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Der Leipziger Historiker Enno Bünz spricht über sächsische Migrationsgeschichte

Interview Der Leipziger Historiker Enno Bünz spricht über sächsische Migrationsgeschichte

Seit Pegida gegen Flüchtlinge mobilisiert, wird um die Definition von Heimat und Identität gerungen. Dabei dominiere „historische Unkenntnis“, sagt der Historiker Enno Bünz, Professor an der Universität Leipzig. Im Interview spricht er über Einwanderungs-Epochen in den letzten 1000 Jahren und Integration.

Enno Bünz.

Quelle: Wolfgang Zeyen

Leipzig. „Woher kommt der Sachse?“ Mit diesem Titel ist das Expertengespräch mit Enno Bünz am Freitagabend im Schauspiel Leipzig überschrieben. Vorab äußert sich der Leipziger Historiker im LVZ-Interview über die Migrationsgeschichte in der Region des heutigen Sachsens.

Woher kommt er denn nun, der Sachse. Lässt sich das in einem Satz sagen?

Nein. Und die Zuspitzung der Frage ist vor dem Hintergrund zu sehen, weil Pegida ein Stück weit völkische Konzepte vertritt und weismachen will, dass es eine homogene Bevölkerung gibt und die Sachsen dies im Laufe ihrer tausendjährigen Geschichte auch gewesen seien. Doch geschichtlicher Wandel geht mit Wandel der Bevölkerung einher.

Ab wann sprechen wir von Sachsen?

Als regionaler Begriff für den heutigen Raum hat er sich erst im 15. Jahrhundert allmählich etabliert. Die wichtige territorialgeschichtliche Veränderung war die Verleihung der sächsischen Kurfürstenwürde an die Wettiner 1423. Die Kurwürde war verbunden mit dem Gebiet um Wittenberg. Von diesem Kursachsen aus ist der Name die Elbe hochgewandert und hat die Bezeichnung Mark Meißen überlagert.

Aber als Volksstamm tauchen die Sachsen doch schon vorher auf.

Der Name Sachsen ist zuvor mit dem Raum Niedersachsen, Westfalen und Teilen Schleswig-Holsteins verknüpft. In der Karolinger-Zeit, im 8. und 9. Jahrhundert, war das Sachsen.

Und wer lebte damals im heutigen Sachsen?

Es gibt wenige Schriftquellen aus der Zeit, aber wir können davon ausgehen, dass zur Völkerwanderung bis ins 5. Jahrhundert viele germanische Stämme ausgewandert sind. Der Raum war weitgehend entvölkert. Etwa ab dem 8. Jahrhundert sind slawische Stämme aus Osteuropa eingewandert. Das lässt sich durch viele Ortsnamen belegen. Die Endung -itz wie in Stötteritz verweist auf slawische Siedlungen. Der Rest jener Bevölkerung sind die Sorben in der Lausitz. Wenn man mit völkischen Argumenten antritt, was ich nicht tue, müsste man sagen: Das sind die ursprünglichen Sachsen.

Wie wurden die Slawen zur Minderheit?

Die deutsche Bevölkerung ist seit dem 12. Jahrhundert ins Land gekommen. Die massive Einwanderung ist Teil der deutschen Ostbesiedlung, die große Veränderungen mit sich gebracht hat. Zuzug war zum Teil herrschaftlich gelenkt, um Land urbar zu machen, Dörfer und Städte zu gründen.

Woher kamen die Siedler?

Aus Westfalen, dem Rheinland, Franken oder Bayern, auch aus dem heutigen Holland und Belgien. Das alles waren früh entwickelte Gebiete mit starkem Bevölkerungswachstum.

Im heutigen Diskurs käme jetzt die Frage: Wirtschafts- oder politische Flüchtlinge?

Wenn man es darauf zuspitzen wollte, dann gab es beide Motive. Es ging auch um freie Lebensbedingungen, denn Menschen waren zum Teil Leibeigene, die hohe Abgaben an den Grundherren leisten mussten. Als Neusiedler in Sachsen waren sie persönlich frei.

Wie haben sich die Neusiedler verstanden?

Das dürfte nicht so einfach gewesen sein. Die deutsche Einheitssprache hat sich erst seit dem 16. Jahrhundert entwickelt. Auch Unterschiede in den Lebensgewohnheiten darf man unterstellen.

Wie ging die Besiedlungsgeschichte weiter?

Ab etwa dem 15. Jahrhundert entstand ein Territorialstaat, der auch Zuwanderung steuerte. Hinzu kam der Faktor Religion. Die Staaten verstanden sich als Konfessionsstaaten, lutherische Fürsten forderten einen bestimmten Glauben von ihren Untertanen. Das lenkt Migrationsvorgänge. Erst ab 1832 konnten Katholiken in Sachsen frei und öffentlich ihre Gottesdienste feiern. Später, mit der nächsten Migrationswelle durch die Industrialisierung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, kam wieder eine katholisch geprägte Bevölkerung aus Böhmen und Polen.

Wie hat sich das gesellschaftliche Klima dadurch gewandelt?

Es kam schon zu Konflikten, gab aber auch reihenweise Misch-Ehen. Das führt zur kulturellem Ausgleich. Langfristig fördert Zusammenleben Toleranz.

Wie einheitlich sind die skizzierten Entwicklungen in Sachsen verlaufen?

Auch Sachsen ist keine Einheit, sondern zerfällt in regionale Identitäten. Die Oberlausitz stand bis 1635 unter Habsburgischer Herrschaft. Gegenden wie das Vogtland haben eine Regionalidentität, die über Sachsen hinausgehen. Politische Partizipationsrechte waren in einer alten Residenzstadt wie Dresden anders geprägt als in Leipzig, was ein Erklärungsansatz für heutige Protestbewegungen sein mag. Leipzig ist durch die 1409 gegründete Universität und die Messe weltoffener angelegt.

Was nehmen Sie als Historiker in die aktuelle Debatte mit?

Es gibt keine unwandelbare historische Einheit eines Volkes. Da wird ein Scheinbild gepflegt. Zuwanderung, damit verbundene Konflikte und langfristig eine Annäherung hat es immer gegeben. Nach 1945 kamen allein eine Millionen Heimatvertriebene aus den Ostgebieten nach Sachsen. Allerdings erleben wir derzeit einen Zuzug in Dimensionen, für die man nicht einfach Lösungen aus der Geschichte ableiten kann.

Enno Bünz spricht am Freitag, 18.12., im Schauspiel Leipzig (Bühne „Baustelle“) um 22 Uhr; mehr zur Expertenreihe am Schauspiel unter www.schauspiel-leipzig.de.

Nähere Einblicke in die Landeshistorie gibt das Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde unter www.isgv.de

Von Dimo Rieß

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