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Der Spatz und das Schicksal

Zum 100. Geburtstag Edith Piafs Der Spatz und das Schicksal

Heute vor 100 Jahren wurde im Pariser Stadtteil Belleville Édith Giovanna Gassion geboren. Als Édith Piaf eroberte sie die Welt als Édith Piaf. Ein kurzes Leben in vollen Zügen: Liebe, Krankheit, Sucht und Freude.

Édith Piaf um 1960.

Quelle: epd

Leipzig. Was ist das schon, eine schöne Stimme? Die der Édith Piaf war es nicht. Das ist nachzuhören auf den vielen mit mehr oder weniger intensiver Hingabe neu- oder nachgearbeiteten Aufnahmen ihrer ungezählten Chansons, die im Vorfeld ihres heutigen 100. Geburtstags in die CD-Läden gespült wurden. Die Intonation ist makellos, die Tongebung aber immer eindimensional. Fest klingt sie, metallisch, nach Jahrmarkt; das enge Tremolo macht sie penetrant. Und eigentlich klang dieser Spatz selbst in frühen Jahren schon älter, als er geworden ist: Als Édith Piaf am 10. Oktober 1963 starb, war sie erst 47 Jahre alt.

Schönheit ist nicht das Geheimnis dieser Sängerin. Akustisch nicht, und eine schöne Frau war sie auch nicht. Was also machte sie einzigartig? Was hebt sie so weit über all ihre Kolleginnen hinaus. Die davor und die danach? Es ist die direkte Verbindung zwischen Stimme und Seele, die jedes Chanson der Piaf, jede Zeile, jedes Wort und jeden Ton so berührend macht. Wenn sie von der Liebe singt und vom Tod, von Wollust und Verlust, von Einsamkeit oder Ausgelassenheit, versteht man sie – auch ohne ein Wort Französisch zu können.

Hunderte Chansons hat sie im Laufe ihrer Karriere gesungen, die für die 15-Jährige buchstäblich in der Gosse begann und sie nach dem Krieg in die großen Hallen und Säle der Welt führte. Hunderte Chansons hat sie der Nachwelt hinterlassen, seit sie 1935 ihre erste Schallplatte aufnahm. Und all diese tönenden Destillate von Geschichten feiern das Leben.

Dabei war das ihre keines in Rosarot und gab wenig Anlass zum Feiern. Schon der Name des Stadtteils, in dem sie geboren wurde, mutet an wie Hohn: Belleville, schöne Stadt. Schön war der erst 1860 eingemeindete Vorort von Paris nie. Heute leben dort am unteren Rand der Gesellschaft vornehmlich Einwanderer aus dem Maghreb. Als Édith Giovanna Gassion dort am 19. Dezember 1915 zur Welt kam, lebten dort am unteren Rand der Gesellschaft vornehmlich Arbeiter.

Die Mutter, eine halbseidene Sängerin, lässt sie wenige Wochen nach der Geburt im Stich, ihr Vater, ein Zirkusakrobat, bringt sie bei seiner Mutter in der Normandie unter – wo sie ein schäbiges Bordell betrieb. Dort wächst Édith auf – dort fühlt sie sich geborgen.

Obwohl hier schon die Katastrophen in ihr Leben treten, die sie bis zu ihrem Tod nicht mehr verlassen sollen. Als Vierjährige wird sie infolge einer Infektion blind – und schreibt bis zuletzt ihre Heilung nach Jahren in absoluter Dunkelheit als Wunder einer Wallfahrt zur Heiligen Therese nach Lisieux zu. Als sie zehn wird, nimmt der Vater sie wieder zu sich, tingelt mit ihr durch die Lande, lässt sie auf der Straße singen. Und misshandelt sie regelmäßig.

Fünf Jahre später läuft sie dem Vater davon, schlägt sich allein in Paris als Straßensängerin durch und wird vom Nachtclubbesitzer Louis Leplée entdeckt. Der nennt das zierliche Mädchen, Édith ist nicht einmal 1,50 Meter groß, wegen ihrer Statur und wegen ihrer Stimme La môme-piaf, Knirps-Spatz, Spatz-Göre – den Spatz macht sie zum Künstler-Nachnamen.

