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Der Kampf um die Wahrheit

Tag der Pressefreiheit Der Kampf um die Wahrheit

Die Pressefreiheit ist bedroht wie seit Jahrzehnten nicht – durch autokratische Herrscher, „Lügenpresse“-Vorwürfe und Populisten, die den Wert von Fakten systematisch untergraben. Die Folgen sind fatal: Wenn nichts mehr wahr ist,  ist eine Lüge keine Lüge mehr. Am Mittwoch ist der Internationale Tag der Pressefreiheit.

150 Journalisten sitzen in der Türkei derzeit in Haft, darunter noch immer der „Welt“-Korrespondent Deniz Yücel. (Archivfoto)

Quelle: dpa

Hannover/ Leipzig.  Am 20. November 2016 saß Hernán Choquepata Ordóñez allein im Studio seines Senders Radio La Ribereña in Camaná im Süden Perus. Er moderierte die Sonntagssendung „Habla el Pueblo“ („Das Volk spricht“), als Unbekannte hereinstürmten und ihn in den Kopf schossen. Live in der Sendung. Ordóñez hatte lokale Würdenträger kritisiert, auch den Bürgermeister, es gab Todesdrohungen. Die Musik spielte noch, als sein Kopf auf die Konsole sackte. „Randy“, wie ihn Freunde und Kollegen nannten, starb auf dem Weg ins Krankenhaus – einer von weltweit mindestens 74 Journalisten, die im Jahr 2016 bei ihrer Arbeit getötet wurden. Ordóñez hinterlässt eine Frau und zwei Kinder. Kein Täter. Kein Urteil.

Peru. Lateinamerika. 10.000 Kilometer von Deutschland entfernt. Ein blutiger Konflikt im schwülen Dickicht von Korruption, Willkür und Drogendeals – das passt zu den machtvollen Vorurteilen in unseren Köpfen. Die Wahrheit aber ist, dass auch in stabilen und offenen Demokratien der westlichen Welt der Kampf um die Deutungshoheit eskaliert. Die Symptome des Postfaktischen, die besorgniserregende Auflösung gesellschaftlicher Spielregeln, sind in den Pressekonferenzen des Weißen Hauses zu beobachten, im französischen Wahlkampf, in türkischen Gefängnissen, millionenfach im Internet. Seit ihrer Gründung 1985 hat die Organisation Reporter ohne Grenzen (ROG) keinen derart schlechten Zustand der Pressefreiheit weltweit diagnostiziert wie im vergangenen Jahr. Dass Burundi, Ägypten oder der Jemen kein Paradies für Journalisten sind, dass afrikanische Diktatoren in Fantasieuniformen ihre Kritiker ins Gefängnis werfen, überrascht kaum. Doch der Bericht 2017 offenbart, dass das schleichende Gift der Unfreiheit sich auch in Ländern breitmacht, die bisher als unverdächtig galten. „Es ist besonders erschreckend, dass auch Demokratien immer stärker unabhängige Medien und Journalisten einschränken“, sagt ROG-Sprecher Michael Rediske.

Auch Deutschland nicht davor gefeit: Weltweit Probleme der Pressefreiheit

In den USA (Rang 43 von 180 auf der Liste) habe die Verfolgung investigativer Reporter und Whistleblower „besorgniserregende Ausmaße“ angenommen. Präsident Trump zerstöre mit seinen systematischen Fake-News-Attacken die lange Tradition der USA als Hüterin der Meinungsfreiheit.

In Polen (Rang 54) kontrolliert die nationalkonservative Regierung inzwischen das öffentliche Fernsehen.

Finnland, langjähriger Spitzenreiter, rutschte um zwei Plätze ab, weil der öffentlich-rechtliche Rundfunk YLE offenbar auf Druck von Ministerpräsident Juha Sipilä die Berichterstattung über mögliche Interessenkonflikte stoppte, die durch die „Panama Papers“ ans Licht gekommen waren.

Die Türkei rutschte seit 2004 um gleich 57 Rangplätze auf Platz 155 ab. 150 Medienhäuser wurden geschlossen, die Meinungsfreiheit ist faktisch tot. 150 Journalisten sitzen dort derzeit in Haft, darunter noch immer der „Welt“-Korrespondent Deniz Yücel. Weltweit sind es mindestens 350.

In Russland (Platz 148) ersetzte der Kreml kritische Journalisten auch im letzten großen privaten Medienhaus RBK durch regierungstreue Kollegen.

