Volltextsuche über das Angebot:

8 ° / 2 ° wolkig

Navigation:
Google+ Instagram YouTube
Der Dancehall-Direktor: Ronny Trettmann feiert in der Distillery sein Debütalbum

Der Dancehall-Direktor: Ronny Trettmann feiert in der Distillery sein Debütalbum

Ronny Trettmann nennt sich nicht nur Dancehall-Direktor, er wird auch von Fans und Kollegen als solcher anerkannt. Dabei schien er mit seinem Hit "Der Sommer ist für alle da" vor sieben Jahre eine Eintagsfliege zu sein.

Heute Nacht feiert der Leipziger in der Distillery das Debütalbum "Tanz auf dem Vulkan", das in einer Woche erscheint.

Da ist die Platte noch gar nicht raus - und schon überholt. "Vier Mal", so singt Ronny Trettmann in einem ironischen Klagelied auf das "Bizzinizz" kürte ihn das Reggae- und Dancehall-Fachblatt Riddim bereits zum "besten nationalen Artist" eines Jahres. Aber er sei "immer noch nisch offm Cover" gewesen. Nun, zwei Fehler, mein Lieber. Erstens ist Trettmann mittlerweile sogar fünffacher Titelträger. Zweitens schmückt er das Titelbild der aktuellen Mai/Juni-Ausgabe.

"Die haben das Demo gehört und sofort gehandelt", mutmaßt er. "Wobei ich finde, dass ich ein eigenes Cover verdient hätte." Besäße er nicht den Ehrgeiz, Ironie stets ohne winkende Zaunpfähle einzusetzen, würde er wohl spätestens an dieser Stelle mit den Augen zwinkern. Trettmann teilt sich die Titelseite nicht mit irgendwem, sondern mit zwei weiteren Schwergewichten der Szene, die im Gegensatz zu dem Leipziger auch einem breiteren Pop-Publikum bekannt sind: Gentleman, Patrice und er posierten in Anzügen für die Journaille.

Früher wäre es ihm jedoch nicht passiert, dass seine Lieder vor dem Erscheinen veralten. Da lautete sein Prinzip, schnell zu schießen: "Ein Ereignis, eine Idee, den Text schreiben und raus damit", erklärt er. Gepriesen sei das Internet. So entstanden "Hand ab", nachdem in Leipzig 2008 mit Blei gestrecktes Marihuana aufgetaucht war, und etliche Sommerhits: 2010 "Schüttn Eimor Wasser Drüborr!", 2011 "Hitzefrei", 2012 "Kurz vor Naksch".

Sowieso begann seine Karriere vor sieben Jahren mit einem sonnigen Knaller. 2006 kostümierte er sich mit Fliegermütze, Taucherbrille und jamaikanischem Sportler-Dress und trällerte in breitestem Sächsisch, dass "der Sommer für alle da" sei. Ohne jede professionelle Infrastruktur, Plattenfirma oder PR-Agentur erreichte das Lied immerhin Platz 53 der Media-Control-Charts und wurde insbesondere von sächsischen Radios rauf und runter gespielt. Als Interviewgast konstruierte er eine fast komplett erfundene Biografie und log beispielsweise, dass er aus dem Peniger Ortsteil Obergräfenhain 1 stamme.

Zwar überraschte er seine Anhänger schon 2008 mit dem Stück "Großvater". Erstmals hatte er, wie er sagt, "die Ambition, was Ernsthaftes, Reales zu texten - über das DDR-Redeverbot für ehemalige Kriegsgefangene" und die Sehnsucht seines Opas, ohne Schuldfrage einfach über seine schrecklichen Erlebnisse als junger Mensch reden zu dürfen. Zudem trennte sich Trettmann mit der EP "Zentralgestirn" vergangenes Jahr konsequent von früherer sprachlicher Übertreibung. Er singt und rappt nun sein authentisches Sächsisch. Doch noch heute ist etwa sein Wikipedia-Eintrag Opfer seines Erfindungsreichtums. Anders als die Online-Enzyklopädie festhält, ist Trettmann mitnichten 1981 geboren. Vielmehr geht er auf die 40 zu.

"Der Deutsche Dancehall-Direktor" dddd-te also tatsächlich "schon in der DD DDR", wie er im Eingangssong seiner Platte kundtut. Zunächst in Karl-Marx-Stadt (die er noch immer bei diesem Namen nennt, "weil's so in meinem Ausweis steht"). Später in Dresden, Berlin und seit Ende der 90er in Leipzig. Er lebt im Waldstraßenviertel, was er auch zu Beginn der Feiernummer "Partyprofessionell" ins Mikro röhrt. Es handelt sich um einen Text, den er sich mit dem Jamaikaner Chi Ching Ching teilt, und ihre abwechselnd vorgetragene Aufzählung "Warning! Stony Hill! Waldstraßenviertel!" hat schon was: Wo doch erstere Stadt direkt an Kingston grenzt.

Mit dem Comedy-Image, das Trettmann seit "Der Sommer ist für alle da" anhaftet, sei er ohnehin "voll cool", sagt er, völlig im Reinen also. Nach wie vor verstecken seine Lieder keineswegs den Humor ihres Autors, und das fast ohne Plattheiten. "Nur hat es mir irgendwann eben nicht mehr gereicht, das Genre zu persiflieren." Er will der Dancehall-Direktor schon sein und nicht nur so tun. Für das Titellied "Tanz auf dem Vulkan" beispielsweise las er als Agnostiker die Johannes-Offenbarung und verarbeitete die biblische Vorlage zu einem eigenen Untergangskracher, der zugleich enorm tanzbar ist. "Es stimmt ja leider einfach", erklärt er, "dass wir mit wehenden Fahnen auf einen zweiten Urknall zumarschieren, ökologisch, ökonomisch, gesellschaftlich".

