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Der große Polterkopf - über das Leben Manfred Krugs

Ein Nachruf Der große Polterkopf - über das Leben Manfred Krugs

Er war Kommissar. Sänger. Ost- und Westdeutscher. Nun ist Manne, wie er so oft genannt wurde, im Alter von 79 Jahren gestorben. Für die Leipziger Volkszeitung blickt Norbert Wehrstedt auf das Leben Manfred Krugs zurück.

Manfred Krug ist vergangenen Freitag verstorben. (Archivbild)

Quelle: dpa

Berlin. Er trat ab, bevor man ihn fragte. Oder mahnte. 2001 war Schluss mit dem Filmen. Manfred Krug machte das, wie alles, was er tat: mit einem klaren Schnitt. Also quittierte er auch aus eigenem Entschluss seinen „Tatort“-Dienst. Kommissar Paul Stoever ging nach 41 Fällen in 17 Jahren, nachdem er zuletzt mit Partner Brockmöller zum Gesangsduo geworden war.

Singen konnte Manfred Krug. Eine Leidenschaft, die er in seinen beiden Leben lebte. Erst in der DDR, dann in der Bundesrepublik. Als Zwölfjähriger folgt er nach der elterlichen Scheidung dem Vater, einem Eisenhütten-Ingenieur, aus Duisburg nach Brandenburg. Da findet Manne, wie ihn alle nennen, keinen Boden unter den Füßen. Elf Mal wechselt er die Schule – bis ihn der Vater am Ende zur Schmelzerlehre im Stahl- und Walzwerk Brandenburg zwingt. Vier Jahre kocht er am Hochofen, macht abends das Abitur – und bekommt seine Stirnnarbe eingebrannt: Ein heißer Tropfen trifft ihn.
 
Als Manfred Krug 1954 ein Schauspielstudium in Berlin beginnt, endet das bereits im Jahr darauf mit der Exmatrikulation. Er will sich einfach nicht einfügen Doch der Aufmüpfige hat Glück. Das Berliner Ensemble fängt ihn als Eleven auf, mütterlich Helene Weigel, mit Begeisterung Bertolt Brecht, als er Krugs Frontkoller in Bechers „Winterschlacht“ sieht.

Trotz weiterer kleiner Rollen, Theater ist nichts für Manfred Krug: „Ich hatte keine Lust, jeden Abend dasselbe zu spielen und mir anschließend noch blaue Briefe schicken zu lassen, in denen stand, dass es heute nicht ganz so war wie verabredet.“ Theater, das war ein zu flüchtiges Geschäft. Heute noch gespielt, morgen schon vergessen. So verlor ihn das Theater. Nur, wer ihn in den 70ern in der Komischen Oper gesehen hat, wie er in „Porgy und Bess“ elastisch und eloquent der Sporting Life war, die Bühne füllte - mit der Stimme, mit dem Körper, mit kraftvollem Spiel, konnte erleben - wozu Manfred Krug auch auf den Brettern fähig war.

Polterkopf mit wenigen Haaren

Singen, das war für ihn nie nur Nebenbeschäftigung. Nach „Auf der Sonnenseite“ (1961), einer autobiografischen Komödie, erschien der frech-flotte Titelsong auf einer Single. Der Text stammte von Clemens Kerber, ein Pseudonym, das Manfred Krug (neben Isa Karfunkelstein) immer wieder benutzte – und das auch auf dem Klingelschild seiner weitläufigen Wohnung in einer Nebenstraße nahe dem Kudamm stand. So twistete Krug bald auf Platte, jazzte mit den Jazzoptimisten in Konzerten, tingelte mit Klaus Lenz und Günther Fischer – und landete 1971 mit der LP „Das war nur ein Moment“ einen Bestseller.

Aufpolierte, eingedeutschte (Texter: Krug) Traditionals und Neukompositionen, die wunderbar auf seiner kratzig-melancholischen, rauh-machohaften Stimme lagen. Günther Fischer, der Musik-Chef, und Manfred Krug waren ein Herz und eine Seele. Erst als der Sänger in seiner Stasi-Akte gelesen hatte, war Schluss mit lustig. Günther Fischer ist für ihn als Komponist „der kleine Mozart“ – und als Informant ein „Arschloch“.

Das ist – im „Spiegel“ formuliert – die Sprache, die der große Polterkopf mit lauten Sprüchen und den wenigen Haaren liebte. Hemdsärmeliger Haudrauf-Sound. Hoppla-jetzt-komm-ich-Typ und Draufgänger. Einer, der nie um irgendwelche Ecken kam, sondern Meinungen immer volley aussprach. Der das, was er dachte, auch sagte. Krug war immer Krug.

