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Der neue Museumsdirektor Alfred Weidinger im Interview: „Ich möchte die Türen aufmachen“

Museum der bildenden Künste Der neue Museumsdirektor Alfred Weidinger im Interview: „Ich möchte die Türen aufmachen“

Seit dem 1. August ist der Österreicher Alfred Weidinger (56) neuer Direktor des Museums der bildenden Künste. Im Interview spricht er über Leipzig, seine Ideen für das Museum und erklärt, warum er das Bauwerk so faszinierend findet. Kritisch äußerte er sich zur Gunter Sachs-Ausstellung „Die Kunst ist weiblich“ von 2008. Diese sei frauenfeindlich gewesen, sagte er.

Kulturbürgermeisterin Skadi Jennicke mit dem neuen Direktor des Museums der bildenden Künste, Alfred Weidinger.
 

Quelle: André Kempner

Leipzig.  Seit dem 1. August ist der Österreicher Alfred Weidinger (56) neuer Direktor des Museums der bildenden Künste. Im Interview spricht er über Leipzig, seine Ideen für das Museum und erklärt, warum er das Bauwerk so faszinierend findet. Kritisch äußert er sich zur Gunter Sachs-Ausstellung von 2008.

Fühlen Sie sich schon angekommen, wie haben Sie den Umzug familiär organisiert?

Ich habe in Wien mit meiner Tochter zusammengelebt. Sie wird 19, beginnt jetzt Biologie zu studieren. So zieht sie nun aus – in eine WG. Und ich ziehe aus – nach Leipzig. Insofern war unter familiären Gesichtspunkten der Zeitpunkt für einen Wechsel  ideal. Ich habe ein kleines Industrieloft im Graphischen Viertel gefunden. Da gefällt es mir gut, es ist lebhaft und gemischt. Ich mag Menschen, will mich nicht verbarrikadieren in einem Umfeld, in dem alles wunderbar und großartig ist. Ich finde es gut, Vielfalt zu erleben. So lerne ich Leipzig besser kennen. Und wie es der Zufall will, ist der Eigentümer ein Künstler.

Die Leipziger haben lange mit dem Museums-Neubau gefremdelt. Bei Ihnen scheint das Gegenteil der Fall zu sein. Sie haben sich schon mit den Architekten getroffen. Warum?

Das ist gute Architektur, und es hat überhaupt keinen Sinn, dagegen anzukämpfen, denn man wird immer verlieren. Es ist stattdessen notwendig, sich mit der Architektur intensiv auseinanderzusetzen, noch dazu, wo sie so dominant ist wie hier. Und wenn man das Gebäude versteht, dann kann man symbiotisch damit arbeiten. Dann gibt einem die Architektur etwas zurück. Deswegen war es mir wichtig, im Vorfeld mit den Architekten zu sprechen. Sie haben mir ihre Idee erklärt, das Prinzip der Passagen aufzugreifen. Diese Transparenz, diese Durchlässigkeit finde ich einfach fantastisch. Das hat man bisher leider noch nicht gelebt. Ich möchte die Türen aufmachen, damit diese Offenheit, die ja das urbane Prinzip der Stadt abbildet, für uns zum Programm wird.

Sie sind jetzt seit dem 1. August im Amt, haben schon länger Fühlung mit Leipzig aufgenommen. Was haben Sie im Haus schon verändert?

Es gibt einige Neuhängungen, die der Architektur geschuldet sind. Ansonsten finde ich das Programm meines Vorgängers durchaus attraktiv. Das wirkt noch bis Sommer nächsten Jahres. Meine ersten Interventionen werden sich im nächsten Jahr abbilden. Bis dahin werden sie in Detailbereichen sichtbar werden, aber noch nicht in einer großen Geste.

Was ist jetzt der Schwerpunkt für Sie?

