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„Deutsche Literatur wird internationaler“ - Jury-Chefin über Preis der Leipziger Buchmesse

„Deutsche Literatur wird internationaler“ - Jury-Chefin über Preis der Leipziger Buchmesse

Seit 2005 wird der Preis der Leipziger Buchmesse vergeben, jeder der drei Preisträger erhält 15 000 Euro. Gewürdigt werden damit herausragende deutschsprachige Neuerscheinungen in den Kategorien Belletristik und Sachbuch/Essayistik sowie Übersetzungen.

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Stichwort: Der Preis der Leipziger Buchmesse

Verena Auffermann

Quelle: Leipziger Messe

Leipzig. Im Vorjahr hatten 131 Verlage 480 Titel eingereicht, diesmal sind es 460. Sieben Fach-Juroren entscheiden nun über die Preisträger, Jury-Chefin Verena Auffermann spricht über Zahlen, Trends und Beständiges.

Frage:

Am 30. November war Einsendeschluss für den Preis 2012 –Wieviele haben sich beworben?

Verena Auffermann:

Diesmal sind es 147 Verlage mit 460 Titeln. Im Vorjahr waren es 480 eingereichte Bücher. Wir haben seit dem vergangenen Jahr neue Regularien: Es werden jetzt pro Kategorie und Verlag nur noch zwei Titel eingereicht statt drei – das war eine Flut, die nicht zu bewältigen ist. Jetzt haben wir einfach ein besseres Gefühl.

Es gibt den Vorwurf, beim Preis der Leipziger Buchmesse wie auch beim Deutschen Buchpreis würden ausschließlich Titel etablierter Verlage gewinnen.

Das kann man schon sagen, wenn man sich die Verlage anschaut, die da ausgezeichnet werden. Das liegt nicht an uns, das liegt an der Qualität. Der Vorwurf trifft sich aber mit unserem Wunsch – ich würde mich über nichts mehr freuen als über ein Buch aus einem kleinen Verlag, das den Preis gewinnt. Und diesmal haben sich enorm viele Kleinverlage gemeldet, deren Namen ich zum Teil noch nie gehört habe: Persimplex, Mabuse oder Unsichtbar. Das bedeutet, dass die Branche lebt. Dass neben den großen und Konzern-Verlagen immer mehr kleine aufmachen, finde ich erfreulich. Sie könnten ja auch sagen: Ach Gott, wer liest denn noch, gucken alle auf ihre Apps ... Doch es gibt immer noch die Enthusiasten, die Büchermenschen.

Bekommen Sie die Bewerbungen eigentlich als gedrucktes Buch oder als E-Book?

Wir haben seit vergangenem Jahr die Zusammenarbeit mit Sony, so dass wir noch ungedruckte Neuerscheinungen gleich auf den Reader geladen bekommen. Aber die Bücher, die schon vorhanden sind, die lese ich wie eh und je auf Papier. Der Reader hat den enormen Nachteil, dass alles gleichaussieht – und unser Gedächtnis hat ja doch die Eigenschaft, sich an gewisse Dinge zu erinnern wie Einband, Papier, Druck, Satz.

Wie alt dürfen die Bücher sein, um in die Auswahl zu kommen? 

Die Verlage sollten Titel einreichen, die ab September erschienen sind oder bis März erscheinen. Unser Wille ist, dass wir die neuen Frühjahrsbücher alle sehen, und dass wir denen auch einen gewissen Vorzug geben, aber nicht ungerecht sind gegenüber den Büchern des Herbstes, die keine Chance hatten, in Frankfurt wahrgenommen zu werden.

 

Zeichnen sich inhaltlich schon Schwerpunkte ab?

Es wird, so weit ich das jetzt überblicke, ein welthaltiges und interessantes Bücherfrühjahr 2012. Die deutsche Literatur wird immer internationaler. Autoren aus Aserbaidschan, aus Ungarn, Tschechien oder dem Iran, die jetzt in Deutschland wohnen, schreiben, was sie zu Hause erlebt haben. Das sind zum Teil sehr politische Bücher, und das erweitert unser Blickfeld.

