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Der Vater der europäischen Literatur

Vor 2000 Jahren starb Ovid Der Vater der europäischen Literatur

Ohne ihn wäre ein Großteil der Bilder in unseren Museen nicht gemalt, wären viele Opern nie komponiert, unzählige Bücher nicht geschrieben worden: Der römische Dichter Publius Ovidius Naso. Irgendwann in der zweiten Hälfte des Jahres 17 starb er an der heute zu Rumänien gehörenden Schwarzmeer-Küste, verbannt ans letzte Ende des römischen Weltreichs.

Ovid-Denkmal im rumänischen Costanta, wo der dichter im Jahr 17 nach Christus starb.

Quelle: dpa

Leipzig.

Eigentlich wäre Caesars „Gallischer Krieg“ drangewesen, den Bergs mit der Bemerkung vom Lehrplan wischte, er habe zu viel vom Krieg gesehen, um sich und uns mit selbstgefälligen Berichten von Mord und Totschlag zu belasten. Also zog er Ovids „Metamorphosen“ vor. Und weil die eigentlich noch zu schwer waren, ging der Feldwebel unter den Lehrern einen überraschenden Weg: Er ließ uns auswendig lernen. Nicht alle gut 12 000 Verse. Aber Prolog und Epilog verordnete er jedem, dazwischen durften wir uns Kapitel aussuchen.

Auswendig lernen – das war im bundesdeutschen Westen des Jahres 1981, ringsherum probierten die 68er neue pädagogischen Konzepte durch, ziemlich aus der Mode. Aber dem Schaffen des Publius Ovidius Naso nähert man sich am besten über die Sinnlichkeit. Dass seine Hexameter die schönsten sind, die jemals geschrieben wurden (nicht nur in lateinischer Sprache), erschließt sich nicht beim Lesen, sondern beim Aufsagen und Zuhören. Und während wir uns, einer nach der anderen, erst holpernd, dann immer sicherer durch Verse rezitierten, deren Sinn wir einstweilen nicht verstanden, wurde das Lächeln in Emil Bergs’ Gesicht immer offener. Er sah, dass wir spürten: Wegen solcher Literatur, lohnte es sich, über lateinischer Grammatik zu schwitzen. Mit den Metamorphosen begann die moderne Literatur – und ihre Schönheit erschließt sich in keiner noch so guten deutschen Übersetzung.

Ovid brachte nach der Dürre der Alten, Caesars sprachlichem Raubrittertum, Ciceros schmuckloser Klarheit die Sinnlichkeit ins Spiel, machte Latein so geschmeidig, dass feine Eleganz, subtile Ironie, lässige Frivolität, psychologische Graustufen Platz darin fanden. Und er rückte den Menschen in den Mittelpunkt. Denn obschon die Metamorphosen zum größten Teil von Göttern handeln und von Gestalten aus mythischer Vorzeit, treten sie uns doch menschlich bis allzumenschlich entgegen: Jupiter und Venus, Europa und Medea, Dädalus und Ikarus, Pyramus und Thisbe, Orpheus und Eurydike, Herkules und Achill, Narziss und Echo, Apoll und Dafne, Philemon und Baucis, Romulus und Remus, auch Caesar und Augustus. Ovid machte die Nachwelt mit den Sagen der Griechen vertraut, manche, darunter einige der schönsten, kennen wir erst durch ihn – was manchen Philologen zu dem Schluss verleitet, er habe sie erfunden. Was wäre schlimm daran?

Metamorphosen also, Verwandlungen: Da verwandelt sich die Welt vom Goldenen Zeitalter an immer weiter zum Schlechten, wird Zeus zum Stier und Dafne zum Baum, Acteon zum Hirsch, Philemon und Baucis werden Eiche und Linde, gelangen ganze Heerscharen als Sterne ans Firmament. Das alles gab es lange vor Ovid. Aber er war der erste, der einen Zusammenhang schuf: Von der Erschaffung der Welt über den Raub der Europa, die Argonauten, den Trojanischen Krieg, die Gründung Roms bis ins Augusteische Zeitalter, Ovids Gegenwart, spannt sich dieses Tableau, erzählt in einem großen Atem, fein variiert, kunstvoll aufeinander aufbauend.

Seit die Metamorphosen in den ersten Jahren nach der Zeitenwende entstanden, riss die Begeisterung für diese Welt-Literatur nie ab: die Kirchenväter rekurrierten darauf, das Mittelalter nahm sie zum Maßstab, die Renaissance erschuf sich auf diesem Fundament ihre neue Welt mit dem Menschen als Maß aller Dinge. Hier fand das Barock die treffendsten Allegorien. Die Romantik setzte andere Schwerpunkte – aber bis vor wenigen Jahrzehnten gehörten die Metamorphosen selbstverständlich zum Bildungskanon.