Deutschland steht wie im vergangenen Jahr auf Platz 16. Negativ gewertet wurden die Angriffe auf Journalisten bei Pegida- und AfD-Veranstaltungen. „2016 waren Journalisten erneut erschreckend vielen tätlichen Angriffen, Drohungen und Einschüchterungsversuchen ausgesetzt“, urteilt Rediske. Immer wieder geraten Medienschaffende auch ins Visier von Strafverfolgungsbehörden oder Geheimdiensten.

Aber es sind nicht bloß staatliche Repressalien. Der Kampf um die Wahrheit selbst ist voll entbrannt. Es ist weniger ein Kampf um einzelne Fakten oder Meldungen, es ist ein Kampf um den Wert der Wahrheit an sich, um „das Wörtlein Tatsache“ (Gotthold Ephraim Lessing). Es geht nicht darum, wie viele Menschen tatsächlich bei Donald Trumps Amtseinführung waren. Es geht um die Frage, warum so viele Menschen glauben wollen, dass es mehr als bei Barack Obama waren, obwohl sie wissen, dass das falsch ist. Wer hätte gedacht, dass sich im Jahr 2017 Zehntausende westliche Wissenschaftler herausgefordert fühlen würden, für die Bedeutung von Faktenwissen und den zivilisatorischen Wert unverrückbarer Gewissheiten auf die Straße zu gehen und beim „March for Science“ warnende Plakate zu schwenken („Wer nichts weiß, muss alles glauben“)? Wer hätte gedacht, dass längst ausdiskutiert geglaubte Werte und Normen 300 Jahre nach der Aufklärung noch einmal derart unter die Räder geraten würden?

Deutungsmacht ist reale Macht

Wahrheit ist ein abstraktes, fragiles Idealkonstrukt. Oder, wie der US-Philosoph Richard Rorty sagt: „Wahrheit ist, womit deine Zeitgenossen dich davonkommen lassen.“ In komplexen Zeiten mit bruchstückhafter Information und zersplitternder Kommunikation sind Menschen gern bereit, als wahr zu empfinden, was sie glauben wollen. Sie suchen Verbindendes im Unverbindlichen. Es ist exakt diese Erkenntnis, die sich Populisten wie Trump, Le Pen oder die AfD zu eigen machen. Sie höhlen den Wahrheitsbegriff systematisch aus. Das führt dazu, dass jede noch so absurde Behauptung plötzlich wirkt, als könne sie doch einen Funken Wahrheit enthalten. Laut einer Studie log Trump im Wahlkampf mindestens 560-mal. Er profitierte von einem bekannten Propagandamechanismus: Wenn nichts mehr „wahr“ ist, ist die Lüge auch keine Lüge mehr. Deutungsmacht ist reale Macht. Wir erleben eine Krise des Arguments. Viktor Orban nannte Trumps Wahlsieg eine „Rückkehr zur Realität“.

Fakten sind etwas Gemachtes

Die frühere Piratenpolitikerin Marina Weisband, aufgewachsen in Kiew, fühlt sich an sowjetrussische Methoden erinnert: „Wenn ich Ihnen sage: ,Der Himmel ist grün‘, dann ist es gar nicht so sehr mein Ziel, dass Sie mir auf Anhieb glauben. Mein Ziel ist es vielmehr, so häufig zu behaupten, der Himmel sei grün, bis Ihre Ressourcen, den Widerspruch auszuhalten, erschöpft sind und Sie einlenken und sagen: ,Das ist Ihre Meinung. Ich denke, der Himmel ist blau. Es gibt wohl keine Möglichkeit, die Farbe des Himmels objektiv festzustellen.‘ Steter Tropfen höhlt den Schädel.“

Fakten sind rein etymologisch etwas „Gemachtes“ (vom Lateinischen „facere“). Schon Platon sorgte sich um die soziale Ordnung, wenn bruchstückhaftes Wissen in die falschen Hände gerate. Sein Glück, dass er Facebook nie erlebt hat. Im späteren 20. Jahrhundert lockerte das Bildungsbürgertum seinen Deutungsanspruch dann, weil es davon ausgehen konnte, dass die Demokratie stabil und sicher ist. Fakten seien im Sinne Nietzsches nur beliebig interpretierbare Konstrukte aus Machtinteressen, Lesarten, Wertvorstellungen, hieß es jetzt. Beliebigkeit machte sich breit. Ziel dieser postmodernen Wahrheitsauflösung war es, letzte Mythen auf den Müll zu werfen und den Denkraum zu weiten.

