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Der Graf von Unheilig vor seinen Auftritten am Dresdner Elbufer im Interview

Der Graf von Unheilig vor seinen Auftritten am Dresdner Elbufer im Interview

Er ist „der Graf", rasiert sich das Haupthaar, schlüpft in einen schwarzen Anzug und begeistert damit die Massen. Ab Donnerstag kommen der Graf und sein Projekt Unheilig für drei Abende zu den Filmnächten ans Dresdner Elbufer - zwei Auftritte sind bereits ausverkauft.

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Quelle: dpa

Im Interview verriet der Musiker, wie ein Graf aus ihm wurde, warum er den Verlust einiger Fans verschmerzen kann und wie er so langsam beginnt, das Musikgeschäft zu verstehen.

Frage:

Sie haben in Hamburg und Lübeck eine Ausbildung zum Hörgeräteakustiker gemacht. Wie wurde denn aus einem Hörgeräteakustiker der Graf?

Der Graf:

Musik hab ich auch zu diesem Zeitpunkt schon nebenbei gemacht. Ich wollte aber etwas Vernünftiges lernen. So gesehen war die Ausbildung eine Art Mittel zum Zweck. Es gibt aber keinen großen Unterschied zwischen dem Typen, der die Hörgeräteakustiker-Ausbildung gemacht hat, und dem Grafen, der jetzt in der Öffentlichkeit steht. Ich bin kein anderer Mensch, wenn ich den schwarzen Anzug anhabe.

Den Namen „Der Graf" haben Sie ganz bewusst gewählt, um Ihre private Person aus der Öffentlichkeit rauszulassen?

Genau, das ist ein Künstlername, der vor elf Jahren, als ich Unheilig gegründet habe, eigentlich ganz gut dazu passte. Außerdem wollte ich mit meinem normalen Namen einfach nicht in die Öffentlichkeit.

Sie haben jetzt aber eine gewaltige Präsenz in den Medien, wie können Sie da Privates überhaupt noch verbergen?

Ich erzähl einfach nichts aus meinem Privatleben. Und es ist glücklicherweise immer noch so, dass, wenn ich zu Hause bin, nichts passiert. Da ist keiner, der vor der Tür steht und kreischt. Ich kann ganz normal einkaufen gehen und werde nur sehr selten erkannt, weil die Menschen den Grafen mit schwarzem Anzug und rasiertem Kopf in Verbindung bringen. Es ist natürlich schon ein kleiner Spagat, wenn man dann zu einer Preisverleihung fährt, aus dem Auto aussteigt, und plötzlich ist da total Alarm. Das ist eine völlig andere Welt. Aber wenn ich nur dieses Glamour-Gewitter um mich hätte, wäre ich nicht glücklich.

Das erste Unheilig-Album erschien 2000 in deutscher und englischer Sprache. Alle weiteren sind nur noch mit deutschen Texten. War das eine bewusste Entscheidung?

Ich habe am Anfang die Lieder mit einem guten Freund geschrieben, der Australier ist und die englischen Texte gemacht hat. Als sich dann unsere Wege trennten, habe ich mich entschieden, die Texte deutsch zu schreiben, weil ich es auch nur in Deutsch kann. Ich habe in der Schule einfach nicht so gut aufgepasst, dass ich einen guten englischen Text machen kann, der grammatikalisch richtig ist. Ich hab das mal probiert, aber das ist echt ein Krampf. Da sitzt du da mit deinem Pons Deutsch-Englisch und übersetzt die einzelnen Wörter, und nachher kommt ein komischer Text raus.

Sie haben Herbert Grönemeyer mal gerade textlich als großes Vorbild beschrieben. Gibt es noch andere Künstler, an denen Sie sich orientieren?

Musikalisch finde ich Rammstein toll, das hört man mit Sicherheit auch bei der ein oder anderen härteren Nummer. Ansonsten mag ich Xavier Naidoo und Peter Fox, sein Album „Stadtaffe" ist für mich eines der besten Alben, die es gibt. Ich höre aber eigentlich alles, außer Marschmusik.

