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Der Meister des Weltanschauungsromans

Der Meister des Weltanschauungsromans

Buchmacher aus aller Herren Länder wetteten im Oktober 2013 auf Haruki Murakami als Gewinner des Nobelpreises. Statt seiner erhielt dann Alice Munroe die Trophäe.

Murakami taucht seit langem regelmäßig auf der Liste der Anwärter für die Auszeichnung auf. Zu gönnen wäre dem Japaner die Ehrung allemal, denn spätestens mit seinem 2002 veröffentlichten Weltbestseller "Kafka am Strand" stieß der frühere Eigentümer einer Jazzbar endgültig zum Olymp der Künstler vor. Am Sonntag wird er 65 Jahre alt.

In Deutschland machte Murakami bereits 2000 auf ganz besondere Art Schlagzeilen. Damals zerstritt sich das "Literarische Quartett" heillos über sein Epos "Gefährliche Geliebte", denn Marcel Reich-Ranicki lobte die deftigen Erotikszenen des Textes, während sie seiner Kollegin Sigrid Löffler sprachlich missfielen. Was das Thema Sex anbetrifft, so hätte der im September gestorbene Literaturpapst am neuen Roman des Autors helle Freude gefunden. "Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki" erscheint heute auf Deutsch.

Auch darin finden sich wieder reihenweise freizügige Schilderungen des Geschlechtsverkehrs, die vom ästhetischen Niveau her durchaus mit denen von D.H. Lawrence oder Henry Miller konkurrieren können. Ein Beispiel: "Die beiden umschlangen ihn von allen Seiten. Kuros Brüste waren weich und voll. Shiros waren klein, aber ihre Brustwarzen wurden hart wie runde Kieselsteine. Das Schamhaar der beiden war feucht wie der Regenwald. Ihr Atem mischte sich mit seinem, wie von weither kommende Strömungen, die sich unbemerkt auf dem tiefen Meeresgrund begegnen." Prüderie ist also nicht angesagt in diesem Werk, aber Fleischeslust bildet trotzdem keineswegs das Zentrum des Geschehens. Vielmehr bestätigt Murakami hier zum wiederholten Mal seinem Ruf als Meister des ebenso vielschichtigen wie glänzenden Weltanschauungsromans.

Im Mittelpunkt der Handlung steht ein Mann namens Tsukuru Tazaki. Anfangs ist er Gymnasiast und gehört zu einer Clique, die neben ihm zwei Mädchen und zwei Burschen umfasst. Die fünf jungen Leute sind extrem eng miteinander verbunden, unternehmen fast alles gemeinsam. Doch dann wird Tsukuru eines Tages Knall auf Fall aus der Gruppe ausgestoßen. Die Freunde verweigern jeglichen Kontakt zu ihm, lassen sich am Telefon verleugnen. Den Grund dafür erfährt er nicht.

Die Verdammung setzt ihm seelisch so enorm zu, dass er in eine tiefe Krise stürzt. Eigentlich will er nur noch sterben: "Wenn Tsukuru nicht an den Tod dachte, dachte er an gar nichts. Was ihm nicht sonderlich schwer fiel. Er las keine Zeitung, hörte keine Musik, Appetit hatte er auch keinen. Nichts, was auf der Welt geschah, war für ihn von Bedeutung." Mit großer Einfühlsamkeit erzählt Murakami vom psychischen Leidensweg seines Helden, dessen Horizont sich verdunkelt. Erst nach einem symbolischen Traum befreit er sich aus dem Netz der Depression. Er kehrt ins Leben zurück, bringt sein Studium an einer Technische Hochschule zu Ende und wird Spezialist für Bahnhofsarchitektur. Er arbeitet in einem Staatsbetrieb und opfert sich für seinen Job auf. Erst 16 Jahre nach dem traumatischen Einschnitt spürt er mehr und mehr, dass mental etwas nicht mit ihm stimmt.

Um den Prozess der Selbstbesinnung seines Helden zu veranschaulichen, greift Murakami auf einen ideellen Kosmos zurück, der seine eigene Familie prägte. Der Enkel eines buddhistischen Priesters streut esoterisch-mystisches Gedankengut in seine Prosa ein. So durchläuft Tsukuru eine Form der Widergeburt, als ihm eines Nachts das passiert, was Parapsychologen "Out-of-Body Experience" nennen: Das heißt, der Geist löst sich vom Leib und betrachtet ihn aus der Distanz. Solche Passagen, in denen die Grenzen zwischen Realität und Fantasie verfließen, sind typisch für Murakami: Das Logische, Rationale verkörpert für ihn nur ein Element unserer Existenz.

Als treibendes Motiv seines Romans entpuppt sich die Unscheinbarkeit des Hauptakteurs. Immerfort betont Tsukuru seine Minderwertigkeit: "Ich habe keine Persönlichkeit, ich bin farblos. Das ist von Anfang an mein Problem gewesen." Auch seine Isoliertheit erklärt er sich aus seiner charakterlichen Blässe: "Ich glaube, ich bin ein nutzloser, langweiliger Typ geworden. Für andere und auch für mich selbst." Letztlich findet der Einsiedler in der international gefragten Reisekauffrau Sara eine Vertraute und Gefährtin. Ihr öffnet er sich wie nie zuvor jemandem. Doch gerade als er das Glück für sich wittert, erblickt er Sara durch Zufall auf der Straße, Hand in Hand mit einem fremden Mann. Danach naht das Finale. Nur so viel sei erwähnt: Zu einem klassischen Happy End kommt es nicht. Murakami glänzt wie so oft durch ein geschicktes Rätselspiel. Manche Geheimnisse löst er auf, andere verlieren sich im Dunkel. Wer kryptische, tiefschürfende Lektüre schätzt, ist bei diesem Opus bestens aufgehoben. Ulf Heise

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 10.01.2014
Ulf Heise

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