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Der Unabhängige: Verleger Klaus Wagenbach wird 80 – Erinnerungsbuch zum Geburtstag

Der Unabhängige: Verleger Klaus Wagenbach wird 80 – Erinnerungsbuch zum Geburtstag

Seit September 1964 gibt es den  Wagenbach Verlag. Am Sonntag wird sein Gründer Klaus Wagenbach 80 Jahre alt. Zum Geburtstag erscheint ein Buch mit seinen Erinnerungen, Festreden, Seitenhieben.

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Der Verleger Klaus Wagenbach bei einer Matinee anlässlich seines 80. Geburtstages am 20. Juni 2010 in Berlin.

Quelle: dpa

Berlin. Es dokumentiert Leben und Denken einer großen, wichtigen Verlegerpersönlichkeit.

Mindestens drei Kinder und acht Erwachsene drängten sich stets in den acht Räumen, dazu die reitenden Boten oder Komiteebeauftragten, die Autoren oder Buchhändler, die Papiervertreter oder  Genossen, die mal eben schnell was fotokopieren wollten. 1967 war das, der Wagenbach Verlag gerade drei Jahre alt und gleichzeitig Nachrichtenbörse, Nachtlager, Wärmstube und Dienstleistungsbetrieb. So erzählt es Klaus Wagenbach in seinem Buch „Die Freiheit des Verlegers“, das zum 80. Geburtstag erscheint und  ein Geschenk für die Leser ist, denn Wagenbach zeigt sich als unterhaltsamer Erzähler, politischer Zeitzeuge und wichtige Stimme im Kanon bundesdeutscher Selbstvergewisserung.

Nach dem Abitur will er zunächst Chemiker werden, doch schon vorher kommen ein Deutschlehrer, eine Druckerei und ein Verleger dazwischen. Er macht eine Verlagsbuchhändlerlehre im Suhrkamp, vormals S. Fischer Verlag, wo er bereits lernt, „wie man einen Verlag gründet und spaltet“. 1973 wird sich das Rotbuchkollektiv von Wagenbach trennen. Er studiert Germanistik („leider voller Schwurbler“), Sprechkunde und Kunstgeschichte. Seine erste, bis heute anhaltende Liebe gilt Kafka, über den er promoviert, eine andere Erich Fried, als dessen Wiederentdecker er gilt, weitere Italien und der Kunst, die sich in der  Edition Giorgio Vasari spiegeln.

Heute dankt der Mann, der so gern rote Socken trägt, seinen Lehrern: dem Herstellungsleiter Fritz Hirschmann im S. Fischer Verlag, Harald Keller, Professor für Kunstgeschichte an der Uni Frankfurt und der Gruppe 47, in die er sich 1959 ungebeten einschleicht, bevor sie sich „unter Beibehaltung des antifaschistischen Grundkonsenes“ zu einem Zentrum der jungen deutschen Literatur entwickelt. Dort erlebt er Joachim Kaiser als feinen Formulierer und Marcel Reich-Ranicki als „Streitaxt“. Dort lernt er „historische Ortung, Zeit- und Personalstil, Bevölkerung von Gedichten, das Mittel der Anrufung, den lyrischen Trick des Innehaltens und vieles mehr“.

Haben sie sich in der Gruppe 47 politisch „damit abgefunden, dass jeder den anderen für einen Blödmann hält“, erlebt der Anarchist die Bundesrepublik der 50er und 60er Jahre mit ihrer „unterwerfungsbereiten“ Bevölkerung literarisch als große Langeweile, politisch als Schraubstock. Als Lektor der deutschen Buchgemeinschaft Darmstadt gründet er den Modernen Buch-Club. Als Verantwortlicher für deutsche Literatur bei S. Fischer wird er vom neuen, konservativen Besitzer Holtzbrink 1964 entlassen. Wenig später streicht der Bayerische Rundfunk Wagenbachs politische Kommentare. Er erlebt, wie in der Kritik literarisch argumentiert und politisch geurteilt wird, und erkennt, dass ein Verleger „sparsam sein müsse, nicht größenwahnsinnig werden dürfe, und sich nicht zugunsten einer besseren Rendite darauf hinausreden sollte, die Suche nach einem Nachfolger sei leider vergeblich gewesen.“

Ihm ist längst klar, dass er mit den politischen Meinungen, deretwegen er gefeuert wurde, in keinen anderen Verlag hereinkommen würde.  Er zieht nach Berlin gründet, wie Günter Grass es ihm bereits aus der Hand gelesen haben soll, einen eigenen – gemeinsam mit seiner ersten Frau Katharina Wagenbach-Wolff, mit der er drei Töchter hat. Eine vierte stammt aus der Verbindung mit Susanne Schüssler, die seit 2002 den Verlag leitet und als Herausgeberin des Geburtstags-Buches fungiert.

