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Der Mensch,die glotzende Krampe: Dietmar Wischmeyer in der Theaterfabrik

Der Mensch,die glotzende Krampe: Dietmar Wischmeyer in der Theaterfabrik

Es überrascht wenig, dass Dietmar Wischmeyer mit dem S-Wort beginnt. Dreimal ächzt er es, kaum dass er sich am Donnerstagabend auf der Bühne der Theaterfabrik hinter seinen Schreibtisch gehockt hat.

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Der kleine Tierfreund Dietmar Wischmeyer (56) in der Theaterfabrik.

Quelle: Wolfgang Zeyen

Leipzig. Und etliche der 350 Zuschauer im Saal zerreißen sich gleich fast vor Lachen. Den Hang zum Fäkalhumor hat Wischmeyer ebenso aus der legendären Frühstyxradio-Ära gerettet wie sein ausuferndes Interesse für menschliche und tierische Triebe. Zunächst leitet das S-Wort aber eine durchaus fällige Abrechnung mit der Gegenwart ein.

Weil alles zu teuer ist, von der Gesundheit über die Pflege bis hin zum ZDF-Programm, soll man also "länger malochen, mehr einkaufen, lebenslang lernen", schimpft der Mann, der nebenbei als Autor der "heute-Show" beim ZDF unter Vertrag steht. Nur was wirklich helfe, traue sich keiner auszusprechen. Wischmeyer schon: "Wir sollen früher abkratzen!" Stattdessen werde das Leben durch Fahrradhelme sinnlos verlängert.

Anders als das aktuelle Buch "Deutsche Helden privat", das er mit Oliver Welke verfasst hat, widmet Wischmeyer sein Bühnenprogramm überwiegend solchen "Deutschen Helden", die keine Promis sind. Zumindest nicht außerhalb des Wischmeyer-Universums: Unsympath Willi Deutschmann darf über seine Frau, den "Brocken", herziehen, Möchtegern-Schwerenöter Mike trauert einer verpassten Gelegenheit mit Biggi nach, und der "kleine Tierfreund" beobachtet Kröten, Füchse und Frischlinge, die bei der Paarung mehr Erfolg als Mike haben.

Bauer Günther Höhnefeld preist die Vorzüge des Landlebens (man kann überall hinpinkeln), kennt aber auch dessen Nachteil: Städter, die aufs Land ziehen. Das Schöne an Wischmeyer ist nun, dass jede Couleur ihre Arschkrampen abkriegt, um in seinem Duktus zu bleiben. Die Althippies als erste Generation freiwilliger Landeier ebenso wie "Edel­bewohner", die ihr Gehöft luxussanieren, und Lehrer bei der Selbstverwirklichung in vier Ps: "Passat, Plauze, aufs eigene Grundstück pissen, Politik machen."

Wischmeyer zielt generell scharfsinnig in alle Richtungen. Doof darf bei ihm eben nicht nur der "Ökozausel" mit seiner "Tofu-Kacke" sein, die im Rohr festklebt, weil er Wasser spart. Nein, bescheuert ist Wischmeyer erst recht selbst, wenn er, nur um den Ökozausel zu ärgern, einen Neuwagen sucht, der "groß sein sollte, viel Sprit verbraucht, trotzdem die grüne Plakette erhält". Nur manchmal tappt sogar Wischmeyer in eine Klischeefalle: Ist "das Weibchen" wirklich umso paarungswilliger, desto mehr Gemüse auf dem Grill brutzelt? Im wahren Leben sollen gar nicht wenige Frauen existieren, die Vegetarier eher für Weicheier halten.

Falls Wischmeyer aber eine Botschaft vermitteln will, dann ist es eine egalitäre: Der Mensch als glotzende Krampe, die den Homo Faber abgelöst habe, schaut nicht nur RTL2. Er sitzt ebenso im Regie-Theater und beäugt dort nackte Nazis oder fährt auf Safari an den Oberlauf der Werra, um dort die letzten Menschenfresser zu beobachten - eine Pointe, die in der Theaterfabrik besonders heftig zündet. "Was dem einen Gerhard Richter, ist dem anderen die Richterin Salesch. Muss jeder selber wissen."

Mit anderen Worten: alles Kacke. Nur zweimal preist Wischmeyer "wahre Schönheit". Einmal nicht zufällig, als das S-Wort mittels Foto eines Hundehaufens wiederkehrt. Ihn charakterisiert der Komiker liebevoll als "ein Stück Natur in der Unwirklichkeit unserer Städte". Danach lobt Wischmeyer erst wieder ganz zum Schluss: als er sich nach gut zwei Stunden für einen Abend bedankt, der "klasse war - wie immer hier".

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 20.04.2013

Mathias Wöbking

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