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Der richtige Thomaskantor für „Die Geheimnisse der Harmonie“

Bachfest: Eröffnungskonzert in der Thomaskirche Der richtige Thomaskantor für „Die Geheimnisse der Harmonie“

Mit Musik von Johann Sebastian Bach haben Gotthold Schwarz, Leipziger Chöre und das Gewandhausorchester in der ausverkauften Thomaskirche das Bachfest 2016 eröffnet

Thomaskantor Gotthold Schwarz, der 17. Nachfolger Johann Sebastian Bachs

Quelle: Kempner

Leipzig. Bach ist Anfang und Ende aller Musik – so oder so ähnlich hat es jeder schon einmal gesagt, der ernsthaft mit Musik zu tun hat und halbwegs bei Sinnen ist. Burkhard Jung etwa, der Oberbürgermeister der „schönsten Halbmillionen-Stadt Deutschlands“, gestern Abend in der auserkauften Thomaskirche bei seinen warmen Worten zur Eröffnung des 18. Bachfestes seit der Wiederbelebung oder John Eliot Gardiner, dessen Künstlerischer Leiter, in seinen Einführung. Max Reger, der vor 100 Jahren in Leipzig starb und dessen Andenken dieses Bachfest auch gewidmet ist, sagte und schrieb es immer wieder. Kurzum: Man mag es kaum mehr hören. Bis man es dann wirklich hören kann – in diesem grandiosen Auftaktkonzert, in dem eine Binse zur Weisheit wird, weil Musik sie trägt.

Weit spannt das Programm den Bogen. Von der marmornen c-moll-Passacaglia, in der Bach über acht immer gleichen Takten einen ungeheuerlichen Orgelkosmos schuf, den Thomasorganist Ullrich Böhme mit unbestechlicher Präzision und dennoch nicht kalt spielt. Über Bachs unerhörte Kantate „O Ewigkeit, du Donnerwort“ BWV 20, deren autographe Partitur das Bach-Archiv kaufen könnte, würde es auf dem Spendenwege die nötigen Mittel zusammenbekommen. Bis zum Choral „O Ewigkeit, du Donnerwort“, in dem Bachs „Geheimnisse der Harmonie“, von denen dieses Bachfest das Motto hat, zu sprechen, Trost zu spenden beginnen.

In den hinein mündet Max Regers Fragment eines lateinischen Requiems, in dem er den Geheimnissen der Harmonie so weit auf den Grund ging, dass er mit einem Fuß schon in einer Neuen Musik stand. Vielleicht ist der Schreck im Angesicht der eigenen Courage einer der Gründe dafür, dass er den zweiten Fuß nicht nachzog und die Komposition mitten im Dies irae abbrach, im Jüngsten Gericht also. Für dieses Werk, in Regers Vokalsinfonik das beste, war das kein Schaden. Denn die Dimensionen sind bis dahin schon so gewaltig, dass die vollständige Totenmesse die von Hector Berlioz wie ein neues geistlichen Lied hätte aussehen lassen. Und wenn Reger, seiner Gewohnheit treu, in dieser guten halben Stunde Musik vom Ende der Zeit noch jeden weißen Partitur-Fleck mit Noten gefüllt hätte, es wäre nicht nur dem Werk nicht gut bekommen, sondern auch nicht dem Eröffnungsabend des Bachfestes. Denn so, wie es jetzt ist, das Requiem-Fragment, gibt es Gotthold Schwarz die Möglichkeit, Regers ästhetische Bach-Nachfolge ohrenfällig zu machen.

Natürlich klingt diese Musik vom letzten Ende der Spätromantik völlig anders als die auf dem höchsten Gipfel des Barocks. Aber sie atmet den selben Geist. Weil sie von der gleichen Tradition lebt und vom sicheren Handwerk eines Komponisten, dem es um tönende Universalität zu tun ist. Und um Polyphonie. Die ist im Requiem-Fragment zwar kleinteilig bis zur Atemlosigkeit – aber sie trägt sicher die harmonischen Fundamente dieses Tableaus vom Tod, das Reger zu Beginn des Ersten Weltkriegs schrieb.

Dass Schwarz dies hörbar macht, ist durchaus keine Selbstverständlichkeit. Allzu leicht geht das horizontale Filigran der Stimmen unter im großorchestralen Taumel des Schmerzes, der Trauer, der Angst. Doch Schwarz legt hier Strukturen mit der gleichen liebevollen Akribie frei wie in Bachs komplexer Pracht-Kantate. Ganz natürlich setzen sich da die Solisten Julia Sophie Wagner, Elvira Bill, Martin Petzold und Tobias Berndt gegenüber dem gewaltig klangschönen Zusammenschluss von Thomanerchor, Thomasschul- und Universitätschor Leipzig durch. Und alle zusammen umfängt das Gewandhausorchester als gleichberechtigter Partner. Nicht nur auf den weiten Strecken der fahlen Stille im gregorianischen Geiste, die Schwarz ins Zentrum seiner Interpretation vor allem des Requiem aeternam und des Kyrie setzt, sondern auch in den brüllenden Ausbrüchen, zu denen das Dies irae sich ein ums andre Mal aufschwingt. So musiziert, hat Reger nichts Kolossales, sondern ist tönende Wahrhaftig-, Klang gewordene Menschlichkeit.

Dass er Bach kann wie nicht viele andere, das hat Gotthold Schwarz über die Jahre immer wieder bewiesen. Aber dass er auch die Tonmassen Regers aus der Partitur ins Ohr und zum Herzen tragen kann, das dürfte auch die Letzten in der Thomaskirche davon überzeugt haben, dass dieser große Musiker völlig zu recht seit vorgestern ganz offiziell als Thomaskantor der 17. Nachfolger Johann Sebastian Bachs ist. Gewählt vom Stadtrat, via ausufernder Akklamation im Konzert bestätigt von Bach-Kennern und -Liebhabern aus aller Herren Länder. Auf diesem Niveau kann es gern weiter gehen mit den „Geheimnissen der Harmonie und dem Bachfest 2016.

Von Peter Korfmacher

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