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Der hohe Ton der Kritik: Literaturpapst Marcel Reich-Ranicki ist 90

Der hohe Ton der Kritik: Literaturpapst Marcel Reich-Ranicki ist 90

Literaten haben ihm Bücher gewidmet und Kabarettisten Parodien, das Jüdische Museum in Frankfurt richtet ihm eine Ausstellung ein und Kulturstaatsminister Bernd Neumann Glückwünsche aus: am 2. Juni 2010 feiert Marcel Reich-Ranicki seinen 90. Geburtstag.

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Der bekannte Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki feiert am 2. Juni 2010 seinen 90. Geburtstag.

Quelle: dpa

Leipzig. Er fürchte sich vor den Feierlichkeiten, hat er noch vor einer Woche gesagt, denn bei solchen Anlässen gebe es "erfahrungsgemäß die Gefahr von Intrigen". Doch auch an die habe er sich inzwischen gewöhnt, sich von jeher als Außenseiter gefühlt. Dass er sich so fürchtet, entbehrt nicht der Komik. Denn mehr noch ist er doch gefürchtet – seiner Verrisse wegen und wegen einer Meinung, an der er keine Zweifel lässt. Wegen solcher Sätze auch: "Manchmal ist eine Schreibblockade für die Leser ein Segen, das wollen wir nicht vergessen." Die Autoren, hat Ulla Hahn mal gesagt, "nehmen Reich-Ranicki als Kritiker nicht mehr ernst, aber wir fürchten seine Macht."

Marcel Reich-Ranicki ist so umstritten wie gesucht, so populär wie einflussreich. Auch wenn seine Eruptionen in den vergangenen Jahren manchmal wie Persiflagen ihrer selbst wirken. Etwa im Oktober 2008, als er den deutschen Fernsehpreis nicht annahm, weil er sauer war auf all den "Blödsinn, den wir hier zu sehen bekommen haben". Es sollte eine Würdigung sein der "Gesamtausgabe Reich-Ranicki", ein Dank für die 77 Sendungen, in denen er – mit den Kollegen – im Literarischen Quartett 385 Bücher besprochen hat, eine Anerkennung für die geistreiche TV-Unterhaltung, mit der er Maßstäbe setzte, weil sie eine Streitkultur pflegte und nicht den Krawall.

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Moderator Thomas Gottschalk guckt verdutzt, als der Kritiker "MRR" am 11. Oktober 2008 den Deutschen Fernsehpreises für sein lebenswerk ablehnt.

Quelle: dpa

Am 2. Juni 1920 in Wloclawek an der Weichsel geboren, kommt er mit neun Jahren nach Berlin, wird von den Nazis 1938 nach Polen ausgewiesen, flüchtet mit seiner Frau Tosia aus dem Warschauer Ghetto und überlebt im Untergrund. Seit 1958 lebt er wieder in Deutschland, schreibt zunächst für Die Zeit und leitet dann bis 1988 die Literaturredaktion der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ). Dann kommt das Fernsehen und damit der Ruhm. Der hohe Wiedererkennungswert seiner Polemik, seine berühmten Anreden "Liebe" oder "Lieberrr", die es ihm ersparten, sich mit Namen aufzuhalten, seine mit vollen Händen vergebenen Lobe und Tadel – all das macht ihn zur Marke MRR, die er gern auch pflegt. Schließlich gebe es ohne Eitelkeit kein Schreiben, sagt er der Weltwoche, "egal ob Autor oder Kritiker – Eitelkeit muss dabei sein. Sonst entsteht nichts."

In den späten 70ern bekommt ein junger Bewerber auf eine Redakteursstelle von ihm zu hören: "Wollen Sie die Welt verbessern? Lassen Sie das lieber – einer meiner Vorfahren hat’s versucht, den haben sie ans Kreuz genagelt." Überliefert ist dieses Bonmot im Anekdoten-Buch "Fabelhaft! Aber falsch!", zusammengetragen von Franz Josef Görtz, einst Kollege bei der FAZ.

Schon bei diesem "Fabelhaft!" sieht man Reich-Ranickis Zeigefinger Richtung Himmel stoßen, beim "Aber falsch!" darauf bedenklich pendeln. Ein Ausrufezeichen gehört wohl hinter jeden zweiten seiner Sätze, das kann auch mal ein Halbsatz sein: "Jeder Roman heute! – bitte nicht Zauberberg oder Buddenbrooks –, der mehr als fünfhundert Seiten umfasst, ist schlecht. Bis zum Gegenbeweis werde ich das wiederholen." Starke Worte.

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Literaturkritiker Reich-Ranicki bedankt sich am 30. Mai in Frankfurt am Main bei seinem Kollegen Hellmuth Karasek nach dessen Rede. Dort wurde die Ausstellung „Für Marcel Reich-Ranicki“ eröffnet.

Quelle: dpa

Jeder Kritiker wisse aus Erfahrung, sagt MRR, "dass es zahllose Situationen gibt, in denen Höflichkeit dem Autor gegenüber nur auf Kosten der Wahrheit möglich ist." Er stellt sich, nicht nur bei Grass und Walser, auf die Seite dieser, seiner Wahrheit. Ein Kritiker sei kein Richter, er sei der Staatsanwalt oder der Verteidiger. Die Anekdoten von den Redaktionsfluren, aus Taxi-Zentralen und Quartett-Sendungen erzählen von einem einerseits pointiert auftrumpfenden, andererseits mitfühlenden Menschen.

Was den umtreibt, wollten viele wissen, seine Autobiographie "Mein Leben" hat sich millionenfach verkauft. Hinter diesem Buch stehe übrigens nicht das Bedürfnis der Verleger, der Nation seine Biografie zugänglich zu machen. "Nein, dahinter verbirgt sich das dringende Bedürfnis der Verleger, Geld zu verdienen."

Wer so zuspitzt, liebt auch Feinde. Der Streit mit Martin Walser ("Tod eines Kritikers") ist bis heute nicht beigelegt. Sigrid Löffler verließ das Literarische Quartett unversöhnt mit MRRs Worten, sie sei „blind und taub“ gegenüber erotischen Qualitäten. Selbst sein Schweigen kann verletzend sein. Als Herta Müller den Literaturnobelpreis zugesprochen bekommt, lässt Reich-Ranicki sich zitieren mit dem Satz "Ich will nicht über die Herta Müller reden." Doch er kann auch Irrtümer eingestehen, denn, sagt er: "Aufrichtigkeit ist die erste Pflicht des Kritikers." Er trifft ihn, diesen hohen Ton. Das macht ihn groß.

Am 6. Juni, 13 Uhr, überträgt das ZDF live aus der Paulskirche in Frankfurt am Main die Verleihung des Ludwig-Börne-Preises an Marcel Reich-Ranicki

Ausstellung „Für Marcel“ mit Bildern, Karikaturen und Büchern im Museum Judengasse, Kurt-Schumacher-Str. 10, in Frankfurt am Main: bis 5. September, Di bis So 10–17 Uhr, Mi 10–20 Uhr

Franz Josef Görtz: Fabelhaft! Aber falsch! Marcel Reich-Ranicki in Anekdoten. DuMont Verlag; 142 S., 12,95 Euro

Janina Fleischer

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