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„Der Streit“ feiert am Gohliser Schlösschen Premiere

Sommertheater „Der Streit“ feiert am Gohliser Schlösschen Premiere

Am Gohliser Schlösschen feiert der Schauspiel-Sommerspaß „Der Streit“ Premiere. Der Marivaux-Klassiker mischt durchaus Gift ins Süße. Und Regisseur Bruno Cathomas ignoriert das nicht.

Paradies der Einfalt .

Quelle: Rolf Arnold

Leipzig. Eine kapriziöse Rokokokomödie vor pittoresker Rokokokulisse unter prächtigem Sommerabendhimmel. Kann man mehr wollen? Am Sonntag hatte im Gohliser Schlösschen mit dem Marivaux-Klassiker „Der Streit“ die diesjährige Sommer-Open-Air-Inszenierung des Schauspiels bejubelte Premiere. Regie führte Bruno Cathomas.

Seine Sprache hat schon etwas recht seidenbestrumpftes; wie gewachst und gepudert in Weitschweifigkeit. Pierre Carlet Chamblain de Marivaux (1688– 1763) war ein literarischer Pâtissier rhetorischer Schichttorten, die es sogar zum eigenständigen Stilbegriff („Marivaudage“) brachten. Was durchaus kritisch, wenn nicht despektierlich gemeint war – und das nicht ohne Grund. Zugleich aber etwas Entscheidendes ignoriert: das Gift nämlich, das Marivaux ins Süße mischt, die seidigen Fallstricke, die sich in seinen tänzelnden Tändeleien spannen.

Dass jetzt Regisseur Bruno Cathomas Gift und Fallstricke nicht ignoriert hat, ist ein entscheidender Reiz seiner Inszenierung. Dass er beides mitunter zu forciert und poltrig ausstellt, ein Grund ihres Strauchelns.

Köstlich affektiert

Auf einem Laufsteg, der das Publikum in zwei Lager teilt und in dessen Mitte eine mit Wasser gefüllte Vertiefung eingelassen ist (Bühne: Thomas Giger), trippelt da zu Beginn Schauspieler Thomas Braungardt in seiner Rolle als Fürst in köstlicher Affektiertheit daher. Perückt, bestrumpft, im passend zum blumigen Sprechsingsang großblumig gemusterten Gehrock (Kostüme: Nadja Zeller) kündet er von jenem Experiment, dessen finaler Phase es samt Gattin (und natürlich Publikum) gleich beizuwohnen gilt: Um den ewigen Streit darüber zu beenden, welchem Geschlecht sich ursprünglich Unbill wie Verrat, Untreue, Egomanie verdanke, habe man im Namen des Erkenntnisgewinns zwei Mädchen und zwei Jungen kurz nach ihrer Geburt verschleppt und sie jeweils einzeln und in vollkommener Isolation vorm Sündenpfuhl der Welt aufgezogen.

18 Jahre sind seither vergangen – Zeit genug, um die Probanden aus ihrem pseudo-paradiesischen Unschuldszustand zu erwecken. Und zuzuschauen, aus wem, ob aus Mann oder Frau, in der Konfrontation zuerst die Funken der Erkenntnis, Lust und Durchtriebenheit schlagen.

Was daraus folgt, offenbart dann nicht nur das Gift, dass im Streben nach Erkenntnis lauern kann, weist nicht nur auf das Dämonische hinter der Maske der Aufklärung (die hier, hübsche Volte, das gepuderte Maskengesicht des Adels ist), sondern spielt zugleich mit der interessant boshaften Option, dass Liebe ohnehin nur eine Form fehlgeleiteten Narzissmus ist.

Witziger Kurzauftritt

Eine Sichtweise, die sich zumal in Cathomas’ Aufbereitung des Stoffes äußert. Wenn auch weniger darin, dass Textwürzer à la Elfriede Jelinek und Rolf Dieter Brinkmann ins Geschehen gebröselt wurden (das fällt unter „zu forciert“), als vielmehr in dem Umstand, wie man hier das Probanden-Sextett der Vorlage zum Quartett geschrumpft hat. Das einzige, sich wirklich unbeirrt liebende Paar, das bei Marivaux als Meslis und Dina ein Quasipostulat „echter Unschuld“ verkörpert, hat bei Cathomas lediglich einen namens- und sprachlosen, aber dafür umso witzigeren Kurzauftritt. Über dem im Namen des Überraschungseffektes allerdings der Mantel des Schweigens gebreitet bleiben muss.

Unterm Brennglas der fürstlichen Experimentierwut jedenfalls zappeln dann die in aller Unschuld schuldig werdend Eglé, Azor, Adine und Mesrin. Insekten, die nicht wissen, wie ihnen geschieht bei dieser Vertreibung aus dem Paradies der Einfalt in die Höllen des Begehrens. Zickenkrieg und Primatenpose inklusive.

Bröckelnde Kontrolliertheit

Was den Studierenden der Schauspielhochschule „Felix Mendelssohn Bartholdy“ Alina-Katharina Heipe, Timo Fakhravar, Nina Siewert und Andreas Dyszewski Gelegenheit gibt, in ihren Rollen vom Leder zu ziehen. Übers Ziel hinaus zu schießen allerdings auch immer mal wieder.

Andrerseits kann man ihnen daran die Schuld nicht geben in Anbetracht des Umstandes, dass dieser Marivaux ja insgesamt poltert wie ein Bauernschwank. Also ein sehr eingedeutschter Franzose ist. Eleganz ist nach wie vor eher keine der heimischen Stärken, auch wenn Bettina Schmidt als Fürstin zeigt, dass sie darüber verfügt – ausspielen darf sie es nicht.

Einprägsamer ist da Markus Lerch, der in der Rolle des Dieners Mesrou gekonnt kontrolliert die bröckelnde Kontrolliertheit seiner Figur zeigt. Ein Kontrast an Akkuratesse im Tohuwabohu, durch welches dann noch zur Musik Marcus Schinkels ein paar Tanzeinlagen (Choreografie: Sabina Perry) hüpfen, die weder wirklich nötig, noch groß störend sind.

„Der Streit“: bis 9. September, jeweils 20 Uhr, Gohliser Schlösschen, Menckestraße 23; Termine und Karten unter Telefon 0341 1268168

Von Steffen Georgi

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