In dieser Liga spielte im DDR-Kino und DDR-Fernsehen nur er. Das blieb auch nach seinem Weggang im Westen so. Irgendwann hat es ihn daran gehindert, Charakterspieler zu werden. Ein zweiter Armin Mueller-Stahl war nicht drin. Das hat seiner Popularität nicht geschadet, aber gewurmt hat es ihn schon ein bisschen.

45 Kinofilme

Als Manfred Krug 1957 zur Defa kam, war er sofort der Harte mit Lederjacke. Halbstarke, Ganoven, Zwielichtige pflasterten seinen Weg – bis Frank Beyer ihn als Polen Oleg in seinem Spanien-Western „Fünf Patronenhülsen“ besetzte. Die Entdeckung eines anderen Krugs. Eines Krugs, der mit Blicken und Schweigen überzeugen konnte.

45 Kinofilme hat gedreht, ein paar kann man sich immer wieder ansehen, auch wenn Krug selbst sie gern als Sülze bezeichnet – von „Minna von Barnhelm“ (1962) über die Baustellen-Romanze „Beschreibung eines Sommers“ (1963) bis zum Mantel-und-Degen-Abenteuer „Mir nach, Canaillen!“ (1964), vom Märchen „König Drosselbart“ (1965) über „Frau Venus und ihr Teufel“ (1967) bis zur Kriegsende-Komödie „Meine Stunde Null“ (1970). Manfred Krug hatte Präsenz. Wenn er auf der Leinwand erschien, sah man hin. Wenn er in die Historie eintauchte, wurde sie gegenwärtig – durch den auftrumpfenden, aber immer selbstironischen Manfred Krug.

Einzige Leiche in seinem Keller: „Der Kinnhaken“ (1962), auch noch selbst mitgeschrieben, eine propagandistische Verteidigung des Mauerbaus. Krug selbst war am 13. August 1961 bei seiner Mutter im Westen – und kehrte zurück. Seine Illusionen über die DDR gingen mit dem Verbot von „Spur der Steine“, Prag 1968 und der Biermann-Ausbürgerung restlos verloren. Das berüchtigte 11. Plenum des ZK der SED von Dezember 1965 traf ihn gleich mehrmals – mit „Spur der Steine“, mit „Fräulein Schmetterling“ (abgebrochen), mit „Wenn du groß bist, lieber Adam“ (25 Jahre Panzerschrank) und „Abschied“ (verbannt nach hirnrissiger Diskussion).

Einen Karriereknick verursachte das bei Krug nicht. Er war klassenbewusster Arbeiter („Die Fahne von Kriwoj Rog“) und linientreuer, wenn auch etwas anderer Genosse in den TV-Mehrteilern „Wege übers Land“ und „Die Verschworenen“. Erst nach der Biermann-Ausbürgerung ging es nicht weiter. Manfred Krug protestierte. Die Reaktion kam umgehend: zwei Filme auf Eis („Feuer unter Deck“, „Das Versteck“), das Fernsehen streicht seinen Götz von Berlichingen und den Michael Kohlhaas, von 15 Jazzkonzerten dürfen neun nicht stattfinden, der Rest wird Stasi-observiert.

"Auf Achse" und "Liebling Kreuzberg"

So reist Manfred Krug am 20. Juni 1977 mit Ehefrau Ottilie, drei Kindern, der Haushälterin und seinen Oldsmobilen nach Westberlin aus. Legendär sein Talkshow-Auftritt am 4. Juli 1977 neben Klaus Kinski. Er ist in der „Sesamstraße“, geht 1978 als Serien-Fernfahrer „Auf Achse“ und streitet ab Mitte der 80er als Serien-Anwalt der kleinen Leute in „Liebling Kreuzberg“. Da ist er endgültig auch im Westen ein Star. Als er 1996 „Abgehauen“ vorlegte, das Protokoll seines Weggangs und einer heimlich mitgeschnittenen SED-Aussprache mit Künstlern, machte sich erstmals der Autor Krug bemerkbar, ein locker-kurzweiliger Plauderer, ein pointiert-witziger Erzähler. So zeigte er sich auch in seinen Erinnerungen „Mein schönes Leben“ und seinen Geschichten „Schweinegezadder“.

Im wiedervereinigten Kino spielte er keine Rolle mehr, sowohl „Neuner“ (1990) als auch „Der Blaue“ (1994) gingen unter, allerdings legte er sich bei der Berlinale kräftig mit den Kritikern an. In den letzten Jahren tourte er immer mal wieder in Jazz, zuletzt mit Uschi Brüning. Am 9. April gab es das letzte Konzert in Stendal, am 5. Dezember sollte es weitergehen. Der Tod trat dazwischen. Bereits am Freitag, wie erst gestern bekannt wurde, verstarb Manfred Krug, der einen Schlaganfall gut überstanden hatte – mit 79 Jahren.

Norbert Wehrstedt

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