Ist diese Bandbreite persönlicher Vorlieben auch die Erklärung für Auftritte auf ungewöhnlichen Plattformen, vom Wacken-Festival bis Carmen Nebel?

Ich hab mich irgendwann dazu entschieden, überall dort aufzutreten, wo man mich einlädt. Ich bin ein extrem neugieriger Mensch und will wissen, wie das so ist. Das war im letzten Jahr auch alles ganz neu für mich und deshalb extrem spannend, ein großes Abenteuer. Dadurch habe ich aber gerade aus der schwarzen Szene sehr viel Kritik geerntet. Aber ich lasse mich nicht unter Druck setzen von Leuten die meinen, sie müssten mir sagen, was ich zu tun habe. Das würde allem widersprechen, wofür ich immer gestanden habe und wovon meine Lieder handeln.

Also nehmen Sie es in Kauf, dass sich Fans abwenden?

Ja, natürlich. Wer mit solchen Sachen nicht klarkommt, der hat meine Musik nie verstanden.

„Große Freiheit" ist das am längsten in den deutschen Charts auf Platz 1 platzierte Album aller Zeiten gewesen, was Ihnen enorme mediale Präsenz einbrachte. Sie sagten mal, die Medienlandschaft brauchte scheinbar diesen Rekord. Sehen Sie das kritisch?

Nein, ich nehme das alles so, wie es ist. Ich glaube auch nicht, dass ich mir irgendeine Kritik erlauben könnte, weil ich so lange noch nicht dabei bin. Ich mach das zwar seit elf Jahren, aber in dieser großen weiten Medienwelt bin ich erst seit einem guten Jahr. Mit dieser Aussage habe ich vielmehr mir selbst erklären wollen, wie das scheinbar alles funktioniert.

Unheilig gibt es jetzt seit elf Jahren. Was sind die größten Unterschiede, wenn Sie die Jahre 2000 und 2011 vergleichen?

Man kann jetzt natürlich ruhiger leben und hat ein Gefühl von Sicherheit. Ich bin nicht mehr auf meine Eltern angewiesen. Aber der größte Unterschied sind die Konzerte und der Umgang mit den Fans. Wenn früher 200 Leute kamen, konnte ich vor jedem Konzert zu ihnen hingehen. Wenn ich jetzt eine Autogrammstunde gebe und 12 000 Leute kommen, ist so etwas leider nicht mehr machbar. Das läuft eher ab wie an einem Fließband, wo die Leute abgefertigt werden. Das liegt mir total fern, und aus diesem Grund haben wir so etwas auch geknickt. Dem trauere ich auch ein wenig hinterher, denn dieser Kontakt zum Publikum hat mir immer geholfen zu wissen, ob all das, was wir tun, gut ist.

S ie kommen gleich drei Mal hintereinander zu den Filmnächten ans Elbufer. Gab es das schon einmal?

Nein, ich finde das auch unfassbar. Dass wir jetzt zwei ausverkaufte Konzerte und noch ein Zusatzkonzert in Dresden spielen, ist schon eine Ausnahme und hat uns alle natürlich tierisch gefreut. Aber ich frag mich echt: Wahnsinn, wie kommt denn das, dass das so extrem ist?

Also können Sie sich diesen enormen Erfolg auch nicht wirklich erklären?

Nee, ich komme mir echt vor wie Alice im Wunderland, die in den Dachsbau gefallen ist, plötzlich aufwacht, und alles ist irgendwie anders. Ich habe immer nur davon geträumt, Musik zu machen, und hab mich schon 2008 gefreut, als 2000 Leute zu einem Konzert kamen. Jetzt aber kommen 14 000 bis 16 000 Menschen - das war für mich immer unerreichbar, und ich habe da immer eher Menschen gesehen wie Robbie Williams oder Phil Collins, also diese ganz Großen. Und jetzt ist man irgendwie selber so einer, das ist für mich immer noch schwer zu begreifen.

Unheilig, Donnerstag 18 Uhr, Filmnächte am Elbufer, Tickets für den 7. Juli zu 34,25 Euro. Die Konzerte am 8. u. 9. Juli sind ausverkauft.

Christin Grödel

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