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Der Gottvater des Genres

Blues-Gigant John Mayall im Leipziger Gewandhaus Der Gottvater des Genres

Seit über 60 Jahren steht John Mayall, der Erfinder des weißen Blues, auf den Bühnen der Welt. Im Gewandhaus zeigte der 83-Jährige, dass er es noch immer drauf hast. Und wie.

Der alte Mann und die Blues Harp: John Mayall im Gewandhaus.

Quelle: Kempner

Leipzig. Der Mann hat Humor: Die Uhr zeigt zwanzig nach neun, und John Mayall merkt lapidar an: „Ich spiele euch jetzt mal einen Blues.“ Dabei ist dies der elfte des Konzerts am Montagabend im passabel besuchten Gewandhaus. Einer kommt noch, auf dass der Abend so viele Titel habe wie ein anständiges Blues-Schema Takte (plus Zugabe).

So muss es sein bei einem wie John Mayall, bei dem alles Blues ist, seit rund 60 Jahren. Denn er hat ihn erfunden – jedenfalls die weiße Spielart britischer Provenienz. Er teile sich diese Erfindung mit Alexis Corner, behaupten manche. Was stimmen mag – aber egal ist im Angesicht des 83-jährigen Mayall, der da jungenhaft schlaksig zwischen seinen beiden Keyboards, dem Roland und dem Hammond, sowie seiner Gitarre hin- und herläuft Jungspund. Der noch immer seine Blues Harp wringt und würgt und küsst und behaucht, wie es vor ihm niemand konnte, und bisher auch keiner seiner ungezählten Adepten.

Dabei sind die Legion: Eric Clapton hat bei ihm den Blues bekommen, Bands wie Fleetwood Mac und die Stones hätten ohne diesen Visionär des Ursprünglichen deutlich weniger anzufangen gewusst mit sich und ihren Instrumenten. Und tatsächlich schwingt auch in den beiden Stunden im Gewandhaus, die der Meister ohne Pause und Ermüdungserscheinungen absolviert, immer mit, was wurde aus dieser Musik, die mit drei Akkorden immer neue Welten zu erschaffen in der Lage ist.

Mayall war schon weiter weg von den Wurzeln, die er selbst in den Humus aus Lebensgefühl und leiterfremden Tönen trieb. Nun ist er wieder ganz nah an der Krume. Was auch an der bis zum Äußersten reduzierten Besetzung liegt. „Die vielen Leute“, die er spitzbübisch lächelnd als seine Band ankündigt, sind nur zwei, und sie kommen beide aus der Stadt, in der der Blues seinen Hauptwohnsitz hatte, bevor Mayall ihn nach England holte: Chicago.

Dort hat Greg Rzan gelernt, den Bass zu zupfen und zu schlagen, zu liebkosen und zu prügeln. Dort hat er das Rüstzeug bekommen für diesen pumpenden Drive, mit dem er Tonika, Subdominante und Dominante fortwährend neu aufbricht. Dort hat er sich den Mut erarbeitet, in seinen grandiosen Solos das Schema bis kurz vors Zerreißen zu dehnen, um Platz zu schaffen für Gershwins „Summertime“ und Griegs „Halle des Bergkönigs“.

In Chicago hat auch Jay Davenport sein Schlagzeugspiel perfektioniert, das an der Oberfläche rockig vorantreibt, dazwischen aber wie in einem Kaleidoskop die Beckenschläge durcheinanderquirlt, das denkbar Einfache mit ungeheurer Komplexität auflädt – ohne dass es je wichtigtuerisch wirkte oder angeberisch. Und dass er in der ersten Konzerthälfte viel zu laut ist und danach immer noch ein wenig, liegt eher an den Tontechnikern, die sich beim Soundcheck weniger Zeit genommen haben, als das mit Verstärkertechnik extrem schwer in den Griff zu bekommende Gewandhaus einfordert.

Was indes nichts daran ändert, dass dieser Abend ein großer ist: Zwölf (plus eins) Nummern präsentiert also der große alte Mann. Und tatsächlich ist der elfte, „Tears Came Rollin’ Down“ der erste klassisch-ruhige Sechs-Achtel-Blues. Die geraden Vierer sind klar in der Überzahl. Aber auch hier zeigen viele Titel, dass Blues keine Frohsinns-Musik ist (was manchen im Saal nicht davon abhält, wie im Bierzelt auf eins und drei zu klatschen und überdies im falschen Tempo). Mit „I Feel So Bad“ geht die Reise los, „Don’t Deny Me“, „Lonely Feelings“, „Nature’s Dissappearing“ stecken danach die Felder des Liebes- und des Weltenschmerzes weiträumig ab.

Doch ist der lässige Mayall weder weinerlich noch larmoyant. Wenn er den Blues hat, dann badet er nicht im Selbstmitleid, scheint selbst der Zorn geläutert durch eine Weisheit, die dem Genre auch Optimismus einpflanzt und Lebensfreude: „Do I Please You“, der „Big Town Playboy“ mehr noch „Congo Square“ und der Über-Hit „Room to Move“ als Zugabe beweisen eindrucksvoll, dass er noch viel vorhat, der Mann, der den Blues nach Europa brachte.

Seine Stimme hat über die Jahre ein wenig Kraft verloren, aber nichts von ihrer körperlichen Eindringlichkeit. Sein Keyboard-Spiel ist weniger opulent, aber immer noch für Überraschungen gut, für melodische Hakenschläge weitab der ausgetretenen Pfade, für harmonische Wendungen, die das Zwölftakt-Schema nicht vorsieht und die wie Widerhaken aus dem Erwartbaren ragen. Seine Gitarre singt und schluchzt und grinst (allerdings zu leise) in warmen Röhren-Tönen – und was er mit der Blues Harp veranstaltet, dieser winzigen Harmonika, müsste nicht nur Bob Dylan die Schamesröte ins Gesicht treiben.

John Mayall steht auch in seinem 83. Lenz für pure Energie – die sich unmittelbar aufs Publikum überträgt. Still sitzt da kaum jemand. Am Ende sitzt überhaupt niemand mehr. Und wenn nach diesen beiden Stunden mit dem Gottvater der Gattung jemand den Blues hat, dann nur weil sie schon vorüber sind.

Von Peter Korfmacher

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