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Der Redner der Republik: Zum Tod von Walter Jens

Der Redner der Republik: Zum Tod von Walter Jens

Er galt als moralische Instanz und prägte die Streitkultur der Bundesrepublik: Walter Jens ist nach langer Krankheit gestorben.

Er wurde 90 Jahre alt.

Die Frage ist unverkennbar eine rhetorische: "Darf ich nach einem selbstbestimmten Leben nicht auch einen selbstbestimmten Tod haben, statt als ein dem Gespött preisgegebenes Etwas zu sterben, das nur von fernher an mich erinnert?" 1995 stellte sie der große Rhetoriker Walter Jens in einem Aufsatz über menschenwürdiges Sterben. Nein, er wollte immer ein "Ich" und nie ein "Es" sein, Selbstbestimmung war für ihn eine Voraussetzung für ein menschenwürdiges Leben, die Sprache, das öffentliche Sprechen zumal, ein unverzichtbares Lebenselixier.

Seit Jahren aber ist der am Sonntag im Alter von 90 Jahren gestorbene Walter Jens verstummt und verwirrt, sein "Ich" von einem unheimlichen geistigen Dunkel verschlungen. Der an Demenz erkrankte Jens ist seit Jahren ein Pflegefall - 2009 haben seine Frau Inge in ihren vielgelobten "Unvollständigen Erinnerungen" und sein ältester Sohn Tilman in seinem vielgeschmähten Buch "Demenz" dieses Verdämmern beschrieben, zurückhaltend sie, etwas drastischer der Sohn.

Für alle, die die "alte Bundesrepublik" bewusst miterlebten, wird er freilich als wortgewaltiger und hochgebildeter Aufklärer und Hohepriester der republikanischen Vernunft in Erinnerung bleiben. Was dieses Bild eher trüben kann als seine Erkrankung, ist die Auseinandersetzung um eine (mögliche) NSDAP-Mitgliedschaft des am 8. März 1923 in Hamburg geborenen Walter Jens. Er hatte einen bewussten Parteieintritt immer geleugnet - und er fand auch Fürsprecher, die seine These von einer unwissentlichen Aufnahme für möglich hielten.

Ob er der NSDAP angehörte (er gab immerhin zu, mit 19 einen völkisch getönten Vortrag gehalten zu haben, bezeugt ist aber auch eine mutige Lobrede auf Thomas Mann noch während des Krieges), ist noch nicht endgültig bewiesen. Was seinem Renommee schadet, ist die Vermutung, dass er die Mitgliedschaft bewusst verheimlicht hat. Wie auch immer das einzuschätzen ist: Viele eher konservativ Gesinnte sehen es mit Genugtuung, dass hier Zweifel an der moralischen Integrität dieses beredten Linksliberalen aufgekommen sind. Jens neigte durchaus zum hohen moralischen Ton, wenn er bis in die 90er die Relikte autoritären deutschen Ungeistes unter deutschen Konservativen geißelte.

Jens gehörte zu den intellektuellen Jungstars der Bundesrepublik und brillierte früh als Philologe, Literaturhistoriker und -kritiker, Hochschullehrer, Schriftsteller und Übersetzer, etwa von Kapiteln der Bibel. Da er wegen seines schweren Asthmaleidens nicht Soldat werden musste, konnte er schon 1944 in Freiburg über die sophokleische Tragödie promovieren und 1949 im Alter von 26 Jahren an der Universität Tübingen habilitieren. Schon 1950 erhielt er einen Lehrstuhl für Klassische Philologie in Tübingen. In jenem Jahr stieß er zur einflussreichen "Gruppe 47" und machte mit dem Roman "Nein. Die Welt der Angeklagten" auch als Erzähler auf sich aufmerksam. Von 1963 bis 1988 hatte Jens den eigens für ihn eingerichteten bundesweit ersten Lehrstuhl für Allgemeine Rhetorik in Tübingen inne. Seine Vorlesungen in den 60ern waren gesellschaftliche Ereignisse, denen nicht nur Studenten, sondern Interessierte aller Berufe und Altersgruppen ihre Reverenz erwiesen.

Jens verkörperte so perfekt wie sonst kaum einer den klassischen politisch engagierten Intellektuellen, der geharnischte politische Stellungnahmen abgab, Literatur- und unter dem Pseudonym "Momos" auch Fernsehkritiken für "Die Zeit" schrieb. Der Fußballfan machte aber auch als Festredner, etwa 1975 beim 75-jährigen Jubiläum des Deutschen Fußballbundes, eine gute Figur.

Jens hatte zudem für das deutsche Kulturleben bedeutende Ämter inne - er war Präsident des PEN-Zentrums der Bundesrepublik von 1976 bis 1982, Präsident der Akademie der Künste zu Berlin von 1989 bis 1997, wobei er sich mit der Zusammenführung von Ost- und Westakademie viele Feinde machte. Und er hat unzählige Auszeichnungen erhalten, darunter 2002 den "Predigtpreis",

Zu Leipzig hatte Jens eine herzliche Beziehung: 2003, im Zuge der Olympiabewerbung, machte er sich stark für die Stadt, regte zu der in der Leipziger Volkszeitung und später in Buchform erschienenen Essay-Serie "Nachdenken über Leipzig" an. Leipzig sei "die europäischste deutsche Stadt, sie ist zwar klein, aber sehr international. Sie wurde geprägt von Leuten, die in Leipzig die Welt entdeckten", sagte er der LVZ.

Jens liebte auch die große demonstrative Geste: Er nahm 1983 an der Sitzblockade des Raketenstützpunkts Mutlangen teil und nutzte die spätere Gerichtsverhandlung zu einem rhetorischen Glanzauftritt. Zudem versteckte er während des zweiten Golfkrieges 1990 desertierte US-Soldaten in seinem Haus. Schon vor seiner Erkrankung war es etwas ruhiger um ihn geworden. Er legte aber noch 2003 einen Bestseller vor, den er gemeinsam mit seiner Frau schrieb: eine Biografie über Katja Mann mit dem vielsagenden Titel "Frau Thomas Mann".

Walter Jens gehört mit Jürgen Habermas und anderen Generationsgenossen zu den einflussreichsten Intellektuellen der Bundesrepublik und wird als einer der bedeutendsten Gründerfiguren einer neuen demokratischen deutschen politischen Kultur in Erinnerung bleiben.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 11.06.2013

Karl-Ludwig Baader

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