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Der kategorische Ensikativ - Kabarettautor Peter Ensikat ist tot

Der kategorische Ensikativ - Kabarettautor Peter Ensikat ist tot

Einer der bedeutendsten deutschsprachigen Kabarett-Autoren ist gestorben: In der Nacht zu gestern schlief Peter Ensikat (71) in der Berliner Charité nach schwerer Krankheit ein.

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Bescheiden, klug, scharfsinnig: Theater- und Kabarett-Autor Peter Ensikat.

Quelle: dpa

Er hinterlässt tiefe Spuren, die das Genre geprägt haben.

In den Taumel der allgemeinen Revolutions-Euphorie fiel er, der Dialog zwischen dem westdeutschen Kabarettisten Dieter Hildebrandt und dem Ost-Berliner Ensikat: "Willst du dich mit mir vereinigen?", fragte Hildebrandt dezent argwöhnisch. Ensikat entschieden: "Nee!" - "Gut, dann können wir ja Freunde bleiben."

Freunde sind sie geblieben bis zum Schluss. Noch in der vergangenen Woche besuchte der Erfinder des "Scheibenwischer" den Erkrankten. Ihr gemeinsames Buch, das nun im Herbst statt im Mai erscheinen soll, bekommt ein noch ungeschriebenes Abschieds-Kapitel dazu. "Wie haben wir gelacht: Ansichten zweier Clowns" ist ein Sammelsurium von Lebens- wie Bühnenerfahrungen durch die Ost- und die West-Brille gesehen. Zur gerade beendeten Leipziger Buchmesse standen Lesetermine an, die Ensikat absagen musste.

Der 1941 in Finsterwalde geborene Ensikat kam zum Schauspielstudium nach Leipzig. Hier verfasste er Texte für das Studentenkabarett "Rat der Spötter" - mit Folgen: Die Gruppe wurde 1961 verboten. In den 70ern und 80ern stand sein Name DDR-weit in den Programmheften der Brettl-Bühnen, parallel schuf er Kindertheaterstücke und Märchen - eine Zuflucht abseits der politisch ambitionierten und daher beargwöhnten Zuspitzungen.

Bei der Dresdner Herkuleskeule gehörte Ensikat zu den Stammschreibern. Manche Stücke übernahm auch Leipzig, beispielsweise "Auf dich kommt es an, nicht auf alle", das in der Regie von Frank Beyer ("Spur der Steine", "Jakob der Lügner") Pfeffermühlen-Premiere im Juli 1987 feierte. Im Wende-Herbst gehörte Ensikat zu den Organisatoren der Demonstration am 4. November auf dem Berliner Alexanderplatz mit Hunderttausenden Teilnehmern. Er forderte einen selbstbewussten, aber auch selbstkritischen Umgang der Ostdeutschen mit ihrer Vergangenheit.

Kabarettistisch flankierte der meistgespielte Autor der DDR den Vereinigungsprozess in der Sendung "Scharfer Kanal". Von 1999 bis 2006 leitete er die Distel künstlerisch, schrieb bis zuletzt regelmäßig Bücher. Die bekanntesten dürften "Hat es die DDR überhaupt gegeben?" und "Populäre DDR-Irrtümer. Ein Lexikon" sein.

Dieser sensible, sympathische, uneitle und eher stille Mann trieb die seltene Kunst, Kritik in einen Duktus der spielerischen Harmlosigkeit zu packen, zur Meisterschaft. Der kategorische Ensikativ, er hob Befindlichkeiten und unbequeme Wahrheiten auf die Bühne, ohne apodiktisch zu wirken. Satire voller Scharfsinn, doch ohne Schaum vor dem Mund, eher mitleidig ob der schwächelnden geistigen Ausstattung der Entscheidungsträger da oben.

Ensikat dröselte lakonisch Tatsachen auf, durchzogen von beißender Ironie. Mit Verboten und staatlicher Einmischung hatte er regelmäßig zu tun. Dass er dennoch 1988 zusammen mit Kollegen den Nationalpreis der DDR erhielt, machte ihn stutzig. Er sah die These von der Systemstabilisierung durch Kritik fatal bestätigt. Seine Satire habe den DDR-Bürgern in Wahrheit vor allem dabei geholfen, das Regime mit Gelächter hinzunehmen, befürchtete er etwas zu selbstgeißelnd.

Das Zweifeln nicht nur an anderen - ein ausgeprägter Wesenszug Ensikats. "Das einzige, woran ich glaube, ist der Zweifel", so sein Credo. Das Unbehagen über den Qualitätsverlust des gesamtdeutschen Kabaretts artikulierte er auf seine Art. Ebenfalls nicht anklägerisch und trotzdem deutlich: "Es gelingt enorm vielen Kabaretts, Programme ohne Inhalt zu machen", konstatierte er, verfiel aber auch auf diesem Terrain nicht in ostalgische Larmoyanz. Davor hat der Vater zweier erwachsener Söhne immer gewarnt. "Wir waren nicht nur die unterdrückten, notleidenden Opfer, die in Geiselhaft gehalten wurden", heißt es in seinem Buch "Das Schönste am Gedächtnis sind die Lücken".

Seine gedruckten Analysen präsentierte Ensikat unter anderem bei Besuchen zur Buchmesse in der LVZ-Autorenarena; 2011 mit der herrlichen Replik auf westdeutsches Kluggeschwätz ("Ihr könnt ja nichts dafür!"), im vergangenen Jahr an der Seite von Egon Bahr ("Gedächtnislücken - Zwei Deutsche erinnern sich").

Als einer der wenigen Ostdeutschen hat ihn das Deutsche Kabarettarchiv in Mainz mit einem Stern auf dem Kabarett-"Walk of Fame" geehrt. Auch ohne diese Auszeichnung bildet Peter Ensikat ein ausführliches, unverzichtbares Kapitel in der deutschen Kabarett-Historie. Und er bleibt präsent in den Spielplänen: Zur neuen Academixer-Produktion "Sitzenbleiber", die am 31. März Premiere hat, gehört ein vertontes Gedicht von ihm.

Wer weiß, vielleicht beruft man sich eines revolutionären Tages auf den Satz, den der Autor, der messerscharf auch die Schwachstellen des Kapitalismus tranchierte, 2011 im LVZ-Interview gesagt hat: "Mir fällt auf: Es gibt wieder politische Witze. So hat das in der DDR auch angefangen.

Ein Video von einem Interview mit Peter Ensikat in der LVZ-Autorenarena der Buchmesse steht auf www.lvz-online.de/kultur

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 20.03.2013

Mark Daniel

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