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Der Rest ist Schweigen – Wie Paul Simon seine Fans in der Arena Leipzig glücklich machte

Erster Auftritt in Leipzig Der Rest ist Schweigen – Wie Paul Simon seine Fans in der Arena Leipzig glücklich machte

Gerade erst ist Paul Simon 75 Jahre alt geworden. Bei seinem Auftritt am Dienstagabend vor 4000 Zuschauern in der Arena Leipzig merkte man nichts davon. Mit voller Stimme, voller Beweglichkeit und großartiger Band begeisterte der US-Sänger über zwei Stunden mit seinen Solo-Hits, aber auch einigen Klassikern aus der Ära mit Art Garfunkel.

Musikalische Umarmungen: Paul Simon kam mit einer großartigen Band.

Quelle: André Kempner

Leipzig. Seine Band hat bereits ohne ihn begonnen, als Paul Simon ohne viel Aufhebens auf die Bühne kommt – mit Gitarre und einer Wärme, die sofort die ganze Halle füllt. 75 Jahre ist der Mann gerade alt geworden, man hört es ihm nicht an, so wie er mit „The Boy In The Bubble“ vom Album „Graceland“ aus dem Jahr 1986 loslegt. Voll bei Stimme, voll beweglich trotz kleiner Gewichtszulage in der Gürtelzone – und voller Lust auf dieses Konzert, das mit „50 Ways To Leave Your Lover“ weitergeht und mit seinen Stimmungswechseln zwischen Melancholie und Zuversicht die beiden großen Richtungen dieses Auftritts vorzeichnet. Rasend stepptanzt er zu „That Was You Mother“, das er mit seiner Band als fröhlichen Akkordeon-Cajun zelebriert.

Wild glitzernde Puzzleteile

Was hatte er doch neulich der „New York Times“ erzählt? „Es geht auf das Ende zu. Am Showbusiness habe ich keinerlei Interesse. Null.“ An diesem Dienstagabend ist in der Arena Leipzig davon nichts zu spüren. Null. Was auch immer Paul Simon aus seinem gewaltigen Werk herauszieht, es zündet. Swing, Beat, Rock, Funk und Folk treffen auf Südamerika, Afrika und US-Südstaaten, verrückte wild glitzernde Puzzleteile, die die großartig eingespielten Weltmusiker zu einen mitreißenden, fein ausgewogenen Gesamtkunstwerk zusammensetzen, in dem immer wieder die Zeit stillzustehen scheint.

So wie im Titelsong des neuen Albums „Stranger To Stranger“, das elegisch atmet. Einsam schwebt eine Trompete, dringlich gestikuliert der Sänger. Von der Zerbrechlichkeit der Liebe singt der zum dritten Mal verheiratete Mann, von der Sehnsucht nach der Erstbegegnung mit der lange Vertrauten und gleichzeitig der Angst, dass die Geschichte diesmal anders ausgehen könnte: „Stranger to stranger/ If we met for the first time, this time/ Could you imagine us/ Falling in love again“, fragt er – und zart klingt dieses Lied aus, in einem Herzschlag.

Musikalische Artistik ohne Flitter

Könntest du dir vorstellen, dass wir uns wieder ineinander verlieben? Wer kann dazu an diesem Abend Nein sagen. Tatsächlich ist dies auch ein erstes Mal, obwohl es kaum vorstellbar ist, dass Paul Simon noch nie in Leipzig war. So wie er da auf der Bühne im Jubel badet, ein bisschen schüchtern und ziemlich ergriffen die Hände faltet. „Hallo, mein Freunde. Ich bin glücklich, hier zu sein“, meint er irgendwann im Konzert. Er sage das immer, „aber es ist ja einfach so.“ – „Wir auch“, ruft es aus dem Publikum, in der Mehrzahl zwischen 40 und 60, zurück. „Danke“, sagt der Mann auf der Bühne. Damit ist eigentlich alles gesagt. Überhaupt kommt dieser Auftritt ohne jeden Flitter aus. Zurückgenommen ist die Lichtshow, es gibt keine Background-Sängerinnen. Bewegung, Show und musikalische Artistik gibt es dennoch zur Genüge.

Nur für einen Song holt Simon noch einmal verbal aus, berichtet von einer Fahrt auf dem Amazonas zu einem Heiler, und einer Anakonda, die ihm nach der Einnahme eines Gebräus aus Wurzeln und Kräutern erscheinen solle. Darum gehe es in „Spirit Voices“ vom brasilianisch befeuerten 90er Album „The Rhythm Of The Saints“. Von dem kommt auch „The Obvious Child“, eine wilde Samba, bei der gleich vier Percussionisten ranmüssen und dem Publikum lustvoll einen Schluss nach dem anderen vortäuschen – dabei jedes Mal den entsprechenden Applaus einheimsen. Mit einem fulminanten Klaviersolo endet das rhythmisch faszinierend vertrackte „The Cool, Cool River“.

Bei den Solo-Klassikern setzen Simon und seine Mitmusiker zumeist auf mal mehr mal weniger ausufernde Variationen der bekannten Arrangements, etwa bei „Slip Slidin’ Away“, „Late In The Evening oder „Me And Julio Down By The Schoolyard“.

„Lei-Lo-Lei“

Anders bei den stürmisch gefeierten Hits aus der schon 1970 zu Ende gegangenen Ära mit dem einstigen Schulfreund Art Garfunkel. Dessen Gesang fehlt durchaus bei „Homeward Bound“, das sich im Mittelteil in einer Art Country-Shuffle etwas unmotiviert dahinschleppt. Auch „The Boxer“ am Ende des zweiten Zugabenblocks geht in diese Richtung. „Wir wussten zu DDR-Zeiten gar nicht, wie das Lied heißt, als wir das vom Radio aufnahmen, vermuteten was wie ,Lei-Lo-Lei’“, erzählt ein Zuschauer seinem Nachbarn und genau in diesem Moment singt es die ganze Halle: Lei-Lo-Lei. „El Condor Pasa“ muss ganz ohne Gesang auskommen, was der Stimmung keinen Abbruch tut.

Vor den Zugaben hatte der „Graceland“-Hit „You Can Call Me All“ die ganze Halle endgültig von den Sitzen gerissen – und Paul Simon sich von seiner Jacke verabschiedet. Danach gibt es kein Halten mehr, jubelt das Publikum seinen Liebling gleich dreimal zurück auf die Bühne.

Auf der sitzt er zum Schluss ganz alleine, nur mit seiner Gitarre und singt „The Sound Of Silence“ diese mit Anfang 20 im Badezimmer geschriebene Hymne an die Stille, mit der Simon and Garfunkel 1965 ihren Durchbruch hatten. Hier fehlt der einstige Mitsänger kein bisschen. Simon gewinnt dieses Lied ganz neu, ganz fein und ergreifend zurück – für sich und für sein nach über zwei bewegenden Stunden immer noch gebannt zuhörendes Publikum.

Ein letzter Griff an die Saiten. Der Rest ist Schweigen.

Von Jürgen Kleindienst

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