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Deutscher Buchpreis für Österreicher Robert Menasse

Jenseits nationaler Egoismen Deutscher Buchpreis für Österreicher Robert Menasse

Der Autor hat selbst vor Ort in Brüssel recherchiert. Jetzt hat Robert Menasse für seinen vielschichtigen Roman über die EU-Bürokratie in Brüssel den Deutschen Buchpreis erhalten.

Robert Menasse bekommt den Deutschen Buchpreis 2017.

Quelle: dpa

Frankfurt/Main. Der Deutsche Buchpreis geht an Robert Menasse. Die Jury zeichnet damit den Roman „Die Hauptstadt“ aus und würdigt: „Dramaturgisch gekonnt gräbt er leicht-händig in den tiefen Schichten einer Welt, die wir die unsere nennen.“ Seine Zeitgenossenschaft sei literarisch so real, dass sich Zeitgenossen im Werk wiedererkennen und Nachgeborene diese Zeit besser verstehen werden. Der Roman des 1954 in Wien geborenen Autors sei der erste EU-Roman und auch ein Plädoyer für ein Europa jenseits nationaler Egoismen. „Das Humane ist immer erstrebenswert, niemals zuverlässig gegeben: Dass dies auch auf die Europäische Union zutrifft, das zeigt Robert Menasse mit seinem Roman ,Die Hauptstadt’ auf eindringliche Weise“, so die Jury. Nominiert waren außerdem Gerhard Falkner, Franzobel, Thomas Lehr, Marion Poschmann und Sasha Marianna Salzmann.

Der Deutsche Buchpreis wird seit 2005 vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels vergeben. Der Sieger erhält 25.000 Euro, die übrigen fünf Autoren bekommen jeweils 2500 Euro. Allen zusammen garantiert ist Aufmerksamkeit – auf die die Literatur so angewiesen ist, wie die Autoren es sind, die Verlage und Buchhändler. Auch dabei helfen Preise, und auch dafür gibt es die Buchmessen.

Die Verleihung des Deutschen Buchpreises gilt als Auftakt der Frankfurter Buchmesse, zu deren Eröffnung heute Abend Bundeskanzlerin Angela Merkel und Frankreichs Staatspräsident Emmanuel Macron erwartet werden. Frankreich ist in diesem Jahr Gastland und schickt fast 200 Schriftsteller aus der frankophonen Welt, unter ihnen Michel Houellebecq, Yasmina Khadra, Yasmina Reza, Nancy Huston, Amélie Nothomb, Dany Laferrière. Mehr als 500 Übersetzungen ins Deutsche werden präsentiert, rund 300 Veranstaltungen sind geplant.

Insgesamt kommen etwa 1000 Autoren und schreibende Prominente nach Frankfurter. „Der Autor verlangt immer mehr, dass er auch sein Publikum trifft“, sagt Buchmessen-Chef Juergen Boos. Er wolle die Messe für das lesende Publikum attraktiver machen. Das hat – anders als bei der Leipziger Buchmesse – erst am Wochenende Zugang, nach den Fachbesuchern. Und es wird – wie in Leipzig schon lange – zunehmend mit Lesungen umworben. So stellt Dan Brown am Samstag vor 2000 Leuten seinen neuen Thriller vor. Und Boos will „das in den nächsten Jahren massiv ausbauen“.

Bis Sonntag werden rund 270 000 Besucher erwartet, 7000 Aussteller aus 100 Ländern haben sich angekündigt, 4000 Veranstaltungen sind geplant. Von heute bis Freitag lesen jeweils 18 Uhr in der Katharinenkirche Schriftsteller wie Nora Gomringer, Michael Kleeberg, Judith Schalansky, Janne Teller oder Frank Witzel Literatur von Menschen aus Kriegs- und Krisengebieten.

Die Aktion mit dem Titel „Zwischen Zeilen – Eine Stunde Schönheit“ ist Teil des Veranstaltungen zum Schwerpunkt Meinungsfreiheit, die der Börsenverein des Deutschen Buchhandels unter dem Slogan „Für das Wort und die Freiheit“ bündelt. Autoren, Journalisten und Verleger, die unter Verfolgung und Zensur leiden, sind zu Gast; der Raif Badawi-Award for courageous journalists wird verliehen; auf mehreren Bühnen finden Podiumsdiskussionen zu den Themen Meinungsfreiheit, Diskussionskultur und Zensur statt. „Wir haben komplett verlernt, uns mit Themen auseinanderzusetzen, die uns nicht passen“, hat Alexander Skipis am Wochenende kritisiert. Der Hauptgeschäftsführer des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels fordert eine „neue Debattenkultur“ in Deutschland. In der Messehalle 5.0, E 143 ist eine Ausstellung zur Geschichte verbotener Bücher zu sehen, die insbesondere auf die letzten 92 Jahre in der Türkei schaut. Zum Abschluss wird am Sonntag der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels in der Frankfurter Paulskirche verliehen – er geht an die kanadische Schriftstellerin Margaret Atwood.

Natürlich kommt die Buchmesse zum Reformationsjubiläum an Martin Luther nicht vorbei. Nicht nur habe das Jahr „doch eine reiche Bücherernte gebracht“, wie der Theologe Johann Hinrich Claussen resümiert. Der Kulturbeauftragte der Evangelischen Kirche in Deutschland sagt auch: „Deutsche Lesekultur ist eine Errungenschaft der Reformation.“ Das Lesen sei mehr als eine Kulturtechnik, nämlich eine „Erfüllung des Eigenen“, ein „hochkreativer Akt“, ein Rückzug aus der Dauererreichbarkeit durch Digitalisierung. Bücher sind ja Lebensbegleiter“, sagt Claussen, „immer noch“.

Die Zahl der jährlichen Neuerscheinungen geht weiter zurück. Im vergangenen Jahr sind 72 820 neue Titel in Erstauflage erschienen. Das waren fast fünf Prozent weniger als 2015. Dennoch bleibt der deutsche Buchmarkt der zweitgrößte der Welt (nach den USA). Der lange an den Horizont gemalte E-Book-Hype ist ausgeblieben: Der Umsatzanteil elektronischer Bücher liegt bei etwas mehr als fünf Prozent, 2016 ging der Anteil der E-Book-Käufer erstmals zurück: auf 3,8 Millionen (2015: 3,9 Millionen).

Für den Deutschen Buchpreis geht es nach der Verleihung am Montag auf der Buchmesse weiter: In Halle 3.1, Stand J 83, zeigt eine Ausstellung alle 260 nominierten Titel aus 13 Jahren. Robert Menasse liest am Samstag um 14 Uhr auf der Bühne des Börsenverein (Halle 3.1, Stand H 85).

Janina Fleischer

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