Im Herbst gab es viele Romane, in denen die DDR eine Rolle spielte...

Es gibt weiter die Bücher, die von den politischen Umbrüchen handeln, von Revolutionen, insbesondere von einer Revolution, es gibt immer wieder familieninterne Auseinandersetzungen, Einblicke in den Alltag der DDR, immer wieder Neuentdeckungen – besonders für uns hier im Westen. Ich könnte mir vorstellen, auch für den Ostleser gibt es immer neue Feineinstellungen von Empfindungen, Empfindsamkeiten, Erlebnissen. Die Blicke zurück muss man ja immer erst sortieren, deshalb finde ich es nicht verwunderlich, wenn das 20 Jahre dauert ...

... zumal es durchaus nachwirkt.

Er wirkt nach, es wird klarer, manchmal müssen auch erst die Protagonisten sterben, bevor der Autor sich wagt, die Geschichte aufzuschreiben. In Westdeutschland ist es genau dasselbe: Man schaut, wo man eigentlich lebt. Was wir  auch wieder haben, sind Kindheitserinnungen, gnadenlos präzise Blicke auf nachbarschaftliches Leben in westdeutschen Städten, böse Blicke auf Naheliegendes, was wir manchmal übersehen.  Oft ereignen sich ja die wesentlichen Dinge vor der eigenen Haustür. Oder im eigenen Zimmer.

Wie wichtig sind spezielle Schreibweisen wie etwa die Helene Hegemanns, 2010 nominiert mit „Axolotl Roadkill“?

Das war einfach eine junge Stimme, etwas Neues, Radikales, was uns da gereizt hat. Ein anderer Ton, ein Ton, der in unsere Zeit passt.

Wem nützt der Preis am meisten? Den Verlagen? Den Lesern zur Orientierung? Den Autoren zum Überleben?

Wenn ein Buch 100 000 Mal verkauft wird, ist das schon schön. Doch daran hängt noch etwas anderes, und das sind   viele Lesungen, viele Reisen. Ein Autor, der den Buchpreis gewinnt,  tourt  mindestens ein Jahr, es folgen Einladungen auf Podien, und er hat einen hohen Bekanntheitsgrad. Wie das dann weitergeht, ist eine andere Geschichte. Aber denken wir an Sibylle Lewitscharoff: Sie ist 2009 durch den Leipziger Preis wirklich enorm bekanntgeworden.

Funktioniert das so auch bei den Sachbüchern?

In kleinerem Umfang. Aber wir wollen alles dafür tun, dass der Sachbuchpreis noch stärker ins Licht rückt, planen in Berlin, im Roten Salon der Volksbühne, einen Abend mit den Shortlist-Nominierten.

Welche thematischen Schwerpunkte gibt es hier?

Da kommt die Nazivergangenheit vor, die DDR, die deutsche Seele, der arabische Frühling, im Jahr 2012 natürlich Preußen unter Friedrich II.. Und es gibt eine umfangreiche Biografie über Alfred Döblin.

Auch der Übersetzer-Preis rückt eine zu selten beachtet Profession in den Fokus der Aufmerksamkeit.

Das ist eine grandiose Arbeit. In diesem Frühjahr erwartet uns ein Buch des Ungarn Péter Nádas, „Die Parallelgeschichten“, 1700 Seiten, übersetzt von Christina Viragh Kurt Flash hat Dantes „Göttliche Komödie“ neu übertragen,  auch das ist ein Lebenswerk. Ganz besonders freue ich mich auf Vera Bischitzky Übersetzung von Gontscharows „Oblomow“. Das Buch passt einfach in jede Zeit.

Welche Bücher verschenken Sie zu Weihnachten?

Ich verschenke Sibylle Lewitscharoffs „Blumenberg“, ein vielseitiges Buch. Man hat als Leser große Freude daran, es zu interpretieren, sieht immer wieder  Neues und freut sich an seinen eigenen Entdeckungen. Jeder schreibt sein eigenes Buch beim Lesen.

Interview: Janina Fleischer

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