Dass Westberlin, hier leben inzwischen Grass, Johnson und Enzensberger, mit „seinem besonders hysterischen Antikommunismus kein allzu günstiger Standort“ ist, wird ihm erst später klar. Er macht die Erfahrungen, benutzt zu werden, wie die der Solidarität; ist Zensurversuchen ausgesetzt – von allen Seiten. Und schreibt: „Die Verbreitung von Kultur und Politik heißt, Wirkung suchen für etwas, dessen Wirkung eher unerwünscht ist.“ Otto Schily verteidigt ihn in den zahlreichen Prozessen, in denen ihm etwa Propaganda für einen politischen Umsturz vorgeworfen wird. Heute könne er sich „rühmen, der meistangeklagte noch lebende deutsche Verleger zu sein“.

Unnachgiebig gab Wagenbach radikalen politischen Texten ein Forum, denn nichts erscheint dem Verleger  „langweiliger, als sogenannte proletarische Literatur für linke Nostalgiker zu verbreiten, feministische Traktate für Feministinnen, Teenagerbekenntnisse, weil der Markt gerade Jahrgangsliteratur verlangt, oder Herzensergießungen, wenn Ehrlichkeitskitsch gerade Mode ist“.

Es ist von Anfang an Prinzip, Bücher zu publizieren, die der Verleger für wichtig hält – unabhängig von den Folgen, den ökonomischen wie den politischen. Zu den Grundsätzen gehört auch, schöne und möglichst preiswerte Bücher zu machen, „Gebrauchsbücher mit Kunstwert“. Das gilt für die Taschenbücher und für die Reihe Salto – in der Alan Bennetts „Die souveräne Leserin“  Bestseller wird. Unter den Autoren sind neben Kafka und Fried Ingeborg Bachmann, Wolf Biermann, Johannes Bobrowski, Italo Calvino, Marguerite Duras, Umberto Eco, Natalia Ginzburg, Stephan Hermlin, Christa Reinig, Italo Svevo, George Tabori.

Der unabhängige Verleger sucht die unabhängigen Leser, die neugierigen und „wilden“. Er ist wohl einer der letzten seiner Art.

Klaus Wagenbach: Die Freiheit des Verlegers. Erinnerungen, Festreden, Seitenhiebe.

Herausgegeben von Susanne Schüssler.

Wagenbach Verlag; 352 Seiten.

19,90 Euro

ZUR PERSON:

• Klaus Wagenbach wird am 11. Juli 1930 in Berlin als Sohn einer Telefonistin und eines Volkswirts geboren

• Nach dem Abitur 1949 Lehre im Suhrkamp, dann im S. Fischer Verlag, Studium der Germanistik in Frankfurt am Main und München

• 1957 Promotion über Franz Kafka

• Arbeit als Lektor, zuletzt bei S. Fischer

• 1964 Umzug nach Berlin, Gründung des Wagenbach Verlags

• 1965  die ersten Quarthefte

• 1966–73 Lizenz-, Einreise- und Durchreiseverbot der DDR

• 1971–75 Ermittlungsverfahren wegen „Bambule“ von Ulrike Meinhof, Prozesse der Berliner Polizei wegen Ehrverletzung

• 1975 Gründung der Taschenbücherei

• Beginn der Zeitschrift Freibeuter, Kritikerpreis für „Vaterland, Muttersprache“

• 1987 Beginn der Reihe Salto

• Großes Bundesverdienstkreuz, Chevalier de la Légion d‘honneur

• Übergabe der Leitung des Verlags an seine dritte Frau Susanne Schüssler

• 2004 Beginn der Edition Giorgio Vasari

• 2010 Kurt-Wolff-Preis für das Lebenswerk

Janina Fleischer

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