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„Der nackte Wahnsinn“ beendet erfolgreiches Halbjahr am Schauspiel Leipzig

Besucherplus am Theater „Der nackte Wahnsinn“ beendet erfolgreiches Halbjahr am Schauspiel Leipzig

Auf einen erfolgreichen Theaterherbst blickt das Leipziger Schauspiel zurück. Das Haus verweist auf steigende Besucherzahlen und großes Interesse des überregionalen Feuilletons. Zum Jahresende inszeniert Intendant Enrico Lübbe den Komödien-Klassiker „Der nackte Wahnsinn“ von Michael Frayn.

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Bis Silvester muss alles fertig sein: Auf der großen Bühne des Schauspiel laufen in diesen Tagen die Endproben des Klassikers „Der nackte Wahnsinn“.

Quelle: Foto: Rolf Arnold / Schauspiel Leipzig

Leipzig. Ist der erste Dominostein erst angestoßen, fällt die ganze Reihe. Im Idealfall schnurrt ebenso bruchlos, temporeich und zielsicher die Komödie „Der nackte Wahnsinn“ ab, der perfekt durchkomponierte Klassiker von Michael Frayn, 1982 mit dem Originaltitel “Noises off“ uraufgeführt, zehn Jahre später von Peter Bogdanovich verfilmt. Zu Silvester feiert „Der nackte Wahnsinn“ Premiere am Leipziger Schauspiel.

Es ist ein Stück über das Theater. Und es ist „eine Liebeserklärung an das Theater“, findet Enrico Lübbe, Schauspiel-Intendant und Regisseur der Produktion. In seiner Wunschkiste der Stoffe, die er einmal bearbeiten möchte, lag der Frayn-Text schon lange. Ursprünglich habe er immer gedacht, man müsse ein bisschen älter sein, „ein alter Theaterhase“, bis man als Regisseur zugreifen dürfe. Die Gelegenheit zu Silvester lässt er sich jetzt aber nicht entgehen.

Das Stück im Stück heißt „Nackte Tatsachen“. Eine Boulevard-Komödie, mit der Dotty Otley ihr Comeback feiern will. Doch die Schauspieler, die sie unter Vertrag nimmt, sind eher zweitklassig. Und dazu noch in mehr oder minder aktuelle amouröse Verbindungen mit Otley verstrickt, was die künstlerische Arbeit nicht leichter macht. Frayn jongliert vor diesem Hintergrund mit Theaterklischees und den Möglichkeiten des Scheiterns. Was auf die Spitze getrieben wird, wenn das Publikum im zweiten Akt das sonst versteckte Geschehen hinter der Bühne erlebt.

Lübbe schwärmt von der Konstruktion des Klassikers. Eindeutige Vorgaben des Autors müssten bedient werden. Präzises Handwerk sei gefragt, nicht die große Kreativität. Anders gesagt: „Wenn man versucht, das Stück gegen den Strich zu bürsten oder eine Überkonzeption einzubauen, dann fällt es einem auf die Füße. Es ist großes Timing gefragt. Bei den Proben kam ich mir manchmal vor wie ein Monteur am Fließband.“

Ob am Fließband alles richtig zusammengeschraubt wurde, erlebt das Publikum am Silvesterabend. Und mit dem Jahreswechsel ist die gefühlte Mitte der auf fünf Jahre fixierten Lübbe-Intendanz erreicht. Da darf man die Pep-Guardiola-Frage vorsichtig stellen: Geht Lübbe oder bleibt er in Leipzig?

Er hält sich bedeckt. Aber die Argumente für eine Fortsetzung des Vertrags sind gut. Die aktuelle Saison hat dem Theater gute Besucherzahlen beschert. „Wir steuern gerade auf eine Auslastung von über 80 Prozent zu. Auch wirtschaftlich ist das Haus durch die Erfolge der letzten Spielzeiten auf eine solide Basis gestellt“, sagt Lübbe. Philipp Preuss’ alptraumhafter „Sommernachtstraum“ wurde zwar kontrovers aufgenommen, weckt aber großes Publikumsinteresse. Ebenso strömt das Publikum zu „Die Schutzflehenden / Die Schutzbefohlenen“, Lübbes erste Regiearbeit der Spielzeit. Kurz vor Weihnachten vermeldete auch der Schauspiel-Jugendclub einen Erfolg. Mit der Produktion „Wunderland“ wurde er als einer von sechs Clubs zum Bundestreffen der Theater-Jugendclubs eingeladen.

Nicht nur die Besucherzahlen stimmen, auch das überregionale Feuilleton schaut genau hin. Die „Welt“ glaubt sogar, eine Entwicklung zur „interessantesten Bühne im deutschen Osten“ zu erkennen. Im Fokus stehen Großproduktionen ebenso wie die Uraufführungs-Schiene in der „Diskothek“. Dass dort Entdeckungen gemacht und junge Autoren gefördert werden, hat sich herumgesprochen. Zuletzt hat das Auftragswerk „Der Herzerlfresser“ von Ferdinand Schmalz, übermütig inszeniert von Gordon Kämmerer, Publikum und Journalisten angelockt. Am 20. Februar ist die Uraufführung von Wolfram Hölls „Drei sind wir“ zu sehen. Ebenfalls eine Auftragsarbeit für einen jungen Autor, dessen Erstling in Leipzig gespielt wurde und Auszeichnungen erhielt.

Der Erfolg der Autorenschiene ist auch ein gewichtiges Argument, um die letzte Hürde für eine permanente Zweitspielstätte zu nehmen. Ab der Spielzeit 2017 könnte dort gespielt werden. Der entscheidende Stadtratsbeschluss, der grünes Licht für den Umbau im Erdgeschoss des Schauspielhauses geben muss – ursprünglich noch für dieses Jahr angesetzt – wurde ins kommende Jahr verschoben. Lübbe sieht dem Termin gelassen entgegen. „Aus dem Stadtrat haben wir positive Reaktionen bekommen“, sagt er.

Jetzt gilt die Konzentration aber dem letzten Feinschliff an „Der nackte Wahnsinn“. Unter den neun Schauspielern ist Andreas Keller der einzige, der das Stück vor Jahren in Magdeburg bereits gespielt hat. Der Rest betritt Neuland. Mit dem Stück und zum Teil mit der großen Bühne. Katharina Schmidt und Sophie Hottinger, beide seit diesem Jahr im Ensemble, haben sich bisher in Claudia Bauers „Die Ermüdeten oder Das Etwas, das wir sind“ nur auf der „Diskothek“-Bühne gezeigt. Sierk Radzei stößt als Gast zu „Der nackte Wahnsinn“ dazu.

Für Frayns wildes Spiel mit den Unbilden des Theaters dürften alle gut gerüstet sein. Bei einer Probe vor Kollegen schrillte der Feueralarm. „Mitten im dritten Akt, wenn es sowieso drunter und drüber geht“, erzählt Lübbe. „Ich musste erst erklären, dass das keine Regieidee ist und wir das Haus verlassen müssen.“

„Der nackte Wahnsinn“, 31. Dezember., 19.30 Uhr, im Rahmen der Schauspiel-Silvesterfeier, nur Restkarten; nächster Termin: 10. Januar, 19.30 Uhr; Kartentel: 0341 1268168

Von Dimo Riess

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