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Der letzte Rocker - ein persönlicher Abschied von Lemmy Kilmister

Konzerte in Roitzschjora Der letzte Rocker - ein persönlicher Abschied von Lemmy Kilmister

LVZ-Redakteur Andreas Debski hat Motörhead bei einem Dutzend Konzerten erlebt. Vom gerade verstorbenen Frontmann Lemmy Kilmister nimmt er auf ganz persönliche Weise Abschied.

Lemmy Kilmister 2014 in Roitzschjora.

Quelle: Susanne Richter

Leipzig. Sommer 2014. Es war der 6. Juli, kurz vor 22 Uhr, ein Sonntag. Motörhead sollten den Rausschmeißer für das With Full Force, Ostdeutschlands größtes Metal-Festival in Roitzschjora (Nordsachsen), geben. Ein Jahr zuvor hatte die Band wegen schwerer Gesundheitsprobleme ihres Frontmannes Lemmy Kilmister absagen müssen. Nun wurde der Auftritt nachgeholt. Vor der Bühne versammelten sich mehr als 20 000 Menschen, um einer gerade noch lebenden Legende zu huldigen.

Lemmy schleppte sich auf die Bühne, stakste auf noch dünneren Beinen als sonst zum Mikrofon. Die Offiziersmütze thronte wie eine schiefe Krone auf seinem viel zu klein gewordenen Kopf. Groß war er noch nie gewesen, aber nun sah Lemmy, Bassist und Nuschler der dienstältesten Speed-Rock‘n‘Roll-Kapelle diesseits des Horizonts, wie geschrumpft aus. Neben seinen Füßen pumpte ein Schlauch immer wieder Sauerstoff in die Höhe, zu seiner Kehle, aus der traditionell zu Konzertbeginn das „We are Motörhead. And we play Rock‘n‘Roll“ knarzte. Alles sollte wie immer sein – doch das war es nicht. Selbst ein Mr. Kilmister konnte dem körperlichen Verfall nur trotzen. Das wurde schon an jenem Abend traurige Gewissheit. Männer, die mit Lemmy alt geworden waren, hatten Tränen in den Augen. Auch ich. Es war mein letztes von einem Dutzend Motörhead-Konzerten.

Anderthalb Jahre später ist nun das Unausweichliche, ja, das Absehbare eingetreten. Und dann doch plötzlich und unerwartet. Der Magen krampft, ein Gefühl der Leere übermannt mich, wie wohl jeden, der auch nur im Entferntesten etwas mit Stromgitarren und Rock’n’Roll gemein hat. Lemmy ist tot.

Er durfte zu Heiligabend noch seinen70. Geburtstag feiern. Vier Tage darauf erlag dieser edle Wilde, dessen ständige Begleiter Alkohol und Drogen gewesen sind, einem gerade erst diagnostizierten, aggressiven Krebs. Ihm war es zwar nicht vergönnt, auf der Bühne dahinzuscheiden, wie er es sich zuletzt immer wieder gewünscht hat – doch zu Hause, auf dem Sofa, bei einem „The Rainbow“-Match auf der Spielekonsole dürfte für ihn auch keine schlechte Alternative sein. Zu Zeiten des Kalten Krieges hieß es, Kakerlaken könnten vielleicht den Atomschlag überleben – neben Lemmy selbstverständlich. Den Kalten Krieg und auch etliche Kakerlaken hat er zumindest deutlich abgehängt.

Eine lange Leidensgeschichte liegt nun hinter ihm. Nach Herz-Rhythmus-Störungen wurde Lemmy 2013 ein Schrittmacher eingepflanzt, danach hatte er einen Leistenbruch und zu schlechter Letzt auch noch Nierenversagen, dazu in den vergangenen Jahren schweren Diabetes. Über viele Monate hinweg hatte dieser stets fröhliche Mann sein Grinsen aus dem Gesicht gewischt. „Der Tod ist unausweichlich, oder? Es wird einem mehr bewusst, wenn man in mein Alter kommt. Ich mache mir deswegen aber keine Sorgen. Ich bin bereit dafür“, sagte Lemmy dem Magazin „Rolling Stone“ vor einiger Zeit.

Wodka aus gesundheitlichen Gründen

Dennoch verzichtete der nicht gerade als Kostverächter bekannte Brite, Vater von zwei Kindern, seit den schweren Erkrankungen auf sein Lieblingsgetränk Whiskey. Er trinke jetzt Wodka – „aus gesundheitlichen Gründen“, ließ er durchblicken. Auch das Rauchen reduzierte er von zwei Päckchen Marlboro Red pro Tag deutlich. „Nennen wir es beim Namen: Es macht nicht sehr viel Spaß.“ Motörhead, die lauteste Band der Welt – mit Tinnitus-Garantie –, hatte da schon 40 Jahre auf dem Buckel und 22 zum Teil wegweisende Alben eingespielt. Es mag viele Rockstars geben – doch Lemmy war Rock. So, wie es wohl inzwischen keinen Zweiten mehr gibt. Er war aber auch und vor allem ein Mensch. Kein Kunstprodukt, kein Markenmännchen. Niemand, den man anbetete – sondern jemand, den man lieben musste. Und, er wurde gerade in den letzten beiden Dekaden zum Würdenträger einer Welt, die noch viel unmenschlicher ist, als er sie je hätte besingen und vertonen können. Dass sogar Teenies übergroße Motörhead-Shirts im H&M-Ausverkauf erstanden und die Feuilletons ihm huldigten, ertrug dieser Mann mit einer gewissen Altersmilde. Was scherte ihn die Welt?

Wie schwer der Verlust wiegt, zeigen die Reaktionen. Von Ozzy Osbourne über Paul Stanley bis Billy Idol reichen die Kondolenzschreiben. Roland „Bogo“ Ritter, einer der drei Geschäftsführer des With Full Force, bringt es auf den Punkt: „Eine Ikone ist gegangen. Für den Rock ist Lemmys Tod ein schwerer Verlust. Es grenzt aber auch an ein Wunder, dass er überhaupt so lange durchgehalten hat.“ Die beiden verbliebenen Motörheads Mikkey Dee und Phil Campell posten: „Spielt Motörhead laut, spielt Lemmys Musik laut. Genehmigt euch einen Drink oder mehrere.“ Genauso soll es sein.

Bei seinem letzten Auftritt in Mitteldeutschland, 2014 in Roitzschjora, schaffte Lemmy gerade mal eine Stunde. Tausende waren hin- und hergerissen. Sehr viele empfanden einfach nur Mitleid mit diesem Mann, ohne den es keinen Heavy Metal gegeben hätte und der schlichtweg nicht aufhören konnte oder wollte. Seine letzten Worte klingen damals wie heute nach: „Dont’t forget Motörhead.“ Ja, das verspreche ich.

Die für Februar geplanten Motörhead-Konzerte – unter anderem in Chemnitz – sind selbstredend abgesagt worden. Für in LVZ-Geschäftsstellen erworbene Tickets wird dort ab der nächsten Woche der Kartenpreis zurückerstattet.

Andreas Debski

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