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Der Flügel als Mikrophon der Seele

Der Flügel als Mikrophon der Seele

Was ist Romantik anderes, als gebändigter Rausch? Gelenkte, mit den Mitteln musikalischer Architektur umfriedete Inspiration? Mal sind die Fesseln enger. Dann befanden Komponisten ihre Werke beispielsweise des Gattungsbegriffs "Sonate" für würdig.

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Vollkommene Romantikerin: Gabriela Montero im Gewandhaus.

Quelle: kfm

Mal sitzen sie lockerer, dann passen Namen wie "Fantasie" besser oder "Ballade". Wobei es kein Entweder gibt und kein Oder. Die Grenzen verschwimmen, und viele Ausnahmen bestätigen wenige Regeln. Denn Romantik hat immer mit Freiheit zu tun.

Womit wir bei Gabriela Montero wären, der venezolanischen Wunderpianistin, die am Sonntagabend im großen Saal des Gewandhauses die Mendelssohn-Festtage beendete. Das Publikum hätte auch in den kleinen gepasst. Doch dort würde der große Steinway unter ihren Fingern nicht so farbsatt seinen Zauber entfaltet haben können.

Ins Zentrum ihres Recitals stellt Montero das Manifest der pianistischen Romantik: Robert Schumanns C-Dur-Fantasie - zunächst als Sonate angelegt, dann doch zu frei gewachsen, zu neuartig, zu eigen, um in den Augen des Komponisten diesen Namen zu verdienen. "Durchaus phantastisch und leidenschaftlich vorzutragen" schrieb er über den Kopfsatz, was viele Pianisten zum Anlass nehmen, sich in unverbindlichem Pathos daran abzuarbeiten. Entsprechende Technik vorausgesetzt gerät das dann oft ziemlich eindrucksvoll. Aber romantisch?

Montero geht anders an Schumanns am häufigsten gespieltes großformatiges Klavierwerk heran. Zunächst einmal ziemlich flott. So verdichtet sie das Figurenwerk der Linken zum Brodeln einer Leidenschaft, die den lichten Oktavgesang der Rechten wie von Ferne bedroht. So berückend die Details im Einzelnen auch sind, die sie der Phantastik abringt oder dem "Legendenton" - Monteros Blick bleibt nach vorn gerichtet. Auch im "Durchaus energischen" Mittelsatz. Selbst Kollegen, die es weitaus geruhsamer angehen lassen, müssen auf die Bremse treten, wenn Schumann mit der sinfonisch verschränkten Polyphonie in Punktierungen aus dem Schatten von Beethovens letzter Klaviersonate tritt. Montero dagegen bleibt im Tempo, ordnet auch die spätestens in der abenteuerlichen Stretta unvermeidlichen Schusterflecken ihrem Konzept unter, reißt Schründe auf, die das Finale nicht mehr schließen kann. Dieser unendliche Gesang wehrt sich kraftvoll gegen das eigene Verstummen. Der Flügel als Mikrophon der Seele - das ist Romantik.

Das funktioniert auch am anderen Ende des Formenkanons, bei Mendelssohns "Liedern ohne Worte" Opus 19, poetischen Miniaturen ohne ein Gramm Fett auf den Hüften - unter Monteros magischen Fingern aber auch jede salonhafte Harmlosigkeit. Die Venezolanerin scheut auch hier, bei aller subtilen Natürlichkeit, das pianistische Auftrumpfen nicht, stößt im "Pino agitato" weit in die Ausdruckswelten eines Frédéric Chopin vor - ins Herz der Romantik sozusagen.

Dort wohnt auch der zweite Konzertteil, in dem Montero ihre einzigartige Improvisationsgabe, nein, nicht vorführt, sondern sublimiert. Ganz gleich, ob sie aus dem Publikum Melodien präsentiert bekommt, sich der Alhambra in Form eines neobarocken Praeludium auf den Spuren Busonis nähert, "Muss i denn zum Städele hinaus" als eleganten Konzertwalzer in der Tradition Godowskis anlegt, oder "Besame mucho" als gewichtigen Tango. Ob sie Situationen in den Fußstapfen Skrjabins oder Ravels oder Korngolds umkreist oder die Tür zum Salon aufstößt. Ob sie den Tränen nahe das düstere Bild ihres Heimatlandes zeichnet, wo "im Jahr mehr Morde geschehen als in den USA und der EU zusammen". Nie kehrt Montero den pianistischen Effekt in den Vordergrund. Stets bleibt sie dem Ausdruck verpflichtet, dem Inhalt. Das macht ihre Improvisationen so kostbar, dass man wünschte, sie feilte sie aus und brächte sie zu Papier. Das macht sie sozusagen zur vollkommenen Romantikerin am Klavier. Rückhaltloser Jubel.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 23.09.2014
Korfmacher, Peter

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