Aber das Schicksal gibt keine Ruhe: Mit 17 wirdesie ungewollt schwanger, die Tochter, Marcelle, stirbt im Alter von zwei Jahren. Kurz vor ihrem 20. Geburtstag wird der Entdecker und Förderer Leplée ermordet, sein Spatz gerät unter Verdacht und flieht aus Paris. Dennoch fällt in diese Zeit der Durchbruch: Schon vor Ausbruch des Krieges gastiert sie in halb Europa. Und der Erfolg bricht auch zu Zeiten der deutschen Besatzung nicht ab. 1943 singt Édith Piaf in Berlin, was ihr später den Vorwurf der Kollaboration einbrachte.

Zu dieser Zeit ist sie äußerlich angekommen auf der Sonnenseite des Pariser Nachtlebens. Sie bewohnt eine ganze Etage im feinen 16. Arrondissement, tritt ab 1944 im Moulin Rouge auf, wo sie den Kollegen Yves Montand kennenlerne, mit dem sie in den nächsten beiden Jahrzehnten immer wieder im Bett landet. Die Liebe ihres Lebens indes ist ein Anderer: der Boxweltmeister Marcel Cerdan, der 1949 bei einem Flugzeugabsturz ums Leben kommt. Er war auf dem Weg nach New York – um dort ein Konzert seiner Geliebten zu besuchen. Danach kommt ihr Liebesleben nicht mehr zur Ruhe, ungezählte Liebschaften und zwei Ehen (bei der ersten Hochzeit 1952 war ihre Freundin Marlene Dietrich Trauzeugin) bringen keine Erfüllung. 1959 erleidet sie kurz hintereinander zwei Autounfälle, in deren Folge sie Morphium-abhängig wird. Eine unheilvolle Kombination mit ihrer Alkoholsucht, die sie seit der Kindheit begleitet. Wenig später eröffnen ihr die Ärzte, dass sie unheilbar an Krebs erkrankt ist. Die letzten Jahre stehen im Zeichen von Schmerz und Einsamkeit.

Und dieses Leben soll sie als Sängerin gefeiert haben? Gewiss. Denn der Gesang stand ihr für ein anderes Leben Eines, das all die Katastrophen ummünzte in Träume und Sehnsüchte – in Poesie. In der Musik bekam für die zierliche Kämpferin alles einen Sinn. Darum ist ihre Kunst weder autobiographisch noch therapeutisch. Sie ist wahrhaftig, kehrt eine Seele nach außen, die sich nicht unterkriegen ließ von Nebensächlichkeiten wie der Welt.

In ihrem ganzen Leben sei sie, sagte sie, als es absehbar zu Ende ging, abseits der Bühne vielleicht zehn Minuten glücklich gewesen. Was schon eine ganze Menge sei. Beim Singen aber sei sie immer glücklich gewesen. Das mag erklären, dass sie von der Bühne nicht loskam. So krank sie auch war, so verzweifelt, so besoffen: La Piaf trat auf. Immer. Die Bühne war für sie das Leben, das richtige. Das andere war nicht falsch, aber sie schob es beiseite, indem sie ihm alle Energie entzog, die sie für ihre Kunst brauchte. Darum hätte sie wohl auch auf dem Sterbebett noch aus voller Überzeugung ihr berühmtestes Chanson gesungen. Charles Dumont komponierte die Musik, Michel Vaucaire schrieb den Text, 1959 wurde es veröffentlicht: „Non, je ne regrette rien“ – nein, ich bereue nichts.

Bei Parlophone/Warner ist aus Anlass des 100. Geburtstags „Edith Piaf: 1915–2015“ erschienen, eine Box mit einer LP, 20 CDs und einem üppigen Begleitbuch, die, aufwendig nachbearbeitet, alle Aufnahmen der Sängerin enthält.

Von Peter Korfmacher

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