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„Der nackte Wahnsinn“ feiert furiose Premiere am Schauspiel Leipzig

Premiere „Der nackte Wahnsinn“ feiert furiose Premiere am Schauspiel Leipzig

Was kommt heraus, wenn zweitklassige Schauspieler mehr mit ihren privaten Problemen als mit dem Stück beschäftigt sind? Die wunderbare Komödie „Der nackte Wahnsinn“. Am Schauspiel feierte sie am Silvesterabend eine hoch komische und detailverliebte Premiere in der Regie von Intendant Enrico Lübbe.

Die Kontaktlinsen sind mal wieder verloren gegangen, und das Team rutscht auf Knien über die Bretter.
 

Quelle: Rolf Arnold / Schauspiel

Leipzig.  Was die Kettensäge für den Splatterfilm, ist die Tür für die Theaterkomödie. Acht davon sind in die zweistöckige Kulisse montiert bei „Der Nackte Wahnsinn“ am Leipziger Schauspiel. Zur Premiere am Silvesterabend klappern sie fortwährend, die acht Türen, und spucken neun Schauspieler aus, als arbeite ein Präzisions-Uhrwerk in der Komödien-Mechanik. Die Bravo-Rufe bereits zur Pause sind nicht Ergebnis einer von Glitzerpuscheln im Foyer unterfütterten Silvester-Stimmung, sondern einem Timing geschuldet, das den rasanten Slapstick-Dreiakter phasenweise fast rauschhaft abspult.

Dabei stammt die Grundstory auf den ersten Blick aus der Komödienmottenkiste. Inhaltlich (amouröse Verwicklungen, groteske Missverständnisse, dilettantisches Scheitern), formal (ein Stück im Stück: Schauspieler spielen Schauspieler) und requisitorisch (klapperndes Türentheater).

Kamin, Jagdszenen in Öl und die Trophäe an der Wand. Die Bühne von Etienne Pluss verströmt einen Hauch englische Landsitz-Atmosphäre. Hier regiert Haushälterin Mrs Clackett (Bettina Schmidt), die, so beginnen die Verwicklungen, sich unerwartet noch im Haus befindet. Makler Roger Tramplemain (Denis Petkovic) soll die Immobilie vermieten, gibt sie für ein Stelldichein mit Vicky (Katharina Schmidt) aber als eigenes Domizil aus. Ebenso wähnt sich das Schriftstellerpaar Flavia (Sophie Hottinger) und Philip Brent (Sebastian Tessenow), Eigentümer des Hauses, aber offiziell im Ausland, allein. Lange dauert es nicht, bis sich zu den Fünfen, die sich knapp verfehlen, noch ein Einbrecher (Andreas Keller) gesellt. Sardinenteller, Taschen und abgelegte Kleider verschwinden und tauchen wieder auf.

Darum dreht sich„Nackte Tatsachen“, das Stück im Stück. Ein Plot von der Stange, der dadurch vom Boulevard-Klamauk zur Spitzen-Komödie wird, weil er auf der Bühne entlang der Stationen Hauptprobe, Aufführung, Abschlussvorstellung in sich steigernden Qualitätsstufen zur Farce gerät. Weil die Schauspieler mit privaten Problemen aneinander geraten und sich das Publikum am großen Scheitern delektiert. Da kann Regisseur Lloyd Dallas (schön überheblich: Wenzel Banneyer) noch so rustikal aus den Publikumsreihen auf die Bühne brüllen „stell’ dir einfach vor, du seist Schauspieler!“ – es wird nichts.

Michael Frayn hat mit der Verzahnung der Spielebenen und genialen Perspektivwechseln ein Meisterwerk geschaffen. Ein Klassiker ist seit der Uraufführung 1982 daraus geworden, der auf den Bühnen aber keineswegs immer aufblüht. Im Schauspiel tut er es.

Intendant Enrico Lübbe ist kein Regisseur, der mit jeder Inszenierung zwanghaft die Welt erklären oder am eigenen Künstlerdenkmal bauen muss. Anders gesagt: Lübbe weiß sich in den Dienst der Vorlage zu stellen, wenn er sie als gelungen betrachtet. Eine gute Voraussetzung für eine Komödie wie „Der nackte Wahnsinn“, deren präzise Konstruktion durch jeden Eingriff leicht ins Wanken gerät. Wie ein Monteur am Fließband sei er sich bei den Proben vorgekommen, hatte Lübbe kurz vor der Premiere verkündet. Was nach einer einfachen Übung klingt – bis man gesehen hat, wie schnell sich das Fließband drehen kann.

Spätestens als Vicky zum ersten Mal ihre Kontaktlinsen verliert und das Ensemble in einer bizarren Kriech-Choreografie die Nase über die Bretter schiebt, ist der Bann gebrochen. Dann zündet auch die erwartbare Pointe, dass die Linse noch am Augenlid klebt.

Das Ensemble harmoniert, zieht das Tempo an und stürmt in orchestrale Präzision durch den zweiten Akt. Der Clou: Dank gedrehter Kulisse erlebt das Publikum das Geschehen auf der Hinterbühne, während parallel die bekannte Handlung ins Off gespielt wird. Es gilt jedes Mal rechtzeitig den Auftritt durch die richtige Tür zu finden. Was so leicht nicht ist, wenn man gerade in einen Kaktus gefasst hat oder mit der Hacke ausholt, um den Nebenbuhler zu erschlagen. Oder sich Dotty den Scherz erlaubt, dem Kollegen die Schuhe aneinanderzuknoten. Das ist ein übermütiges Ideenfeuerwerk. Und Leistungssport, wie Petkovic seinen Tramplemain-Auftritt mit verknüpften Füßen hüpfend abspult.

Die besagte Hacke wirbelt von Hand zu Hand und schwingt immer knapp an Kopf und Katastrophe vorbei. Chaplinesk verschwindet die Whiskyflasche immer knapp vor dem Zugriff des Alkoholikers Selston. Und als hätten die Schauspieler nicht schon genug Ärger, mischen hinter der Bühne mit Privatzwistigkeiten Regisseur, Assistentin (Julia Preuß) und Inspizient Tim (Sierk Radzei) mit. Katharina Schmidt glänzt als schrilles Dummchen, die auch im dritten Akt unverdrossen ihren Text deklamiert, obwohl er längst jede Anbindung an das Bühnen-Tohuwabohu verloren hat. Die Kollegen improvisieren krampfhaft, um den entkoppelten Szenen und falschen Requisiten einen Funken Sinn zu verleihen.

Das ist perfektes Scheitern. So wie Loriot im Sketch „Das Bild hängt schief“ in den Schlund des Chaos rutscht und ein Zimmer ruiniert, verstricken sich die Schauspieler unaufhaltsam ins Unheil. Und wie im Loriot-Kosmos speist sich ein Teil der Komik aus dem grotesken Versuch der Figuren, nach Außen den Schein der Normalität aufrecht zu erhalten. So erhebt sich die furiose Komödie über den reinen Klamauk. Und sie feiert das Theater, an dem manchmal zu verbissen gekämpft, um das gern zu verbissen diskutiert wird. Bei dieser rund zwei Stunden und 40 Minuten währenden Inszenierung hat sich das Ringen um jedes Detail gelohnt. Vom Programmheft, in dem Theaterleute von ihren schönsten Pannen erzählen, bis zur durchchoreografierten Applausordnung.

Kommende Aufführungen: 10. und 30. Jan., 7. und 19. Feb., jeweils 19.30 Uhr, Schauspielhaus (Bosestr. 1); Kartentel: 0341 1268168

Von Dimo Riess

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