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Der Ölhunger des Westens, Boko Haram und die Liebe: Nneka-Konzert in Halle D

Der Ölhunger des Westens, Boko Haram und die Liebe: Nneka-Konzert in Halle D

Nneka meint das wirklich ernst, das mit der Liebe. Und vielleicht liegt es an dieser Ernsthaftigkeit, dass die Musikerin am Montagabend in Halle D des Werk 2 viel länger als ihre 450 Zuschauer gebraucht hat, um sich irgendwann doch auch selbst lächelnd in ihren Afrobeat- und Roots-Reggae-Groove zu wiegen.

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Die Sängerin Nneka im Werk 2.

Quelle: André Kempner

Leipzig. Ihre Zurückhaltung ist indes nachvollziehbar: So energetisch und euphorisierend gleich das Eröffnungsstück "Book of Job" und darauf die mitreißende Hiphop-Nummer "Walking" und das rockige "Babylon" auch tönen mögen - je öfter das Wort "love" fällt, desto mehr handeln die Texte in Wirklichkeit doch zunächst von der Abwesenheit von Liebe.

In ihrem vermeintlichen Gutelaune-Genre ragt die 34-Jährige längst mit kämpferischer Haltung und klaren politischen Botschaften heraus. Nneka Egbuna wuchs bei ihrem Vater im Süden Nigerias auf, ihre Mutter ist Deutsche, mit 19 zog sie zum Studium nach Hamburg. In ihren Liedern beklagt sie die Gewalt und Korruption in ihrer ersten Heimat ebenso wie die Überheblichkeit und den Rassismus, den sie in ihrem zweiten Zuhause erlebt.

Zuweilen geschieht das in ein und demselben Song. Appelliert sie im beschwingten Stück "Africans" eigentlich an die Bewohner des Kontinents, sich nicht mit der Schuldzuweisung an frühere Kolonialherren aufzuhalten und die Geschicke selbst in die Hand zu nehmen, so variiert sie den ursprünglichen Text im Leipziger Konzert: Nicht nur die Winde Afrikas will sie drehen, auch das europäische Wetter müsse sich ändern. Zu "Shining Star" schließt sich der nigerianische Solo-Künstler Oranmiyan der hochkarätigen Band an. Er hat schon kurzentschlossen und mit ausstrahlender Fröhlichkeit das Vorprogramm für den erkrankten Afrikan Boy übernommen und schafft es auch jetzt mit improvisierten Zeilen in der Sprache der Igbo, die Hauptperson aus der selbst auferlegten Reserve zu locken.

Und so singt Nneka bald im Elektro-Titel "In Me" zwar noch immer von Lärm und Dunkelheit und im dramatischen Rock-Rap-Stück "Soul Is Heavy" von der unheiligen Allianz, die der Ölhunger des Westens und lügende Politiker in Nigeria seit Jahrzehnten eingehen. Aber nachdem sie sich ihres Kopftuchs, ihrer Strickjacke und irgendwann sogar ihrer Mütze entledigt hat, demonstriert sie, dass in ihrem zierlichen Körper nicht nur eine ebenso zarte wie kraftvolle Stimme steckt - sondern auch ein Bewegungsdrang von ansteckender Wirkung. Zum ravigen Hit "Heart­beat" von 2008 wird der Saal vollends zur Partyzone und bleibt es danach bei der ersten Zugabe: "My Love, My Love" vom aktuellen Album "My Fairy Tales".

Die Liebe in ihr sei zu groß für den Hass der Welt, singt sie und übersetzt dieses allgemeine Ansinnen im finalen "Pray For You" nach anderthalb Konzertstunden in ein konkretes Versprechen: "Boko Haram", adressiert sie die islamistische Terrormiliz, die im Norden Nigerias wütet, und beklagt deren viele Mord- und Entführungsopfer. "Boko Haram - ich bete noch immer für dich." Nneka meint es ernst mit der Liebe.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 15.04.2015

Mathias Wöbking

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