Ich möchte, dass wir mit einer guten Organisationsstruktur ins neue Jahr starten können. Da die Ausstellungen für nächstes Jahr weitgehend geplant sind, kann ich intensiv an einer Reform arbeiten, ein Funktions-Organigramm für die Abläufe und die Kommunikation anlegen. Das ist für den Anfang sehr wichtig, damit wir die Ziele der Stadt und die Ziele des Museums definieren und ein Leitbild erstellen können. Natürlich spielt auch die Digitalisierung eine große Rolle, die Neuen Medien sind auch so eine Tür, die wir noch öffnen müssen.

Sie haben bei Ihrer Einstiegs-Pressekonferenz gesagt, Leipzig sei die offenste Stadt, die Sie bislang erlebt hätten. Gleichzeitig werden Sie mitbekommen haben, was in Sachsen los ist. Würden Sie sich als politischen Menschen bezeichnen?

Das ist eine Frage, die ich mir in der Vergangenheit selbst schon einige Male gestellt habe, weil ich auch von Kollegen immer wieder höre, dass sie politisch aktiv sind. Kulturpolitisch würde ich sagen: ja, unbedingt. Aber sonst? Klar verfolge ich, was politisch passiert. Mir ist vor allem wichtig, dass es gerecht zugeht, dass man sich freundlich und tolerant verhält, sich auf Augenhöhe begegnet. Aber das ist doch eigentlich nur menschlich, oder?

Sie haben einen erfolgsbezogenen Vertrag, das heißt, wenn Sie eine bestimmte Summe von Drittmitteln akquirieren, gibt es eine Prämie. Setzt Sie das nicht unter unnötigen Druck?

Ich sage Ihnen ganz ehrlich: Ich bin nicht hierher gekommen, um mich finanziell zu bereichern. Ich bin gekommen, weil mich die Aufgabe interessiert. Ich finde es spannend, für eine Stadt tätig zu sein, bisher habe ich bis auf eine Tätigkeit bei einer Stiftung nur Erfahrung mit dem Staat. Eine Stadt ist ganz anders, viel direkter, da ist viel mehr Interaktion möglich. Dafür bin ich hergekommen.

Sie haben bei Ihrer Einführung sechs Säulen genannt, Sie wollen unter anderem Klinger und die Leipziger Kunst ganz neu im Haus etablieren, mit den Wechselausstellungen von unten nach oben ziehen, und und und. Das klingt ein bisschen nach einer freiwilligen Sisyphus-Aufgabe ...

Man muss ja eine Idee haben, an der man sich orientieren kann. Aber die Säulen sind nicht das Programm, sondern das, worauf das Ausstellungsprogramm aufbauen wird. Die konkrete Umsetzung entwickle ich gemeinsam mit den Kuratoren, daran arbeiten wir schon intensiv. Ich gehe davon aus, dass man erst in zwei, drei Monaten wirklich von einem Programm sprechen kann.

Wann, denken Sie, kann die Leipziger Kunst im Tiefgeschoss einziehen, wann die erste Sonderausstellung im 3. Obergeschoss eröffnet werden?

Das wird mindestens eineinhalb Jahre dauern, auch weil wir noch viel lernen müssen. Was die Kunst dieser Stadt anbelangt, möchte ich unnötige Fehler vermeiden. Ich denke dabei an eine interdisziplinäre Expertenkommission, mit der ich besprechen möchte, wie wir mit der Kunst in Leipzig umgehen möchten. Dafür sind unterschiedliche Perspektiven wichtig und Kompromissfähigkeit.

Sie sind mit Hubertus von Hohenlohe befreundet, einem Fotografen, Sänger und Skirennläufer. Einer, der auch für Jetset und Hochadel steht. Was kommt da auf das Museum zu – etwas wie Gunter Sachs 2.0?

