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Dem glaubt man, was er singt: Gunter Gabriel wird 75

Achterbahn-Leben Dem glaubt man, was er singt: Gunter Gabriel wird 75

Seine markante Stimme, seine schnoddrig-coole Art zu singen fallen auf in der Schlagerszene. Dem glaubt man, was er singt. Wenn er denn singt – und nicht wieder eine Krise hat. Am Sonntag wird Gunter Gabriel 75.

Gunter Gabriel im Mai vor seinem Hausboot.

Quelle: dpa

Leipzig. Er lebt. Das ist schon mal was, angesichts dessen, was Gunter Gabriel noch vor einem Jahr verkündet hatte: „Ich merke, dass ich sterbe“, sagte er. Angenommene Todesursache damals: Ein Virus, den er meinte, sich im RTL-Dschungelcamp gefangen zu haben. Dazu kamen Schlaganfall, Gallen-OP, Prostata und überhaupt. Vor allem Letzteres. An diesem Sonntag wird die Dramaqueen der deutschen Unterhaltungsmusik 75. Ein Alter, das man ihm – zurückhaltend formuliert – ansieht. Sein Leben, in dem es ab und zu mal nach oben ging, das eigentlich aber aus einer Kette von Abstürzen bestand, hat sich in seinen Körper gegraben. Alkoholexzesse, Pleiten, gescheiterte Ehen, Affären, Prügeleien, Prozesse. Sein Zuhause ist die Achterbahn.

Geboren wird Günther Caspelherr, so sein bürgerlicher Name, 1942 im westfälischen Bünde. Seine Mutter stirbt, da ist er vier Jahre alt. „Dieses Gefühl von Zuneigung habe ich nie gehabt. Das ist schon mal Mist. Jetzt kommt noch mein Vater dazu. Der war das größte Arschloch aller Zeiten. Er kam aus dem Krieg, er war erledigt, traumatisiert. Er war dermaßen aggressiv“, hat Gabriel 2012 im LVZ-Interview erzählt. Sein ganzes Leben lang wird er obsessiv nach Bestätigung und Liebe suchen – als Getriebener, oder, wie Gabriel es nennt, als Raubritter: „Ich konnte nie bei einer Frau bleiben, bin immer vor ihnen geflüchtet oder sie vor mir.“ Vier Mal heiratet er, vier Mal lässt er sich scheiden. Die Dramen, die andere auf Bühnen spielen, er lebte sie – bis zur unfreiwilligen Selbstparodie im Januar 2016 im Dschungelcamp, das er nach wenigen Tagen verließ.

Gunter Gabriel ist ein Unfall, der ständig passieren kann, ein Typ wie geschaffen für die Boulevardpresse. Muss man so einen mögen? Nein, aber man kann. Gabriel, der vier Kinder und drei Enkelkinder hat, hat es sich nie in bürgerlichen Verhältnissen gemütlich gemacht. So redet er, so denkt er, so lebt er – auf seinem Hausboot, der „Magdeburg“ im Binnenhafen von Hamburg-Harburg – ungehobelt und auf sympathische Art unvoreingenommen.

Der Typ fällt auf

Die Volksschule bricht Gabriel vorzeitig ab; er braucht Geld, schlägt sich als Hilfsarbeiter durch. Später macht er sein Fachabitur und studiert Maschinenbau in Hannover, was er auch nicht zu Ende bringt. Vieles bleibt Stückwerk, eine Heimat findet er in der Musik. Gabriel wird Promoter bei einer Plattenfirma, schreibt Lieder für andere. Sein erster eigener Hit ist 1973 der Trucker-Song „Er ist ein Kerl (Der 30 Tonner Diesel)“, über einen betrogenen Fernfahrer. Es folgen Songs wie „Hey Boss, ich brauch mehr Geld“ oder „Komm‘ unter meine Decke“. Seine markante Stimme, seine schnoddrig-coole Art zu singen fallen auf in der Schlagerszene. Dem glaubt man, was er singt. Wenn er denn singt – und nicht wieder in irgendeinem Lebenstunnel verschwunden ist.

Kein Wunder, dass sich so einer zu Johnny Cash hingezogen fühlt. Cash, wie Gabriel ein Phönix aus der Flasche, ist sein großes Vorbild, die beiden lernen sich Mitte der 70er Jahre kennen. „Zeigt mir den Kerl, der eines meiner Lieder auf Deutsch gesungen hat“, soll Cash gefordert haben. Der Kerl war Gabriel, dessen „Ich werd’ gesucht in Bremerhaven, ich werd’ gesucht in Wuppertal“ von Cashs „Wanted Man in California – Wanted Man in Ohio” inspiriert war. Seitdem waren sie befreundet, trafen sich unregelmäßig. Kurz vor seinem Tod 2003 habe ihm Cash auf seinen Anrufbeantworter gesprochen, ihn gebeten, seine Songs auf Deutsch zu singen, berichtet Gabriel. Und der macht liebend gerne, was sich der große Amerikaner wünschte. Fast 200 Mal führt er die Revue „Hello, I’m Johnny Cash“ im Berliner Renaissancetheater auf, geht damit 2012 auf Tour durch Deutschland. Auch im Leipziger Gewandhaus feiert man ihn. Der Deutsche kopiert den Amerikaner nicht, er füllt die Rolle aus. Oder sie ihn.

Seinen Geburtstag will er bei einem Truckertreffen feiern. Der Tod ist einstweilen verscheucht, über sich sagte Gabriel die Tage: „Ich bin ein Lösungsmann, kein Jammermann. Ich löse Probleme.“ Damit dürfte er auf absehbare Zeit genug zu tun haben.

Von Jürgen Kleindienst

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