenkrieg.

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Grenzüberschreitung? Die acht Tänzer der Gruppe Infinite Distance verdienen ihren Lebensunterhalt sonst im Ballett der Leipziger Oper.

Quelle: André Kempner

Leipzig. Am Donnerstag hatte die Inszenierung Robert Phillips (Konzept und Choreografie) im Lofft Premiere.

Das Herz der Finsternis schlägt auch da, wo die Sonne hell strahlt. Bleich wie der Tod und heiß wie die Hölle ist für viele der dort Lebenden inzwischen tatsächlich die Hölle, was seit Jahren Mexiko in einem Gewaltdelirium krampfen lässt. Ein Drogenkrieg, von dessen Blutzoll der Wüstensand entlang der Grenze zur USA eigentlich rotgefärbt sein müsste.

Und wer hat daran Schuld? Wir! Was dann wohl "der Westen" ist. Zumindest kann man davon ausgehen, nach Verlautbarung der Lofft-Webseite, auf der im Text zum Stück der fesche Satz zu lesen ist: "Dieser Krieg wird von uns finanziert!"

Der also auch noch, stöhnt man auf, eingedenk der Kriegsherde, an denen "wir" ja ebenfalls schon partizipieren. Aber da, wenigstens für den progressiven Westeuropäer, ein solides Schuldgefühl bezüglich weltweiter Unbilden zur mentalen Grundausstattung gehört, ist man schon neugierig, welche Kausalketten "La Frontera" klirren lässt, auf dass das eigene Schuldbewusstsein eine weitere Blüte treibe.

Es fängt toll an, was Phillips diesbezüglich zeigt. Mit einem Solo im schwarzen Bühnenkubus, an dessen Rand ein paar Scheinwerfer auf dem Boden platziert sind. Dazu ein Tänzer in den Bewegungen einer wie trügerisch scheinenden Harmonie, ausgebrochen aus welchem Dunkel auch immer und wie belebt vom kargen Licht an den Seiten. Eine starke Eröffnung, weil sie sich kurzen Assoziationen verweigert, die Freiheit der Abstraktion zu postulieren scheint. Also dem Zuschauer seine intellektuelle Souveränität nicht zu beschneiden sucht.

Ein leeres Versprechen - weicht diese Abstraktion doch bald derart dem Konkreten, dass jeglicher Assoziationsraum darüber zum Diminutiv, zum Räumchen, irgendwo zwischen Didaktik und Betroffenheitsgemütlichkeit, schrumpft. Da flimmern auf der Bühnenrückwand flugs die Projektionen. Dokumentarische Filmsequenzen. Mexikanische Impressionen, später Polizeireport-Leichenbilder, dann solche der Zivilgesellschaft, die sich zum Protest formiert. Zwischendrin gibt es auch mal eine Western­sequenz, in der der großartige Eli Wallach als fieser Pistolero unterm Sombrero vorgrinst.

Auf jede dieser Sequenzen folgen Choreografien. Allerdings nicht als assoziative Weiterführungen, als ein Erkunden von Tiefenschichten hinter dem Faktischen, sondern als tänzerische Illustrationen des zuvor Dokumentierten. Das nun ist zwar durchweg hübsch anzusehen, aber bezüglich inhaltlicher Substanz kaum mehr als eben Illustration. Um nicht zu sagen: Plattitüde.

Frauenbilder und Machogebaren, Liebe, Gewalt und Tod. Alles ist drin, was rein muss. "La Frontera" ist voll der kulturellen Identitätssprenkel à la "typisch Mexiko". Nur, wohin führt das? Dahin, dass man, wenn die Jungs auf der Bühne mal mit der Knarre hantieren, sich verbietet, das niedlich zu finden. Schließlich geht es, trotz gelegentlichen Humors, um ein ernstes Thema.

Welches allerdings derart im dekorativen Oberflächenreigen schlingert, dass man sich schon mal fragt, was Phillips eigentlich dazu trieb. Und möglich, dass das jetzt moralisierend klingt: Aber Bilder von Ermordeten, samt Porträts von vermissten, geschundenen, getöteten Frauen zu projizieren, um die eigene künstlerische Betroffenheitsentäußerung emotional zu optimieren, ist nicht ohne Fragwürdigkeit. Freilich: In Anbetracht des Umstandes, dass "wir diesen Krieg" finanzieren, sind solche Stil- und Pietätsaspekte total kleinlich. Allerdings - und ohne kleinlich sein zu wollen: wirklich erklärt hat "La Frontera" das mit der Finanzierung dann auch nicht.

i"La Frontera" erneut heute, 20 Uhr, und am morgigen Sonntag, 18 Uhr, im Lofft (Lindenauer Markt 21), Eintritt 12/8 Euro

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 01.02.2014

Steffen Georgi

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