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Der nächste Bus nach Luhansk

Zwei neue Ausstellungen der GfZK thematisieren die jüngere Geschichte Der nächste Bus nach Luhansk

Die Leipziger Galerie für Zeitgenössische Kunst würdigt einen verfolgten Filmemacher von der Krim und eine Hotel-Legende im Salzburger Land

Blick in „Sentsovs Camera“.
 

Quelle: Kempner

Leipzig.  Eine junge Frau fragt in Kiew nach, wann der nächste Bus nach Luhansk fährt. Als sie dann den angeblich richtigen Schalter gefunden hat, wird sie von der Angestellten zunächst entgeistert angesehen, dann schließt diese wortlos das Fenster. Was wie die Szene aus einem Buñuel-Film wirkt, ist Alltag in der heutigen Ukraine und Ausschnitt aus dem im Kollektiv um Artur Žmijewski entstandenen Streifen „Der Krieg in Kiew“. Direkte Kriegshandlungen sind in dem Video nicht zu sehen, stattdessen mehr oder weniger verzweifelte Versuche, das Land immer noch als Einheit zu betrachten.

Der Ausstellungstitel, bezogen auf den Filmemacher Oleg Sentsov, ist doppeldeutig. Mit der „Camera“ ist zunächst sein bevorzugtes Arbeitsmittel gemeint, zugleich aber auch der geschlossene Raum. Sentsov wurde 2014 in seiner Heimat, der Krim, vom russischen Geheimdienst entführt und in einem Schauprozess wegen angeblicher Organisation einer terroristischen Gruppe zu zwanzig Jahren Strafkolonie verurteilt.

Künstler aus verschiedenen Ländern, die sich auf metaphorische Weise mit (Halb-)Inseln wie auch Kammern beschäftigen, wurden von der Kuratorin Katerzyna Mishchenko ausgewählt. Gegenden, die wie eben die Krim oder auch Rügen eigentlich Ferienparadiese sind, gehören dazu. Auf der größten deutschen Insel haben Marcel Noack und Sandra Schubert den KdF-Koloss Prora fotografiert. Bezüglich der Schmarzmeer-Halbinsel geht es nicht allein um die Okkupation, die in mehreren Arbeiten thematisiert wird. Im Video „Meeresküste“ erzeugt Mykola Ridnyi bereits 2008, als der Krieg in Georgien lief, mit Bildern gestrandeter Quallen eine bedrohliche Stimmung.

Andere Inseln haben sich nie für Urlaube geeignet, so das Solowetzki-Archipel im Weißen Meer. Michail Tolmachev dokumentiert das praktisch leere Album eines Gulag-Häftlings, das er in einem Archiv fand. Manche Orte sind nur im Sinne von Metaphern als Inseln anzusehen. So das nicht mehr erreichbare Luhansk. Oder Rostow, wo der Prozess gegen Sentsov statfand. Angelina Kariakina befragt in der südrussischen Stadt Einwohner, was den Ort lebenswert macht. Symbolisch wirkt das Ende des Films. Jugendliche betrachten die abendliche Stadt von einem stillgelegten Riesenrad aus und hoffen, dass irgendwer sie wieder herunterholen wird.

Zu den Künstlern gehört Miron Zownir, einst berühmt geworden durch Hardcore-Reportagen aus dem Untergrund amerikanischer Metropolen. Hier steuert er teils skurrile Bilder aus Kiew sowie drei Orten auf der Krim bei.

Die Ausstellung ist weniger wegen der dargestellten, zumeist dramatischen, Ereignisse beklemmend, mehr noch wegen des Gefühls der Ausweg- und Hilflosigkeit. Perspektiven sind nicht erkennbar, nur Zustandsschilderungen. Ganz überzeugen kann die Kompilation aber nicht. Prora wurde schon zu häufig thematisiert, es kommt nichts Neues hinzu. Und was hat Günter Brus hier verloren? Der Wiener Aktionist kasteit sich selbst, die Ukrainer brauchen aber keine artifizielle Inszenierung für ihre Schmerzen.

Zeitgleich begann in einem weiterer Raum der GfZK die Projektion „Hotel Kobenzl“ des Leipziger Fotografen Matthias Hoch. Ein anderer Ort, doch auch so etwas wie eine Insel. Das Hotel steht auf einem Berghang mit herrlichen Panoramablick über dem beschaulichen Salzburg.

Über Jahrzehnte war es eine herausragende Adresse. Nicht nur Größen des Showgeschäfts wie Herbert Grönemeyer oder Udo Jürgens stiegen hier ab, sondern auch Richard Nixon, Margret Thatcher, japanische Prinzen und arabische Scheichs.

Dabei ist es ein gar nicht so großes, familiengeführtes Hotel. Das Interieur wirkt sogar für die Sechziger und Siebziger ziemlich bieder und provinziell, sieht nicht nach Weltläufigkeit aus. Vor acht Jahren wurde der Betrieb eingestellt. Nach bisher gescheiterten Versuchen einer Wiederbelebung oder Umnutzung dient es seit Kurzem als Erstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge. Dieser Abschnitt gehört allerdings nicht mehr zu Hochs Recherchen.

Zwei Jahre hat Matthias Hoch wiederholt im Hotel Kobenzl fotografiert. Er zeigt viele Details, zwangsläufig etwas ramponiert und verschlissen, aber auch ganze Räume, die Terrasse, die Aussicht über das weite Tal bei Sonne, Nebel, nächtlicher Beleuchtung. Hinzu kommt Archivmaterial - Schnappschüsse aus besseren Tagen, Werbeflyer, Einträge ins Gästebuch. So entsteht eine dichte Collage, der man ihren Entstehungszweck für eine Buchpublikation anmerkt. Zwangsläufig muss beim Betrachten der Zweikanal-Projektion wehmütige Stimmung aufkommen, auch wenn man sich für den Stil des Interieurs nicht begeistern kann und man auch die prominenten Gäste nicht unbedingt mögen muss. Doch der Salzburger Zuckerguss hat einen ganz anderen Geschmack von Nostalgie als der bittere Wermut von der Schwarzmeerküste.

Sentsovs Camera. bis 6. November; Matthias Hoch: Hotel Kobenzl. Projektion, bis 30. November; Galerie für Zeitgenössische Kunst, Karl-Tauchnitz-Str. 9-11; Di-Fr 14-19 Uhr, Sa/So 12-18 Uhr

Von Jens Kassner

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