Dass er in seiner Nische längst alle Glaubwürdigkeit besitzt, die er sich wünscht - in Leipzig nicht zuletzt, weil er lange die renommierte Reihe "Hotta Fire Reggae Station" in der Distillery mitorganisierte - zeigt sich nicht nur in den jährlichen Riddim-Ehrungen. Sondern vor allem in hochkarätigen Kollaborationen auf dem Album: Neben dem Jamaikaner Chi Ching Ching, der erstmals im deutschen Dancehall gesichtet wird, gehören Nico Seyfried von K.I.Z. und Felix Brummer von Kraftklub zu den Gaststars. Die musikalischen Zügel hielt Junior Blender in Händen, ansonsten Selector des Berliner Soundsystems Supersonic.

Es ist gar nicht unwahrscheinlich, dass Trettmann mit dem daraus resultierenden Album sein Ziel erreicht und mit den Riddim-Titelbildkollegen Gentleman und Patrice gleichzieht: Pop-Hörer anspricht, ohne die eingeschworene Reggae-Gemeinde zu verprellen. Und das obwohl er ausgerechnet auf dem Debüt ausnahmsweise keinen Sommerhit parat hat. "So etwas kann ich offenbar nicht planen, sondern nur spontan aufschreiben, wenn's draußen wirklich heiß ist." Nicht einmal die Komposition "Ski­urlaub", an der unter anderem der Schweizer MC Stereo Luchs mitwirkt, erfüllt - trotz ihres Themas - die Anforderungen an einen Après-Ski-Hit. Der Track ist viel zu entspannt. "Aber vielleicht machen wir da im November noch einen Techno-Mix draus", kündigt er an.

Und wieder kann niemand sagen, wie er das meint. Trettmann kann so ernsthaft Quatsch erzählen, dass man manchmal vielleicht verpasst, wenn er die Wahrheit spricht. Und andersherum. Handelt es sich denn beim Birnenpfeffi mit Zimt, dem er eine brachiale Liebeserklärung gedichtet hat, wirklich um ein Modegetränk? "Natürlich, das ist eine ganz große Nummer, noch nie getrunken?" Eben noch erklärte Ronny Trettmann geduldig einige Reggae-Gepflogenheiten, aber jetzt schüttelt er den Kopf und schaut mitleidsvoll. "Na, du hast aber wirklich überhaupt keine Ahnung."

Ronny Trettmann, Album-Release-Gala mit Supersonic Sound, DJ Sensay, Kid Gringo, Prime Time Danzas, Ganjaman, heute, 23 Uhr, Distillery (Kurt-Eisner-Straße 108a). "Tanz auf dem Vulkan" erscheint am 10. Mai bei Heckert Empire/Kick The Flame. Wir besprechen das Album am 11. Mai im "LVZ-Wochenende".

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 03.05.2013

Mathias Wöbking

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus News
  • Schauspiel Leipzig
    Mikrologo Schauspiel Leipzig

    Theater in Leipzig: Höhepunkte, Premieren, Spielplan und Angebote der Spielzeit 2016/2017 im Schauspiel Leipzig mehr

  • Dreamhack Leipzig

    Auf der Dremhack 2017 treten die besten Computerspieler gegeneinander an. mehr

  • Asisi - Welt der Panoramen
    Panometer Leipzig: Alle Infos zum "Great Barrier Reef" und den weiteren Panoramaprojekten von Yadegar Asisi

    Erfahren Sie im Special von LVZ.de alles zum Great Barrier Reef im Panometer Leipzig und den asisi-Panoramen in Dresden. mehr

  • Schau! Das Leipziger Museumsportal
    Schau! Das Leipziger Museumsportal

    Alle Informationen zu den Museen in Leipzig, ihren Ausstellungen und Events auf einen Blick im Special der LVZ. mehr

Blättern Sie hier durch die aktuelle Veranstaltungsbeilage "Applaus" und finden Sie Konzerte, Shows, Ausstellungen, Sport-Events und mehr in Leipzig und Umgebung. mehr

Erfahren Sie mehr auf www.leipziger-museen.de

Leipzig gilt als der Geburtsort der modernen Psychologie. Wie früher und heute im Geist geforscht wurde ist vom 14. September bis zum 16. Dezember 2016 in der Ausstellung "Psychologie in Leipzig - Geburt einer Wissenschaft" zu sehen. Besucher können sowohl Beobachter als auch Versuchsperson sein. Unsere Schau des Monats November! mehr

  • E-Paper
    E-Paper

    Mit unserem E-Paper-Abo können Sie die LVZ in digitaler Form täglich im Original-Layout im Web oder auf Ihrem Tablet lesen. mehr

  • Magicpaper
    Magicpaper

    Wenn Sie an Beiträgen in der gedruckten LVZ das Handy-Symbol entdecken, stehen ab sofort mithilfe der Magicpaper App zusätzliche digitale Inhalte f... mehr

  • Onlineabo

    "LVZ-Online Extra" heißt das Online-Premiumangebot der Leipziger Volkszeitung, das Sie überall auf der Welt und rund um die Uhr nutzen kö... mehr

  • Leipzig Wiederentdeckt
    Leipzig Wiederentdeckt

    Die 13 Filme schildern eine einzigartige Zeitreise durchs 20. Jahrhundert der Stadt Leipzig – von den Anfängen des Films bis zur Wendezeit. Mit bis... mehr

  • So war das damals...
    So war das damals...

    Dies ist ein Geschichtenbuch der besonderen Art: Leserinnen und Leser der Leipziger Volkszeitung erzählen Erlebnisse aus ihrer Kindheit und Jugend,... mehr