Da (lacht) brauchen Sie sich keine Sorgen zu machen. Ich hatte mich im Vorfeld mit den Ausstellungen in Leipzig befasst und bin natürlich auf die 2008 gezeigte Sachs-Ausstellung gestoßen, die bis dato von den Besucherzahlen her die erfolgreichste war. Genau diese Schau ist mir damals in der Albertina angeboten worden. Ich kann mich noch an die Situation erinnern, wie das aus dem Fax rausgekommen ist. Und ich sagte zum Direktor Klaus Albrecht Schröder – ich war damals sein Vize: Diese Ausstellung kann man nicht machen, das ist ein No-Go. Sachs ist ein Playboy und macht eine Ausstellung, die er „Die Kunst ist weiblich“ nennt. Das ist sowas von frauenfeindlich. Darum hat es mich so gewundert, dass es hier funktioniert hat, eine Ausstellung, die ja schon vom Plakat runterschreit, dass es nicht in Ordnung ist. Das hat mich etwas irritiert, muss ich zugeben, ich werde die Frauenfrage definitiv anders angehen.

Das Museum der bildenden Künste wird hier auch gerne „Bildermuseum“ genannt, auch wir als Zeitung nutzen den Begriff, weil er kürzer ist. Kommen Sie damit klar?

Das schmerzt schon etwas. Damit reduziert man die Bildenden Künste auf ein einziges künstlerisches Medium, was schade ist, denn das Gebäude steht für viel, viel mehr. Für mich ist es ein Museum der bildenden Künste.

Es scheint ein paar Leute gestört zu haben, dass sie den ersten Auftrag – für die Erstellung einer neuen Website – nach Österreich vergeben haben. Was sagen Sie den Kritikern?

Glauben Sie mir, dieser Kritikpunkt wird sich im Nu auflösen, die Entscheidung war eine pragmatische. Mir war wichtig, einen neuen Ton anzuschlagen, und das konnte ich nicht aus Leipzig vorbereiten, ich bin ja erst seit ein paar Wochen hier. Deswegen habe ich eine junge Agentur genommen, die ich kenne und die, wie ich finde, eine gute Sprache spricht. Die Kosten dafür werden im Wesentlichen von Sponsoren übernommen, die ich für diese Leistung aufgetrieben habe. Aber es war auch immer klar, dass die Aufgabe, sobald ich hier bin, auf eine Leipziger Agentur übergeht. Unerwähnt blieb aber, dass die gesamte Grafik des Museums seit Jahren von einer Hamburger Agentur gemacht wird: Die Folder, Plakate, alle Drucksachen werden in Leipzig, der Stadt der Grafik, weggegeben. Auch das wird jetzt auslaufen, ich möchte, dass das in Leipzig angesiedelt wird. Das war im eigentlichen Sinne mein erster Auftrag, den ich erteilt habe.

Bleibt Markus Lüpertz’ nicht unumstrittener „Beethoven“, wo er ist?

Ja. Ich habe im Eingangsbereich kein Problem damit. Darüber hinaus ist der Außenbereich definitiv nicht für Skulpturen geeignet, weil die Bäume in ihrer Wirkung so stark sind, dass es nur ganz große Skulpturen schaffen, dagegen anzukommen. Aber ich kann mir sehr gut vorstellen, hier etwa mit Ton, mit Musik zu arbeiten.

Können Sie schon die Leipziger Kunst für sich auf einen Nenner bringen?

Nein, das kann ich noch nicht. Wenn Sie mir vor einer Woche die Frage gestellt hätten, hätte ich wahrscheinlich eine Antwort geben können, aber die habe ich in der Zwischenzeit für mich relativiert. Es ist einfach komplexer. So werde ich vorsichtiger sein mit dem Begriff der Leipziger Schulen, ich möchte diejenigen, die sich davon abgrenzen, nicht ausgrenzen. Vor wenigen Tagen zum Beispiel besuchte mich der Maler Günter Thiele. Er fühle sich diesen Schulen nicht zugehörig, sagte er. Er ist ein bedeutender Maler, der sein ganzes Leben in Leipzig gearbeitet, sich für die Stadt engagiert hat. Eine Legende. Etwas traurig war es, mit ihm durch die Ausstellung zu gehen und festzustellen, dass kein einziges Bild von ihm im Museum hängt.

Das klingt, als ob sich das ändern könnte.

Ich würde sagen, das ändert sich verhältnismäßig rasch.

Von Jürgen Kleindienst

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