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"Der Traum" im Leipziger Centraltheater: Großartigdüsteres Delirium nach Dostejewski

"Der Traum" im Leipziger Centraltheater: Großartigdüsteres Delirium nach Dostejewski

Dostojewski, Tschechow, Tarkowski. Drei Russen, drei Inszenierungen. Sebastian Hartmann bringt in den Folgewochen eine Trilogie in die Centraltheater-Arena, die mit der hübschen Aufforderung "Entscheide dich für die Liebe" überschrieben ist.

Den Anfang macht die Adaption der Dostojewskij-Erzählung "Der Traum eines lächerlichen Menschen". Am Freitag war Premiere.

Und um es zu gestehen: die Aussicht schon wieder einen Dostojewskij als Bühnenstück geboten zu bekommen, löste etwas Unwillen aus. Was finden diese Theatertypen nur alle an dieser Prosa, die ja nicht frei ist vom mitunter doch recht kunstgewerblichen Gemurmel seelischer Kellerloch-Düsternis samt Schuld-und-Sühne-Posen in weitschweifiger Theatralik? Oder ist es das, was reizt? Dieser Mix aus "melodramatischem Kuddelmuddel" und "verlogenem Mystizismus", den Vladimir Nabokov nicht ganz zu Unrecht Dostojewskij zum Vorwurf machte.

Und der auch auf "Traum eines lächerlichen Menschen" zutrifft. Eine von christlichen und naturmystischen Elementen durchzogene Erweckungsprosa, deren Antiheld, ein Prachtexemplar des verzweifelten Zweiflers, an einem Novemberabend seinen Moment der Wahrheit hat.

Zu dem verhelfen ein einsamer Stern am Himmel und ein ebenso einsames Mädchen in düsteren Gassen. Danach ist der Selbstmord beschlossene Sache. Aber den Suizid verhindert das Einschlummern am Küchentisch samt jenem Traum, der den Verzweifelten auf einen Planeten führt, wo Menschen in Seligkeit wandeln, denn sie "rangen nicht nach Erkenntnis des Lebens, wie wir es tun". Dumm nur, dass der Eindringling, gleich einem "Pestatom" die Harmonie mit seinem bloßen Sein infiziert. Das Paradies verrottet zum altbekannten Jammertal.

Und das senkt sich in Hartmanns Inszenierung zum Finale herab mit den Posaunen von Jericho, die hier nicht Mauern zu Fall bringen, sondern dieses "Pestatom" Mensch: Schauspieler Benjamin Lillie krampft am Boden, umstellt von Posaunisten des Ensembles "Nackt" und spuckt, niedergedrückt von Klängen, Worte: Fantasie, Fieber, Mädchen. Schauspiel als Epilepsie. Ein düsteres, expressives Delirium - und Höhepunkt einer großartigen Inszenierung.

Hartmann, der ja sonst gern mal aufbläht, arbeitet hier ohne Verschlackungen, auf den Punkt genau. Suggestiv die Musik, effektvoll die wenigen Lichtwechsel. Eine Regie, zurückgenommen präsent. Szenische Stützen für Lillie im Freiraum installierend. Frappierend, wie dabei der Text gerade auch in seinen Untiefen und Schwächen pulsiert, weil Lillie sie zu den Untiefen und Schwächen seiner Figur macht. Aneignung als Einverleibung. Fern der Psychologie offeriert sich so weniger ein Charakter, als vielmehr ein Rohzustand existenzieller Verzweiflung.

Darstellerisch ist das eine mitreißende Tour de force. Was und wie Lillie artikuliert, katapultiert all das Triviale der Vorlage ins Licht der Authentizität. Man glaubt jedes Wort. Kein Kunstgewerbe, keine Verlogenheiten - starkes Theater, belohnt mit euphorischem Applaus. Steffen Georgi

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 04.03.2013

Steffen Georgi

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