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Deutsche Autoren und die Mauer - "Tragödie und Possenspiel"

Deutsche Autoren und die Mauer - "Tragödie und Possenspiel"

Als vor 50 Jahren am 13. August 1961 in Berlin die Mauer gebaut wurde, war unter den Proteststimmen eine laut gestellte Frage: „Und was können die Schriftsteller tun?“ zu hören.

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Als vor 50 Jahren am 13. August 1961 in Berlin die Mauer gebaut wurde, war unter den Proteststimmen eine laut gestellte Frage: „Und was können die Schriftsteller tun?“ zu hören.

Quelle: dpa

Berlin. Der damals in Berlin (West) wohnende Autor Günter Grass („Die Blechtrommel“) zögerte nicht lange und griff schon am nächsten Tag zur Feder. Er schrieb einen flammenden Appell als Offenen Brief an die in der DDR lebende große alte Dame der deutschen Literatur, Anna Seghers, sie dürfe zum Mauerbau nicht schweigen. Seghers war damals Vorsitzende des DDR-Schriftstellerverbandes.

Die Haltungen der Autoren in Ost und West zum Mauerbau und dessen Folgen für ihr Werk standen am Wochenende im Mittelpunkt einer Tagung der Deutschen Gesellschaft in Berlin unter dem Motto „Geteilter Himmel - geteiltes Land? Deutsche Autoren und die Mauer“, unter anderem mit Rolf Hochhuth, Thomas Brussig und Helga Schubert.

Brussig („Helden wie wir“, „Sonnenallee“), der für Udo Lindenberg auch das Libretto zu dem Ost-West-Musical „Hinterm Horizont“ schrieb, nannte die deutsche Teilung „eine Tragödie“. Der Einigungsprozess dagegen sei eher ein „Possenspiel“ gewesen. Es habe zu hohe Erwartungen gegeben und viele Illusionen seien zerplatzt, bekannte Brussig am Sonntag auf der Tagung. Dennoch gebe es wohl in der Geschichte kein vergleichbares Ereignis, „das so überraschend so viele Glücksgefühle freigesetzt hat. Der Mauerfall war ein Unikat“.

Allerdings werde die innere Einheit der Deutschen wohl erst dann erreicht sein, wenn auch die sozialen Verhältnisse in Ost und West sich angeglichen hätten, prognostizierte Brussig. „Aber für die acht Prozent der Deutschen, die die Mauer wiederhaben wollen, sollte man ein eigenes Territorium schaffen und ihnen dort ihre Mauer wieder aufbauen, möglichst ringsherum.“

Auf der Tagung wurde auch an den damaligen Appell von Günter Grass erinnert, der übrigens auch auf westlicher Seite nicht unumstritten war. Der spätere Literaturnobelpreisträger appellierte an Seghers mit den Worten: „Ihr Buch „Das siebte Kreuz“ hat mich geformt, hat meinen Blick geschärft (...) Es darf nicht sein, (...) daß Sie die Gewalttätigkeit einer Diktatur verkennen (...) Vertrösten Sie mich nicht auf die Zukunft (...) Sie mögen als schwache und starke Frau Ihre Stimme beladen und gegen die Panzer, gegen den gleichen, immer wieder in Deutschland hergestellten Stacheldraht anreden, der einst den Konzentrationslagern Stacheldrahtsicherheit gab!“

Grass und sein Kollege Wolfdietrich Schnurre („Als Vaters Bart noch rot war“) ließen wenige Tage später noch einen öffentlichen Appell an den ostdeutschen Schriftstellerverband folgen. Die beiden westdeutschen Autoren mahnten, es gebe keine „Innere Emigration“, denn „auch zwischen 1933 und 1945 hat es keine gegeben. Wer schweigt, wird schuldig“.

Als einziger ostdeutscher Schriftsteller antwortete damals Stephan Hermlin öffentlich, der im Mauerbau kein Unrecht sah, wie er betonte. Er habe seiner Regierung am 13. August zwar „kein Danktelegramm“ geschickt, sie habe aber seine „uneingeschränkte ernste Zustimmung“, weil die Maßnahmen einem Friedensvertrag zwischen beiden Staaten dienen könnten, „der allein angetan ist, den gefährlichsten Staat der Welt, die Bundesrepublik, auf ihrem aggressiven Weg zu bremsen“.

Rund 20 Jahre später wird Hermlin bei einem Ost-West-Autorentreffen in der (West-)Berliner Akademie der Künste sagen, man dürfe „einander die Friedensfähigkeit nicht absprechen“. Grass sprach 1983 von „mittlerweile in beiden deutschen Staaten diffamierten Friedensbewegungen“.

Später gingen in der DDR manche Autoren mit sich zu Rate, vor allem nach der Ausbürgerung Wolf Biermanns 1976 aus der DDR. 1977 notierte Christa Wolf („Der geteilte Himmel“) in ihrem später auszugsweise veröffentlichten Tagebuch: „Ich frage mich, welchen Preis ich täglich unbewusst zahle, einen Preis in der Münze: Wegsehen, weghören, oder zumindest: schweigen. Ich denke oft, ob die Rechnung dafür uns noch zu unseren Lebzeiten präsentiert wird. Wenn nicht, muss ich sie mir selber präsentieren.“

Das Wegsehen war aber keine spezifische ostdeutsche Eigenschaft. Auf der Tagung wurde auch beklagt, das Interesse am Thema Mauerbau und den Folgen für die Menschen in Ost und West habe vor allem bei westdeutschen Autoren bald nachgelassen. Dafür sei die ideologische Mauer zwischen Ost und West noch gewachsen. Der Schriftsteller Ulrich Schacht, der in der DDR wegen „staatsfeindlicher Hetze“ zu sieben Jahren Freiheitsstrafe verurteilt wurde, meinte, er und viele Kollegen hätten „über und gegen die Mauer geschrieben, als es üblich war, sich mit dem Status quo in Deutschland zu arrangieren“.

Eine Art „Schlusswort“ zu der Berliner Autorentagung konnte man in einer Ausstellung in den Räumen der Deutschen Gesellschaft mit Fotos von der innerdeutschen Grenze mit Wachtürmen, Todesstreifen und Selbstschussanlagen von Martin Walser lesen: „Deutsch-deutsches Stillleben. Und das haben Intellektuelle eine Kulturnation genannt.“

Wilfried Mommert, dpa

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