Das funktionierte, solange „der einzige Schutz gegen gefährliche politische Unwissenheit“ – wie der britische Philosoph John Stuart Mill mal schrieb – „in der Neigung der Ungebildeten lag, gebildete Vertreter zu wählen und sich ihren Auffassungen zu fügen“. Inzwischen aber ist politische Bildung keine Voraussetzung für eine Politkarriere mehr. Im Gegenteil: Die politischen Aufsteiger der vergangenen Jahre wetterten allesamt gegen „das System“. Die AfD spricht fast angeekelt von den „Altparteien“. Ausgerechnet diejenigen also, die Medien Einseitigkeit vorwerfen, versuchen nun, sie mundtot zu machen.

Objektivität ist unmöglich

Trump hat nicht die Mittel eines Autokraten, unliebsame Redaktionen zu schließen und Journalisten grundlos einzukerkern. Aber die Medienwelt schreckte auf, als auch er Ende 2016 sein emotionales Überdruckventil Twitter für eine gefährliche Botschaft nutzte: „Jemand mit Eignung und Überzeugung möge die Fake-News- und versagende ,New York Times’ kaufen, und diese entweder richtig betreiben oder sie in Würde sterben lassen.“

„Richtig betreiben“? Wer entscheidet, was richtig ist? Objektivität ist faktisch unmöglich. Assoziationen fließen ein, Erfahrungen, Prägungen, Interessen. Dass die Verpflichtung zur Wahrheitssuche jedoch ehrenhaft ist, dass „Wahrheit“ immer das Ziel sein muss, selbst wenn es unerreichbar bleibt – das war bisher gesellschaftlicher Konsens. Dieser Konsens bröckelt.

Objektive Fakten gelten für alle

Es gibt jedoch Anzeichen dafür, dass die ideologisch verhärtete Medienverdrossenheit ihren Zenit überschritten hat. Der US-Wahlkampf „könnte das Beste gewesen sein, was der freien Presse in jüngster Zeit passiert ist“, sagt Gene Policinski vom Newseum Institute in Washington. Überall in den USA erleben die großen Qualitätstitel einen überraschenden Zuwachs bei Printauflagen und Online-Abos. „Es zahlt sich aus, echte Nachrichten zu drucken in Zeiten, in denen es so viele Fake News gibt“, sagt auch „NYT“-Chefredakteur Dean Baquet. Im gesamten vierten Quartal 2016 gewann seine Zeitung allein knapp 300 000 Digital-Abonnenten hinzu. Es sind die besten Zuwachsraten für das ehrwürdige Blatt seit Einführung der Paywall im Jahr 2011. Auch die Werbeerlöse des Nachrichtensenders CNN lagen 2016 dank der Wahl rund 100 Millionen Dollar über dem Vorjahresergebnis. US-Prominente wie Schauspieler Ben Stiller warben für die Unterstützung kritischen Journalismus: „Fakten sind Fakten“, twitterte er. „Objektive Wahrheiten gelten für alle. Abonniert ein echtes journalistisches Medium.“ TV-Moderator John Oliver („Last Week Tonight“) rief in seiner HBO-Show zur Unterstützung gemeinnütziger Medienhäuser wie Propublica auf. Der „Trump Bump“ (Schwung) ist keine Trendwende. Er kann die Verluste der Branche nicht ausgleichen, die zuletzt doppelt litt: unter den Attacken der neuen rechten Parteien und Regierungen und unter den wirtschaftlichen Härten des Medienwandels. Aber er deutet eine Renaissance des klassischen Journalismus als vierter Gewalt zwischen Wählern und Legislative an, als Korrektiv der Politik.

Der ungarisch-amerikanische US-Milliardär George Soros unterstützt das Recherchekollektiv Correctiv in Berlin mit 100.000 Euro. Tom Hanks schenkt den White-House-Korrespondenten Kaffeemaschinen. Symbole einer klaren Haltung: Auf in den Kampf. Selbst US-Konzerne wie Google und Facebook, auf deren Plattformen sich die Verschleierer und Dekonstrukteure austoben, bekennen sich zögerlich zu ihrer Mitverantwortung.

Dennoch sieht es vielerorts düster aus für die Pressefreiheit. Vor allem in Ländern, wo man über subtile Lügen längst hinaus ist. „Nur die Lüge braucht die Stütze der Staatsgewalt – die Wahrheit steht von allein aufrecht“. Das schrieb einst Thomas Jefferson, der dritte US-Präsident. Donald Trumps Amtsvorgänger vor 220 Jahren.

Von Imre Grimm

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