Bildungskanon – das Wort und, mehr noch, was es beschreibt, ist aus der Mode gekommen. Aber kaum ein anderes Beispiel zeigt, wie wichtig er sein könnte: Wer die Metamorphosen nicht kennt, dem erschließt sich ein großer Teil der abendländischen Kultur nicht. Der läuft durch Museen und hat keine Ahnung von den Geschichten, die die Bilder ringsum erzählen. Der sitzt ratlos in Opern, von denen viele nie geschrieben worden wären, hätte es Ovid nicht gegeben. Schon die allersten, „Dafne“ und „Orfeo“ wurzeln in den Metamorphosen, bei Strauss’ „Dafne“, seiner „Ariadne“ ist es nicht anders, Henze fand hier seine Stoffe. Shakespeare holte sich hier Inspiration. Und wer nicht weiß, was es mit Philemon und Baucis auf sich hat, wird sich in Goethes zweitem Faust, in Brechts „Der gute Mensch von Szechuan“ und Max Frischs „Mein Name sei Gantenbein“ manche Frage stellen. Kurzum: Ovids „Metamorphosen“ sind der Schlüssel zu unserer gemeinsamen Kultur, sie stehen auf Augenhöhe mit der Bibel, die für den größten Teil der Kunst Pate stand, der nicht von ihnen beeinflusst ist.

Viele Würdigungen unserer Tage rekurrieren indes auf ein anderes Werk: die „Ars amatoria“, ein Liebes-Ratgeber in Gedichtform, der nichts – wirklich nichts – auslässt, vom Flirt bis zur Stellungswahl, saftig, prall, verderbt. Auch dies große Literatur, für uns Untersekundaner damals viel interessanter. Bei Emil Bergs führte kein Weg hinein.

Für Ovid waren sie dennoch von verhängnisvoller Wichtigkeit. Denn das Büchlein war nicht unschuldig daran, dass August ihn im Jahre 8 ans Ende des Reiches verbannte. Die Gründe liegen bis heute im Dunkeln, aber dass die Freizügigkeit der Ars amatoria dem im Alter ziemlich prüden Princeps übel aufstieß, darf als gesichert gelten. Auch dass es einen Zusammenhang mit den Sex-Skandalen der Tochter und der Enkelin des Augustus gibt – obschon Ovid gewiss weder mit der einen noch der anderen, noch gar mit beiden in den Federn war, wie immer wieder gern kolportiert wird. In diesem Fall wäre er nicht so glimpflich davongekommen. Immerhin durfte er Vermögen und Bürgerrecht mit ins Exil nehmen. Den Kollegen Cicero hatte Augustus in Ovids Geburtsjahr, da hieß er noch Octavian und war neben Antonius und Lepidus Triumvir, kurzerhand umbringen lassen.

Ovid blieb bis zu seinem Tod vor 2000 Jahren verbannt. Alles Barmen, alles Dichten konnte Augustus nicht erweichen und nicht den Nachfolger Tiberius. Diesem Umstand verdankt die Welt immerhin die „Tristia“ – in ihrer so weisen wie hoffnungslosen Trauer Vorbild für Exil-Literatur der nächsten 2000 Jahre. Ansonsten wissen wir nicht allzu viel über das Leben des Publius Ovidius Naso. Er entstammte einer reichen Familie aus dem Ritterstand, studierte in Rom bei besten Lehrern Rhetorik, machte seine Kavalierstour nach Griechenland, zeigte der vorbestimmten Ämterlaufbahn die kalte Schulter, um sich ganz der Schriftstellerei zu widmen. Und barst als Künstler vor Selbstbewusstsein.

Seine „Metamorphosen“ enden mit prophetisch stolzen Worten: „Nun habe ich ein Werk vollendet, das weder Jupiters Zorn, noch das Schwert, nicht das Feuer und nicht das gefräßige Alter zerstören können. ... Ich werde mit dem besseren Teil meines Selbst über die Sterne mich erheben und mein Name wird unzerstörbar bleiben bis in alle Zeiten. Wo des Römers Macht über bezwungene Länder sich ausdehnt, wird mich das Volk lesen, und für alle Jahrhunderte werde ich ... im Ruhm leben.“ Das ist es, was Emil Bergs uns lehrte: Kaiser und Götter, Diktatoren und Kriege werden vergessen. Was bleibt vom Menschen, das ist seine Kunst. Ovid machte sie unsterblich.

Ovid: Metamorphosen, zweisprachige Ausgabe mit der Übersetzung Michael von Albrechts und 30 Radierungen von Pablo Picasso, Leinen mit Schutzumschlag, 1116 Seiten, 46.95 Euro.

Von Peter Korfmacher

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